Über Lothar Koch

Biologe und Buchautor von "Natürlich Sylt-der Naturerlebnisführer" und Syltopia- Eine Öko-Utopie der Insel für das Jahr 2050

Verkehrswende auf Sylt von Parteien gefordert: Freie Fahrt für Alle!

Die Fraktionen von Bündnis 90/Die Grünen, SPD, SSW, SWG und Piraten stellten heute gemeinsam eine Anfrage an die Gemeinden, die Tourismus-Services und den Landschaftszweckverband, um im Vorfeld einer Neuvergabe von Buslizenzen auf Sylt (2019) Klarheit für eine insulare “Verkehrswende” zu schaffen.

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Derzeit rangieren auf Sylt bis auf wenige Ausnahmen noch ungelenke Dieselbusse.

Seit über fünfundzwanzig Jahren wird die Frage diskutiert, ob man mit einer geringen

Autodämmerung auf Sylt

Autodämmerung auf Sylt

 

Erhöhung der Kurabgabe (ca. 1 Euro) ein freies Busfahren für alle Gäste ermöglichen könnte. Bislang scheiterte das Vorhaben unter anderem an dem kommunalen Abgabegesetz Schleswig Holsteins, das eine Ausgabe der der Kurtax-Einnahmen für ÖPNV nicht vorsah. Das wurde per Gesetz nun Anfang des Jahres geändert.

Deshalb müssen bei der Neuausschreibung des Busverkehrs für die Insel unbedingt die Voraussetzungen für “freies Busfahren auf Kurtaxe” von möglichen Bewerbern eingefordert werden.” sagt Lothar Koch von den sylter Grünen. Das bedeutet, Bewerber für die Insel-Lizenz, die ab 2019 vergeben wird, sollten sicherstellen, daß sie die Kapazitäten vorhalten, die eine Umstellung des Busverkehrs auf “Kurtaxe” möglich machen. Der Sinn dieses Vorhabens ist es, nennenswerte Mengen von Gästen vom Auto in den Bus zu holen. Das bedeutet es müssen mehr Busse oder Kleinbusse eingesetzt werden als bisher.

Der zukünftige ÖPNV der Insel sollte ausserdem nach dem neusten Stand der klimafreundlichen Technik ausgestaltet und in jeder Hinsicht so attraktiv durchgeführt und beworben werden, daß der motorisierte Individualverkehr auf der Insel deutlich abnimmt.

Voraussetzung dafür ist auch die Einführung eines einheitlichen Sylt-Card-Systems, an das alle Insel-Tourismus-Services angeschlossen sind und über das die Kurabgaben und die Vergünstigungen abgewickelt werden können. Diese Vorgehensweise wird auch im Verkehrsgutachten für die Gemeinde aus dem Dezember 2016 vorgeschlagen.

Bislang ist Sylt mit seiner Kurabgabe sehr rückständig und kompliziert aufgestellt: jede Gemeinde hat  ihr eigenes Kurabgabensystem und wer an den Strand will wird wie an einer Grenze kontrolliert. In konkurrierenden Urlaubsdestinationen wie Berchtesgarden, Bodensee, St. Peter Ording und im Harz fahren Urlauber bereits Bus auf Kurkarte.

 

Lothar Koch

Sind die Grenzen der Wasserversorgung auf Sylt bald erreicht?

Laichgebiet von seltenen Kreuzkröten: Nasses Dünental bei Rantum

Laichgebiet von seltenen Kreuzkröten: Nasses Dünental bei Rantum

Die für die Wasserversorgung zuständige Firma EVS hat auf eine Anfrage von Bündnis90/Die Grünen & SPD im Juli 2017 geantwortet: EVS Trinkwasser

Darin heisst es, dass seit 2013 die Trinkwasserförderung auf der Insel um fast 230 000 m3/Jahr angestiegen ist. Bis 2019 wird mit einem Anstieg um knapp 400 000 m3/Jahr auf 2.500 000 qm gerechnet. Die technischen Möglichkeiten der Wasserentnahme werden von der EVS auf 2,8 Millionen m3/Jahr geschätzt, wenn alle 16 verfügbaren Brunnen voll betriebsbereit sind. (Derzeit ist die Fördermenge eines Brunnens stark gedrosselt, weil es zu einer Verunreinigung des Erdreiches mit krebserregenden Stoffen bei einer Reinigung in Westerland kam).

