Tausende tote Schweinswale & Delfine – EU Gesetze werden nicht umgesetzt

 

 

Kampen 2.6.2015 Gabi Vogt

Foto: Gabi Vogt

München, 16.11.2017: Die Wal- und Delfinschutzorganisation WDC hat die Umsetzung der EU-Regulation gegen Beifang untersucht und kritisiert scharf, dass sie von den meisten Ländern ignoriert wird. In der kommenden Woche soll bei einer Abstimmung im EU-Parlament die bestehende Regulation sogar noch weiter abgeschwächt werden. Beifang ist die größte Gefahr für Wale und Delfine – jedes Jahr sterben weltweit Hunderttausende Meeressäuger qualvoll in Fischernetzen.

 Besonders heikel ist, dass die EU-Abstimmung von Spanien geleitet wird – dem Land mit der größten Fischereiflotte Europas. Spanien hat bisher keinerlei Maßnahmen in die Wege geleitet, um Beifang zu melden, zu überwachen oder zu vermeiden. Nun schlägt die EU-Fischereikommission im aktuellen Textentwurf sogar vor, die Schutzmechanismen für Wale, Delfine und Schweinswale in den Gewässern rund um Spanien gänzlich aufzuheben, obwohl die Beifangzahlen in diesem Gebiet dramatisch hoch sind.

 WDC veröffentlicht heute einen Bericht, in dem die Umsetzung der EC Regulation 812/2004 nach Ländern aufgeschlüsselt wird (siehe Anhang). WDC-Forscher haben dazu die Daten von 15 EU-Mitgliedsstaaten aus den Jahren 2006–2014 analysiert, die im Nordostatlantik, der Nordsee und der Ostsee Fischfang betreiben. Bei der Auswertung schneidet Spanien zusammen mit Finnland und Schweden besonders schlecht ab. Der einzige EU-Mitgliedsstaat, der die Regulation gut umgesetzt hat, ist das Vereinigte Königreich.

 Noch immer sterben jährlich Tausende von Walen, Delfinen und Schweinswalen als Beifang in den Gewässern rund um die britischen Inseln. Auch in der deutschen Nord- und Ostsee verenden jedes Jahr Hunderte Schweinswale. Die Meeressäuger verfangen sich in Netzen oder Leinen und können nicht mehr an die Oberfläche schwimmen, um zu atmen. Im Kampf ums Überleben ziehen sie sich tiefe Wunden und gebrochene Knochen zu, viele ersticken schließlich qualvoll unter Wasser.

 „Es gibt kaum eine Tierart in Deutschland, die auf dem Papier besser geschützt ist als der Schweinswal. Allein die mangelhafte Umsetzung der rechtlich verbindlichen EU Regulationen macht alle theoretischen Schutzbemühungen zunichte“, so Fabian Ritter, Meeresschutzexperte bei WDC.

 Der WDC-Bericht zeigt, dass die meisten EU-Mitgliedsstaaten Beifang als Bedrohung für Wale und Delfine nicht ernst nehmen und die bestehende Gesetzgebung zu schwach ist, um Meeressäuger effektiv zu schützen. Mehr als ein Jahrzehnt nach der Einführung der Regulation gibt es noch viele Unklarheiten in Bezug auf Populationsgrößen sowie inadäquate Maßnahmen zur Überwachung und Vermeidung von Beifang (wie beispielsweise den Einsatz akustischen Scheuchvorrichtungen oder räumlichen Maßnahmen wie Fischereiausschluss aus Schutzgebieten). Die tatsächliche Zahl der Beifang-Opfer ist vermutlich weitaus höher als bisher bekannt. Dies hat gravierende Auswirkungen auf die Populationen und Individuen in europäischen Gewässern.

WDC fordert, bei der Abstimmung im EU-Parlament die Maßnahmen zur Einschränkung von Beifang zu stärken, anstatt sie sogar noch aufzuweichen. Die schockierenden Daten von unabhängigen Experten sowie der EU-Kommission selbst zeigen das Ausmaß des Beifangs deutlich: die derzeitigen Empfehlungen zur Überwachung und Eindämmung von Beifang erfüllen nicht ihren Zweck. Eigentlich sollten EU-Mitgliedsstaaten dazu verpflichtet werden, die Regulation entsprechend umzusetzen und strengere Maßnahmen zur Reduzierung von Beifang zu ergreifen. Sonst ist zu befürchten, dass die Zahl der Beifang-Opfer in den nächsten Jahren noch weiter ansteigt. „Dies wäre eine Katastrophe für den Meeresschutz in Europa und ein echtes Armutszeugnis für die EU Umweltgesetzgebung. Vor allem aber würde es das unsägliche Leid der Delfine und Wale in europäischen Gewässern verlängern. Dies dürfen wir auf keinen Fall zulassen!“, so Ritter weiter.

