Das Interview mit Lothar Koch

bi serkEin Interview mit Lothar Koch in „Bi Serk , der neuen Ausgabe des Norddörfer Kirchenmagazinskpt. Koch

von Imke Wein

Lothar Koch zählt sich gerne zu der menschlichen Gattung der „Spinner“. Zu denen, deren Aufgabe im Leben eher darin besteht, unkonventionelle, neue Ideen und Visionen zu entwickeln und sie dann auf kreativen Wegen Wirklichkeit werden zu lassen. Lothar Koch ist Inselmensch durch und durch – wuchs auf Juist auf, studierte Biologie, zog 1988 nach Sylt und leitete hier bis 2003 die Schutzstation Wattenmeer. Dann lockten ihn neue Themen. 
Inzwischen ist er europaweit als Coach und Seminarleiter in der Erwachsenenbildung erfolgreich. Menschen zu befähigen, brach liegende Fähigkeiten und Möglichkeiten zu nutzen, ist ein originäres Ziel seiner Seminare. Seine Methode ist ausgefallen: eine Kombination von psychologischem Wissen und spiritueller Weisheit, dabei jedoch ohne konfessionellen Hintergrund.

Sylt und das Meer bewegen ihn wie kaum etwas Anderes: Für seine Wahlheimat wünscht sich Koch, dass auch sie ihr Potenzial besser nutzt – allerdings nicht im Sinne einer extensiven Ausbeutung sondern eines bewussten, nachhaltigen Umgangs. Vor zwei Jahren veröffentlichte er mit „Natürlich Sylt“ den ersten Inselnaturführer. Für alle, die die Insel wirklich besser kennenlernen wollen. 2015 hat er ein Projekt in der Pipeline, das auf Sylt für einigen Wirbel sorgen dürfte, aber noch streng geheim ist. Davon mehr in der Sommerausgabe…

„Das Meer ist keine Landschaft. Es ist das Erlebnis der Ewigkeit!“  (Thomas Mann)

Aus Ihrer Zeit als Leiter der Schutzstation sind Sie vielen noch für Ihren Einsatz um die Einrichtung des Walschutzgebietes in Erinnerung geblieben? Ist ihnen die Westseite Sylts mit allen ihren Besonderheiten auch heute noch ein besonderes Anliegen?

Lothar Koch: Oh ja. Ich lebe nur 200 Meter Luftlinie vom Rantumer Weststrand entfernt und bin so oft dort, wie es irgendwie geht. Verrückterweise hat das Wattenmeer nicht zuletzt durch intensives Bemühen der Naturschutzorganisationen eine viel größere Lobby als die Westseite. In den Wellen wird gebadet, das offene Meer wird manchmal auch als Bedrohung empfunden, es wird als Fischfang-Revier assoziiert und seit der Errichtung des Windparks auch als Industriestandort. All die Schätze und ökologischen Zusammenhänge der Westseite gehören aber nicht so sehr zum allgemeinen Wissenskanon wie die Besonderheiten des Watts.

Ende 1999 wurde das Gebiet vor Amrum und Sylt unter Schutz gestellt. Wie geht es der Population des Schweinwals heute?

Lothar Koch: Der Nordseepopulation, geht es im Gegensatz zum Ostsee-Schweinswal, inzwischen weit besser. Vor Ort hapert es jedoch noch mit der Wahrnehmung.  Das Walschutzgebiet ist ein Superbeispiel dafür, dass die Insel ein wertvolles Alleinstellungsmerkmal recht brach liegen läßt.  Immerhin ist es das erste Walschutzgebiet, das in Europa vor 15 Jahren eingerichtet wurde. Es schützt Tierarten, die alle lieben: Seehund, Kegelrobbe, Schweinswal, viele Hochseevögel und anderes mehr. Gäste und Insulaner wollen eine intakte Nordsee. Dass wir vor Sylt für gute Bedingungen gesorgt haben, wird in der insularen Aussendarstellung zu wenig kommuniziert.

Die Einrichtung des Schutzgebietes hat z.B. dafür gesorgt, dass die Offshore-Windparks nicht in drei Seemeilen Entfernung, sondern viel weiter Draussen, rund 20 SM vor Sylt, geplant wurden. Wale kann man in Deutschland nirgendwo besser beobachten als vom Sylter Weststrand. Jeder, der die Tiere in ihrem Lebensraum gesehen oder im Wasser sogar nahen Kontakt mit ihnen hatte, beschreibt das als großen Glücksmoment. Dennoch liest man von dieser aussergewöhnlichen Möglichkeit fast nichts in insularen Prospekten oder auf Informationstafeln der Insel.

Es könnte also viel mehr informiert und sensibilisiert werden, nicht nur in den Naturschutz-Einrichtungen sondern direkt vor Ort, also am Strand?