Michaela Harfst, WDC

Wunschliste im Spannungsfeld Naturschutz/Tourismus

wZAObXYUweBgtmeEdV2-xQAm kommenden Donnerstag tagen Naturschützer gemeinsam mit Touristikern der Wattenmeerküste Deutschlands und Dänemarks in Hörnum. Die Fachtagung “Natur & Tourismus” wird von der Nationalparkverwaltung und der Nordsee-Tourismus-Service GMBH (zuständig für die Werbung der gesamten Nordseeküste Schleswig-Holsteins), dem WWF und weiteren Partnern veranstaltet.

Kernvorträge werden seitens der Insel Sylt von Moritz Luft, dem Geschäftsführer der Sylt Marketing Gesellschaft (SMG) und Thomas Vodde, dem Kurdirektor und Projektleiter “Klimainsel Juist” vorgetragen.

Das Nationalparkamt wagt sich mit Martin Stocks Themenvortrag “Salzwiese” aus ihrem Kernbereich Watt ein wenig auf die Insel hinauf, die ja selbst gar nicht Teil des Nationalparkes ist. Bleibt zu hoffen, dass der Vertreter der Uni Hamburg, Herr Martin Döring, mit seinem Exkurs zum “Heimatgefühl” einen Kontrapunkt setzt, der zur angeregten Diskussion über Probleme im Spannungsfeld von Tourismus und Naturschutz auf Sylt und anderen Inseln beiträgt.

Zur Anregung einer lebhaften Diskussion (und weil bald Weihnachten ist)  hier die Wunschliste eines sylter Naturschützers:

Wunschliste an den Tourismus auf den Inseln und an der Küste

Ich wünsche mir…

⁃ eine ehrliche und verlässliche Partnerschaft zwischen Naturschutz und Tourismus
weil der Tourismus weiss, dass die Naturlandschaft mit ihren Lebensformen die notwendige Grundlage für einen Inseltourismus ist und der Naturschutz weiss, dass gemeinsam mit dem Tourismus Forderungen zum Schutz von Natur und Umwelt besser gegenüber Profitinteressen und sonstige Begehrlichkeiten durchgesetzt werden können.

⁃ eine Zusammenarbeit auf Augenhöhe 
Viele Naturschützer haben derzeit die Wahrnehmung, dass Natur auf der Agenda des Tourismus eine Nische unter vielen ist, die vermarktet wird. Wir sehen den Schutz von Natur und Landschaft jedoch als Querschnittaufgabe und Grundlage für alle touristischen Aktivitäten.

Wir glauben, dass dies auch in den meisten Gremien Konsens ist, spätestens seit Anerkennung der Wattenmeerregion als Weltnaturerbe. Dieser Konsens wird jedoch zu wenig gelebt und zum Ausdruck gebracht. Gelebte Gemeinsamkeit würde für uns heissen, dass touristische Gremien offensiver und mit hoher Priorität Ziele des Natur-, Umwelt- und Klimaschutzes gegenüber anderen Interessen vertreten.

Dazu gehört auch die Wahrnehmung von Wachstumsgrenzen im Tourismus und eine Sensibilität dafür zu entwickeln, welche Veranstaltungen und Massnahmen in ein gutes Miteinander von Tourismus und Naturschutz passen. Diese Sensibilität wird derzeit seitens der Naturschutzseite häufig vermisst.

Konkret wünsche ich mir beispielsweise folgende Massnahmen:

⁃ Durchführung von Nachhaltigkeitskampagnen seitens der touristischen Organisationen (auf Sylt z.B. SMG und des ISTS (und weiterer insularer Tourismuspartner).
Diese sollte sowohl das Außen- wie auch das Binnenmarketing umfassen.

Beispiele: Aussen-Marketing

⁃ gezielte Werbekampagnen um Langzeittouristen zu locken und Kurzzeitgäste zu vermindern

⁃ gezielte Werbekampagne um Urlauber zu überzeugen ihr Auto stehen zu lassen (am Besten schon im Heimatort), bzw. eine Klima- freundliche Anreise zu wählen.

⁃ gezielte Kampagne für eine Plastik-verpackungsfreie-Insel/Küste

⁃ gezielte Aktionen und Anreize für Gäste um klimafreundliches Verhalten auf am Urlaubsortl zu fördern

Beispiele: Binnen-Marketing

⁃ Nachhaltigkeits-Zertifizierung aller touristischen Einrichtungen durchführen

⁃ Nachhaltigkeit-Fortbildungen für alle Mitarbeiter anbieten

⁃ eigene Fuhrparke auf E-Mobilität umstellen

⁃ innovative Ideen zum Thema Verkehr  proaktiv  durchsetzen

(kostenloser ÖPNV, Co2 frei-mobil)

⁃ eigene Veranstaltungen „plastikfrei“ und „CO2-frei“ durchführen

⁃ gezielte Aktionen und Anreize für Mitarbeiter und Partner um klimafreundliches Verhalten zu fördern

⁃ Nachhaltigkeit (Klima, Umwelt, Natur) als hohen Wert in die touristischen Bilanzen mit hineinzunehmen, statt nur Gästezahlen, Bettenzahlen und Gewinne zu betrachten. (Wertewandel)

- Selbstverpflichtung: die Kooperation mit-, die Bewerbung und Gutheissung von …offensichtlich klimaschädlicher/n oder dem Landschafts-/Umwelt-und Naturschutz abträglicher/n Veranstaltungen, Vorhaben und Aktivitäten zu unterlassen.

Proaktiv auf Partner einwirken, das Klimawandelziel umzusetzen (zB. Autofirmen die bei Großveranstaltungen  ausstellen dazu zwingen nur ihre E-mobile vorzustellen).

⁃ umgekehrt „inselfreundliche“ Aktivitäten zu fördern.

⁃ möglichst Win-Win Situationen zu verfolgen-sowohl in Hinblick auf Natur, als auch in Hinblick auf die Lebensqualität der Einheimischen.

Um zu entscheiden, was „inselfreundlich“ ist und was nicht könnte ein Beratungsgremium von Fachleuten unterschiedlicher Richtungen zusammengestellt werden, die ein Leitbild erstellen.

Lothar Koch, Sylter & Juister, Biologe,
aktiver Mitdenker in verschiedenen Naturschutzorganisationen der Insel Sylt
und Autor der tourismuskritischen Utopie Syltopia

Keitum im Dialog- erster Feierabendtreff im Dorfladen gelungen!

Im März 2016 startete in Keitum das Projekt „Keitum im Dialog“ (http://keitum-im-dialog.de/#). Die Initiative des Ortsbeirates rief alle Keitumer auf in den Friesensaal zu kommen. Hier wurde diskutiert, wie man die Entwicklung des Dorfes (immer mehr Fremden- und Autoverkehr, immer weniger Einheimische und Dorfgemeinschaft) positiv verändern könne.

Daraus gingen zahlreiche sogenannte „Dorfmachergruppen“ hervor, die sich mit den Themen Tourismus, Wohnen, Verkehr, Natur und Küste sowie „Identität und Dorfleben“ näher auseinander setzten.

Einige Gruppen lösten sich bald mangels Beteiligung auf, andere blieben weiterhin aktiv, obwohl das Projekt „Keitum im Dialog“ längst abgeschlossen ist und von der Gemeinde nicht mehr gefördert wird.

Zu den weiterhin Aktiven zählt die Gruppe „Identität und Dorfleben“, die in ihren Arbeitssitzungen zahlreiche Verbesserungsvorschläge erarbeitet hat. So ist es dem Arbeitskreis gelungen, das sogenannte „Keitumer Fenster“ im Edeka Markt von Heiner Johannsen einzurichten. Hier findet man sämtliche Anschriften der im Dorf aktiven ehrenamtlich wirkenden Vereine und Hinweise auf alle Veranstaltungen, die das Dorfleben fördern und nicht kommerziell ausgerichtet sind.

Ein weiteres Ziel der Gruppe war es, einen regelmäßigen Feierabendtreff einzurichten. Da sich der Edeka-Markt längst zum Zentrum der Dorfkommunikation entwickelt hat, gelang es mit den Betreibern, dem Ehepaar Heiner und Nicole Johannsen, am 9. November 2017 hier den ersten Feierabendtreff zu feiern.

Ein grandioser Erfolg, der die Initiatoren in ihrem Engagement bestätigt hat.