Lothar Koch: Genau.Jedes Schutzgebiet braucht einen attraktiven Rahmen. Die Menschen wollen wissen, weshalb das Sylter Nordseegebiet so wertvoll ist, daß es von der UNESCO zum Weltnaturerbe erklärt wurde. Deshalb freue ich mich, daß wir nach jahrelangem Engagement, mit der Gemeinschaft von Verbänden des Erlebniszentrums Naturgewalten Sylt, nun eine Reihe von interaktiven Walschutzgebiet-Infomartions-Stelen durchsetzen konnten. Prototypen stehen derzeit zum Wind-und Wetter-Test in List und weitere folgen diesen Sommer an 12 Standorten der Westküste. Die Mühlen mahlen – aus mehr oder weniger verständlichen Gründen – oft sehr langsam. In diesem Fall konnten wir mit Hilfe des Grünen Landtagsabbgeordneten Andreas Tietze schließlich den Durchbruch für die Finanzierung erzielen.

 Ihr Weg ist immer ein freundlicher, humorvoller und direkter, Sie sind in der Herangehensweise nicht dogmatisch. Davon zeugt auch Ihr Buch „Natürlich Sylt!“ – der einzige, wirklich fundierte Naturführer für die Insel. Wie war da Ihre Konzeption?

Lothar Koch:  „Natürlich Sylt“ ist lange gereift. Das erste Manuskript entstand schon 1997. Wegen vermeintlich dringlicher Dinge, legte ich den Rohling aber immer wieder zur Seite. Das entpuppt sich nun als große Qualität für den Inhalt des Buches, weil ich meine aktuellen Schilderungen vor dem Hintergrund einer 20igjährigen Zeitspanne überprüfen konnte. Das leisten die meisten konventionellen Sylt-Führer sicher nicht. In meinem Buch habe ich auf Restaurant-Tipps verzichtet, zu Gunsten von ausführlicheren Beschreibungen von Radtouren, Spaziergängen und Insiderwissen. Eine prospekthafte, Heile-Welt-Sprache liegt mir fern. Ich erwähne auch die kritischen Seiten der Insel. Aber ohne moralischen Zeigefinger. Ich denke, mein Buch ist ein idealer Begleiter für alle Sylter und Urlauber, denen die Insel am Herzen liegt und die mehr wissen wollen.

Gibt es ein Anschlussprojekt?

Lothar Koch: Ja, ich habe wieder ein Buch in Arbeit. Aber worum es geht verrate ich noch nicht, ist streng geheim :-)…

Können Sie in Ihrem Sylt-Engagement befreiter und lockerer aufschlagen, seit Sie kein hauptberuflicher Naturaktivist mehr sind?

Lothar Koch: Ja und nein. Als Angestellter mußte ich natürlich den Gesamtauftritt meines Verbandes stärker im Blick haben, insofern kann ich heute eher „frei Schnauze“ reden und schreiben. Dafür habe ich als Einzelperson aber nicht mehr das Gewicht und die verwaltungstechnischen Möglichkeiten, die einem großen Naturschutzverband zur Verfügung stehen.

Hat Sylt eine glückliche Zukunft?

Lothar Koch: Ich denke ja! Aber die Insel wäre gut beraten, diese Zukunft hier und jetzt selber in die Hand zu nehmen, statt überwiegend Misstände zu reparieren und Trends hinterherzulaufen. Es fehlt an konkreten Vorstellungen vieler Insulaner für die nächsten Jahrzehnte. Welche Lebensqualität streben wir Sylter an und was für Menschen möchten wir auf unserer Insel als Gäste begrüßen? Das muß man nicht dem Zufall und äußeren Faktoren überlassen. So etwas kann gezielt angestrebt werde, wenn man eine starke Vision hat. Die fehlt leider bisher. Ich wünsche mir deshalb, daß Sylt von Land und Bund zu  einer Modellregion auserkoren wird, in der auch unkonventionelle Ideen finanziert und ausprobiert werden können. Also die Möglichkeit „Leuchtturmprojekte“ von beispielhaftem Charakter zu kreiern, die dann bundesweit übernommen werden können. Erstes Projekt sollte sicherlich eine ökologisch vorbildliche und gleichzeitig hoch akzeptierte Inselmobilität sein, die uns von den stinkenden Autostaus befreit.

 Was kann jeder tun, um die Insel zu einem „better place“ zu machen? 

Lothar Koch: Nicht in der Scheckstarre von „geht sowieso nicht, zu teuer, etc.“ verharren. Ideen entwickeln und mitteilen, egal wie absurd sie scheinen (gern auch an meinen blog senden: www.natuerlichsylt.net). Nicht immer nur an „die da oben“ delegieren, sondern Gleichgesinnte finden und selber etwas umsetzen.

Ich denke es wird mal Zeit, für die Einrichtung einer ständigen Sylter Zukunftswerkstatt.

 

 

0 Kommentare

Dein Kommentar

An Diskussion beteiligen?
Hinterlasse uns Deinen Kommentar!

Schreibe einen Kommentar

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.