Der nächste Feierabendtreff findet bei Glühwein und Keksen am 14. Dezember wieder im Edeka Markt von Johannsens statt, von 18-20 Uhr sind alle herzlich willkommen.

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Silke v. Bremen

Bus-ÖPNV-Vergabe auf Sylt – Hintergründe und Zusammenhänge

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Juni 1992: Schon damals wurde seitens der Schutzstation Wattenmeer in der Friedrichstrasse plakativ gegen Luftverschmutzung durch zu viel Verkehr protestiert (Foto:Frenzel).

In ihrer letzten Gemeinderatssitzung ließ der Gemeinderat einen Antrag des Landschaftszweckverbandes passieren, der von den Inselgrünen kritisch gesehen wird. Es ging um:
- Die Übertragung der Organisation des insularen ÖPNV vom Kreis an den Landschaftszweckverband.
- Die entsprechend notwendige Satzungserweiterung des LZV.
- Einen Vertrag zwischen dem Kreis, dem LZV und der SVG, der es dem Kreis ermöglicht, eine nach dem Gesetz im Allgemeinen vorgesehene Vorabbekanntmachung der Neuvergabe der Stadtbuslinien und Überlandlinien auf der Insel nicht zu veranlassen.

Durch diesen Schachzug – eine Vorabbekanntmachung bleibt aus – ist der privatwirschaftlichen Sylter Verkehrsgemeinschaft (SVG) die Sicherung der Liniengenehmigungen bis August 2029 gelungen.

Alle Fraktionen sahen die Punkte 1+2 als vorteilhaft an und stimmten einstimmig dafür. Zum Punkt 3 gab es seitens uns Grünen, des SSW und eines Mitgliedes der SWG noch offene Fragen, so dass sie diesem Vertrag jetzt noch nicht zustimmen konnten. Sie wurden aber überstimmt. 
Damit ist für die kommenden 12 Jahre die Organisation des Busbetriebes auf der Insel in den Händen der SVG. Diese muss nur noch eine Vereinbarung mit dem LZV unterschreiben, in der im Augenblick viele Eckpunkte nur vage und unverbindlich festgelegt sind.

Die Grünen hatten bereits vor Wochen Bedenken öffentlich angemeldet, weil die Vorbereitungen für diese Vereinbarung und die Übertragung an den LZV hinter den Kulissen geführt wurden und die Gemeinderatsmitglieder bis kurz vor der Abstimmung offenbar nicht ausreichend informiert waren: Die meisten gingen davon aus, die Linien müssten EU-weit ausgeschrieben werden. Aber LZV und SVG wollten nicht nur eine EU-weite Ausschreibung verhindern, sondern schon die davor geschaltete Vorabbekanntmachung, durch die evtl. andere Busunternehmer auf die Neuvergabe der Liniengenehmigungen aufmerksam werden könnten. Nach einer Vorabbekanntmachung haben seriöse Busunternehmer innerhalb von 3 Monaten Zeit, einen Antrag auf Eigenwirtschaftlichkeit einzureichen. Sollten mehrere Anträge auf Eigenwirtschaftlichkeit vorliegen und der Antrag der SVG wäre nicht der beste gewesen, so hätte die SVG ihren Antrag nachbessern dürfen.

Es ging bei unserer Anfrage an die Gemeinde, die wir schließlich mit zahlreichen anderen Fraktionen stellten, zunächst mal um Klärung des Sachverhaltes und Transparenz. Vor allem wollten wir sicher stellen, dass die Gemeinde Einfluss und Mitspracherecht in Sachen klima- und umweltfreundlichen ÖPNV bekommt, um eine Verkehrswende auf der Insel voranzubringen (Busfahren auf Kurkarte u.a.).

Die Transparenz wurde erzielt. Eine größere Presseberichterstattung kickte die Verkehrsdiskussion auf der Insel deutlich an und sorgte dafür, dass die Zeitung über Wochen vom Thema Verkehr geprägt war.

Es stellte sich heraus: Der Kreis NF hat nur die Möglichkeit, eine Vorabbekanntmachung zu unterlassen, wenn eine Zusage des Betreibers vorliegt, den Busbetrieb eigenwirtschaftlich zu führen. Das heißt die SVG musste (und hat schon vor Monaten) zugesichert, auf die Zuschüsse der Gemeinde zu verzichten (ca. 200 000 Euro).
Gibt es nur ein Angebot auf Eigenwirtschaftlichkeit, so MUSS dieses angenommen werden.
Das, was ursprünglich als uneigennütziger Akt der SVG im Raume stand, war  also ein taktischer Schachzug des Unternehmers. Teil II dieser Taktik: Es stellte sich heraus, das die SVG den Bus-Takt beim Stadtbus von 60 auf 90 Minuten verringern würde. Diese Maßnahme würde nach Eigenaussage von Herrn Paulsen 100 000 Euro für das Unternehmen wieder herausholen.

Die Verringerung des Taktes wird von der SVG dahingehend begründet, das der Bus nur wenig ausgelastet sei. Das wird von Grünen und SWG besonders kritisch gesehen, denn die Außenwerbung und Kenntlichmachung dieser Buslinien für den Bürger ist bislang mehr als mangelhaft. Mehr Werbung und klarere Buslinien-Infos an den Haltestellen wäre eine bürgerfreundliche Möglichkeit gewesen, dem Stadtbus mehr MitfahrerInnen zu bringen. Eine Taktverringerung wird wohl in absehbarer Zeit dazu führen, dass der Stadtbus gar nicht mehr sinnvoll nutzbar wird. Das wäre dann ein Argument für die SVG ihn ganz einzusparen (und damit eine Menge Geld) – zu Lasten von Alten und Menschen ohne Auto, die darauf angewiesen sind und zu Lasten eines innovativen Verkehrskonzeptes der Gemeinde Sylt.

Während die Stadtbusgenehmigungen zum August 2017 fällig waren, kommt es zu einer Übertragung der Überlandgenehmigungen (Hörnum, List, Morsum) erst in knapp zwei Jahren. Wir meinen, diese Zeit hätte der Rat nutzen können, um bei der SVG in Sachen ökologischem und ökonomischem ÖPNV für Bürger und Gäste mehr herauszuholen. Die Vergabe zu diesem Zeitpunkt war unseres Ermessens also unnötig und vorschnell. Zum Beispiel hätten die Verwaltung, die Gemeindevertreter und die SVG in dieser Zeit das Thema “Busfahren auf Kurtaxe” gründlich erkunden können. Eine EU-weiten Wettbewerb hätte dieser Schritt, wie bislang immer behauptet, nicht zwingend zur Folge. Stichworte sind hier die „Direktvergabe“ und die „gemeinschaftliche Verpflichtung“. Auch hier haben wir mit unseren Aktivitäten mehr Transparenz geschaffen.

Erstaunlicherweise stellte sich heraus, dass obwohl dieses Thema (Busfahren über Kurtaxe finanzieren) seit etwa 25 Jahren auf der Insel diskutiert wird, weder bei den Gemeinden, dem LZV oder den Tourismusbetrieben, einschl. der SMG, Recherchen, Berechnungen, Gutachten vorliegen, wie ein Busverkehr auf Kurtaxe praktisch umgesetzt werden könnte, ob er seitens der Gäste gewünscht ist etc. Stattdessen reagierten die Tourismusmanager “aus dem Bauch heraus” mit der Haltung, das sei nicht machbar und würde dem Fremdenverkehr der Insel schaden.

Wir Inselgrüne werden an dem Thema dran bleiben und uns weiter dafür einsetzen, dass ein ökologisch betriebener Busverkehr auf der Insel entsteht, der auch durch mögliche Preisermäßigungen mehr Menschen aus dem Individualverkehr in den ÖPNV lockt.

Insgesamt sehen wir unsere Verkehrskampagne bislang trotz des Gemeinderatsbeschlusses als Erfolg: Die SVG hat gemerkt, das sie nicht ohne umfassende Transparenz ihre Vorhaben reibungslos durchsetzen kann und muss sich an seinen öffentlich gemachten Versprechungen in Zukunft messen lassen. Die Bürger und die Gemeinden sind für das Thema ÖPNV sensibilisiert worden. Verschiedene Meinungen sind deutlich geworden. Nun geht es darum, dran zubleiben.

Recherchiert, zusammengekehrt und so einfach wie möglich dargestellt vom AK Verkehr der Grünen

Koch, Bünte, Böhm

 

Wenn Sylter Träume wahr werden…

IMG_1311Heute wurde wieder eine Idee aus Syltopia, meiner Dokufantasy aus dem Jahre 2050 wahr. Im Roman Syltopia beschreibe ich die Anreise nach Sylt in einem Zeppelin und später auch den Bau von Offshore Windkraftanlagen, die von Last-Zeppelinen transportiert werden.

Heute, am 17.09.2017 landete um 11:15 ein solcher Lasten-Zeppelin am Westerländer Flughafen und machte ein paar Rundflüge mit Passagieren. Ich nutze gleich die Gelegenheit und übergab der Crew des Luftschiffes ein Exemplar Syltopia als Willkommensgeschenk von unserer Insel.

Angesichts der vielen Schwierigkeiten, die Bahn-und Autoverkehr in diesem Jahr für die Insel brachten, wäre eine Fluglinie Hamburg-Husum-Sylt- per Zeppelin ein Segen für die Insel!

Textauszug von Syltopia:
Die Gondel unter dem Luftschiff bot ausreichend Raum für 120 Passagiere. Die loungeartigen Diwans luden ein, sich leger hinein zu fläzen. Die Passagiere konnten sich bequem auf den Bauch legen und durch den glasklaren Boden des Zeppelins den Nationalpark Wattenmeer und die vorüberziehende Küstenlandschaft genießen. Das Luftschiff selbst erzeugte kaum hörbare Fahrtgeräusche.

Lothar Koch

 

 

Das Ende ist nah!

Sturmtief Sebastian ist über Sylt gezogen und hat der Insel wieder ein Stückchen IMG_1287Südspitze geklaut. Der Dünenzug, der bereits in den letzten Monaten permanent von Urlaubern durchwandert wurde, weil Monsieur und Madame beim hochwasserlichen Umrunden des Naturschutzgebietes Hörnum Odde keine nassen Füsschen bekommen wollte, ist nun in den Fluten verschwunden. Von der äussersten Südspitze bis zum Restaurant Südkap bei Hörnums Leuchtturm sind es nun noch rund 850 m Fußweg, der in ca. 15 Minuten bewältigt werden kann. Land, Kreis und Landschaftszweckverband Sylt haben jegliche Schutzmaßnahmen für Hörnums beliebtestes Ausflugsziel längst aufgegeben.

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nur noch 850 Meter von hier bis zum Restaurant Südkap

In wenigen Jahren wird voraussichtlich nur ein festes Deckwerk helfen, um Bistro Südkap, Leuchtturm und Hafen zu halten. Schade, rechtzeitige Maßnahmen mit außergewöhnlich großen Sandvorspülungen hätten eventuell helfen können, Naturlandschaft zu erhalten.

Lothar Koch

Masterplan für Verkehr und Klimaschutz gefordert

Auch wenn mancher schon genervt ist- das Thema Verkehr auf Sylt wird uns noch länger auf der Insel beschäftigen. Seit die Grünen mit etlichen Fraktionen eine Anfrage zur Neuordnung des ÖPNV stellten, ist die Lokalpresse täglich voll mit Themen zum Inselverkehr: Busfahren, Radfahren, Parkraumbewirtschaftung, Parkausbau, Tempo 30 in der Innenstadt, Fußgängerzone frei für Radfahrer…

Die Autolawine nach Sylt rollt ungebremst weiter

Die Autolawine nach Sylt rollt ungebremst weiter

Diese “grüne Welle” zeigt. Vielen liegt es am Herzen, daß sich schnell etwas an der Verkehrslage und -führung für alle Verkehrsmittel verbessert, daß die Zahl der Autos reduziert wird und Busfahren attraktiver wird. In der Berichterstattung zeigt sich aber auch, daß egal von welcher Seite das Thema einer Veränderung im Inselverkehr angepackt wird, sofort  von irgendeiner Interessengruppe heftiger Widerstand aufflammt:
Die Unternehmer wollen mehr Parkplätze in der Stadt, die Radfahrer, Fußgänger und teilweise auch die Autofahrer selbst wollen weniger Mief (und MIV), zahlreiche Fraktionen sehen die Lösung in einem Projekt „freies Busfahren auf Kurkarte“. Die Manager des insularen Tourismus argumentieren dagegen, daß eine Erhöhung der Kurtaxe um maximal einen Euro das Ende des Sylter Fremdenverkehrs bedeuten könnte. Handfeste Belege aus Umfragen und statistisch belastbaren Untersuchungen legen Sie dafür jedoch nicht auf den Tisch. Aus unerfindlichen Gründen sehen sie offenbar nicht den enormen Imagegewinn für die ersehnte „europäische TOP-Destination Sylt“ den einen solcher Schritt sicher hätte.
Das Argument, eine Busticket-Ermässigung mit Mitteln aus der Kurtaxe würde  langwierige Ausschreibungen des ÖPNV zwingend erforderlich machen ist  falsch: Es gibt durchaus Denkmodelle und gesetzliche Vorgaben, die das ohne weitere Ausschreibung mit der SVG ermöglichen könnten.

Die Radfahrer wollen besser von Ost nach West kommen, aber die Anlieger der Friedrichstrasse sperren sich gegen eine Öffnung ihrer Fussgängerzone für Radler, der Ortsbeirat will sofort Tempo 30 in ganz Westerland, aber die Landesbehörde sagt: “Das geht nicht”. Der Busunternehmer will extra schnelle Busspuren, bessere Ampelschaltungen zur Beschleunigung der Busse -aber auch da scheint es Schwierigkeiten zu geben.
Wir bewegen uns scheinbar im (Teufels-)Kreisverkehr. Ein Masterplan muss her. Die Grundlagen dafür sind ja da: Ein Verkehrsgutachten, ein Klimagutachten, ein Verkehrsleitbild, ein fast fertiges Radfahrkonzept, ein in der Diskussion befindlicher Rahmenvertrag zwischen Landschaftszweckverband und SVG. Ein Busunternehmer der innovativ denkt und eine ganze Reihe von Zukunftstechnologien, die unmittelbar vor der Serienreife stehen (Z.B. autonome Fahrzeuge).
Ein insularer runder Tisch könnte vielleicht helfen. An dem müssten kundige Fraktionsvertreter aller Inselgemeinden, Mobilitätsanbieter, Verwaltung und Verkehrsexperten sitzen, die einen umfassenden Masterplan diskutieren, durchdenken und schliesslich implementieren.
Das wichtigste dabei wäre die Bereitschaft zur wohlwollenden Zusammenarbeit aller mit dem  Ziel, die Insel in Sachen Verkehr klimafreundlicher, lebenswerter und moderner zu machen. Und natürlich auch die Zeit, das zu tun. Ein Vertrag, der den ÖPNV für die nächsten zehn Jahre auf der Insel festschreibt sollte daher nicht überstürzt geschlossen werden und später genug Flexibilität erlauben, um jederzeit Nachbesserungen seitens der Gemeinden zu ermöglichen.

Syltopia- besprochen in der taz-Ausgabe 1.9.17

Ach, Sylt!

Die bis 20150 stets aktuelle Insellektüre wird von der taz gelobt!

Die bis 2050 stets aktuelle Insellektüre wird von der taz gelobt!

Zu viele Touristen mit zu vielen Autos verbrauchen zu viele der knappen Ressourcen. Sylt geht es gar nicht gut. In der Doku-Fantasy „Syltopia“ gipfelt das in einer Revolution und endet versöhnlich. Der Autor ist optimistisch, dass auch in der Realität sich alles zum Guten wendet

zum taz Artikel-Link

Ein Inselkind der 1960iger erlebt Sylt heute und schreibt…

 

viele "Kleinigkeiten" verändern das Sylt-Flair (hier:BOS-Sendemast in Naturlandschaft)

viele “Kleinigkeiten” verändern das Sylt-Flair (hier:BOS-Sendemast in Naturlandschaft)

Stefanie Wilke wurde 1964 auf Sylt geboren und verbrachte Kindheit und Jugend auf der Insel.
Heute lebt die  freie Journalistin in Hamburg und schreibt für alle namhaften Magazine (Stern, Amica, Emotion u.a.).
Derzeit arbeitet sie an einem Roman.
Ihre Eindrücke beim Inselbesuch im August 2017 schildert der folgende Auszug, den sie NaturreporterSylt zur Verfügung stellt:

Auszug aus dem Manuskript von „Die Frau mit dem grauen Zopf“,

June war dabei ihre Reisetasche zu packen, nach fünf Tagen auf der Insel war es für sie Zeit, mit der NOB zurück nach Hamburg zu fahren.

„Ich weiß genau wie sich das anfühlt“, antwortete sie. „Mit diesem Gefühl bin ich aufgewachsen, den anderen beim Geld ausgeben zusehen, luxuriöse Autos und Häuser zu bewundern und selbst jobben müssen, den Gästen den Kaffee zu servieren oder ihre Klos zu putzen.“

„Ich trage seit Jahren die abgelegten Klamotten meiner Freunde“, sagte ihre Tochter wahrheitsgetreu.

„Und ich die Kaschmirpullover von Sue in Farben, die sie doppelt hatte“, antwortete June.

Tochter und Mutter lachten. Es goss draußen, es würde ein Aufbruch in Eile werden, beide waren nicht gut im Abschied nehmen, Hektik war ihr Mittel, den Schmerz, der die bevorstehende Umarmung auslösen würde, nicht fühlen zu müssen.

„Heute ist Abreisetag, es wird wieder Stau in Westerland sein“, beschleunigte Greta.

June hatte eine Handvoll ihrer Jugend-Freunde gesehen, zu teuer gegessen, hatte in Westerland auf dem Friedhof an der Dorfkirche die Grabstelle ihres Vaters besucht, ihrer Ziehmutter Elke zum Tod des kürzlich verstorbenen Ehemanns kondoliert, und nur ein mal in der Nordsee gebadet. Sie war wasserscheu geworden. Sie trug den frischen Grundton der Sylter Bräune, die mit noch weiteren drei Sonnen-Tagen ins karibische gewechselt hätte. Wenn hier die Sonne schien und die Temperaturen über 20 Grad anstiegen, gab es keinen schöneren Ort in Europa. Sie lief dann durch das weitläufige Dünental in Richtung Strand und sog die vertraute Melange aus Holzsteg und Heidekraut ein; den Blick an den Horizont geheftet, in naher Ferne die Farbe der Nordsee und den Wellengang prüfend.

Trotzdem, June spürte es in diesem August ganz deutlich – die Insel war dabei, ihren Mythos zu verspielen. Jedes noch so kleine Haus schien in Appartements eingeteilt; die unzähligen Schilder auf den Friesen-Wällen trugen alberne Namen wie White-Sand-Suite, Sea-Shore-Apart-Hotel oder Dünen-Landhaus: alles stand zur Vermietung bereit,  nicht aber für die wenigen verbliebenden Einheimischen.

June sah sie nicht mehr auf ihren Fahrrädern, ein lieb gewonnener und vertrauter Anblick aus der Vergangenheit, sie sah Flotten von Mietfahrrädern oder, viel verstörender, kilometerlange Blechlawinen. Auf dem Weg nach Kampen hatte June eine Stunde im Stau gestanden und beobachtet, wie die Urlaubs-Insassen genervt auf ihre iPhones starrten.

Es gab für Insulaner nicht mal mehr eine Geburtsstation, abgeschafft von der Asklepios-Klinik, dafür aber auf vierzig Kilometer Insellänge eine hoch gerüstete Infrastruktur für den reibungslosen Gästebetrieb, jeder Toilettendeckel ikonografiert mit den Umrissen der „Königin der Nordsee“, deren Natur zwar immer noch der Lockstoff war, deren Potential jedoch von Marketingstrategen zur Glamour-Queen hoch gejazzt worden war. Sylt war jetzt eine Marke, kein Mythos mehr. Ein Mythos, der vor mehr als 60 Jahren begründet worden und jetzt passé war. Ein Künstler- und Individualisten-Mekka, umringt von Heckenrosen, in deren Nischen der Jetset und das alte Geld hockte, ihr lässiges Savoir-vivre im Reizklima zelebrierte und sich weltgewandt anschmiegte an die Gepflogenheiten der Insulaner, die ihnen charmant das Geld aus der Tasche zogen.

Noch während Junes Jugend hatte sich die Waage gehalten zwischen Insulanern, Saison-Arbeitern, Zugereisten mit Immobilienbesitz und den Kurgästen. Am Ende des Tages sprangen sie alle nackt in die Wellen, feierten den Frischluft-Rausch, der sich meist am zweiten Tag einstellte, der hungrig und durstig machte und der für viele rastlose Städter mit süßem Schlaf gekrönt wurde, weit vor der Zeit der Wortschöpfung Wellness. Einatmen, ausatmen, detox-retox, war für die feiernden Gäste ein natürlicher Jungbrunnen – nachts Champagner und Sex, tagsüber Rosé und Flirts. Die Geldbündel wurden zusammen gerollt in der Jeans aufbewahrt oder es wurde angeschrieben, man kannte sich in den einschlägigen Bars, Clubs und Restaurants. Die Zeche wurde, ohne nachzurechnen, bezahlt, ein fettes Trinkgeld obendrauf war Ehrensache, „Bargeld lacht“ war bis zur Jahrtausendwende die Devise der als Gastwirte getarnte Piraten. Und dann kaperten Markenstrategen und Immobilienmakler die Insel und übernahmen das Ruder.

Von Stefanie Wilke, 19. August 2017