Daraus folgert die EVS: „Die Jahresfördermengen werden in den kommenden Jahren  etwa 90 % der wasserrechtlich genehmigten Menge erreichen. Der Trinkwasserbedarf kann für die kommenden fünf Jahre gesichert werden, sofern keine neuen Hotelbauten oder andere Großverbraucher hinzu kommen. Um das Risiko eines Brunnenausfalls, oder eine Unterdeckung der Trinkwasserversorgung zu vermeiden, muss über die Nutzung der Rohwsserressourcen in List nachgedacht werden.“

Gemeint ist damit, dass die Süßwassserblase im Naturschutzgebiet Listland angezapft werden soll.

Dazu meint Dr. Roland Klockenhoff von der Naturschutzgemeinschaft Sylt und den Grünen: „Möglicherweise werden uns jetzt die Grenzen einer weiteren Wachstumsstrategie der Tourismusindustrie aufgezeigt. Wir sind als Politik verpflichtet ggf. einzugreifen und Projekte bis zur Klärung der Folgen für die zukünftige Trinkwasserversorgung zu unterbinden. Es sei denn wir sind bereit das Risiko von Zerstörung von Naturräumen im Listland einzugehen oder uns mit dem Thema Meerwasserentsalzungsanlagen etc. zu beschäftigen.“

 

Sylter Unternehmer wollen mehr!

Politik trifft auf Tourismus hiess das Motto der gestrigen Versammlung, in der die Sylt Marketing Agentur (SMG) gemeinsam mit den Sylter Unternehmern SU und weiteren Wirtschaftsverbänden die Inhalte ihres neuen Strategiekreises vorstellten.

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Grafik: Harro Falkenreck

Ziel war es, die Vertreter der Kommunalpolitik auf Linie des Arbeitskreises einzunorden und die Werte des Strategiekreises in die “Fläche” zu bringen.

Die Unternehmer haben eine Vision: Sie wollen, daß Sylt die Nr.1 unter den europäischen Urlaubszielen wird, freilich nur aus Sicht der Deutschen, denn internationale Gäste machen bislang nur einen Anteil von knapp 3% der Gästeschar aus. Das wollen sie mit der Mission erreichen, den Gästen “auf leidenschaftliche Art ganz bewusst einzigartige Urlaubserlebnisse zu gestalten” und dabei immer die “Extraportion Qualität” mitliefern. Erste Ideen dazu wären: ein “Liebesromanfestival” und “Matchmakertage für Singles” beispielsweise mit der Firma “Parship” zu veranstalten (Anm. des Autors: Legt zeitlich beides zusammen und das wird der Hammer :-) .

So sollen nicht nur rückläufige Gästezahlen bei Pensionen, Appartements und Privatunterkünften (bei Hotels sind die um 57% gestiegen) aufgefangen werden, sondernde Übernachtungszahlen bis 2020 auf 7 Millionen gesteigert werden. Das wäre also in gut zwei Jahren eine Steigerung um rund 100 000 Gästen gegenüber 2016.

Schaut man indes in die Statistiken des Marketingplans der SMG, kann man dort herauslesen, dass unter den Top 5 Reiseentscheidungen vier Plätze von Natur und Umwelt-Faktoren belegt sind wie: Klima/Luft, Landschaft/Lage,Strand/;Meer/Baden, Flora und Fauna. Die so hoch gelobte Gastronomie liegt beispielsweise mit 19% hinter diesen Punkten (Klima/Luft 72%) um bis zu 53% zurück.

Erstaunlicherweise bleibt die Strategiepyramide der Unternehmer in Bezug auf diese Natur und Umwelt-Themen äusserst dünn. Auf Nachfrage zu der Problematik, daß ca. 1 Million Autoverladungen nach Sylt gehen sagte SU Vorsitzer Karl-Max Hellner: “Sylt hat kein Verkehrsproblem, sondern ein Parkplatzproblem. Wenn die Gäste mal zehn bis zwanzig Minuten im Stau stehen, ist das für die, verglichen mit den Staus zu Hause, reinster Urlaub”.

Dass diese Denke komplett an den aktuellen Fragen des Klima-, Natur- und Landschaftsschutzes vorbeigeht, schien den Unternehmern nicht offensichtlich zu sein. Dementsprechend wäre eine tiefere Auseinandersetzung mit den Notwendigkeiten eines modernen Umwelt-, Natur- und Landschaftsschutzes dringend erforderlich. Leider wurde bislang jedoch vergessen, einen Vertreter des Naturschutzes in das Strategiegremium zu berufen, um zur Visionsentwicklung der Insel beizutragen und von vornherein das “Schiff” auf den richtigen Kurs zu bringen, der den Reisewünschen der Urlauber und den Bedürfnissen der Insel entspricht, auf deren Rücken das “Monopoly-Spiel” gespielt wird.

Auf die Frage, wieviel des grossen Budgets die SMG denn in die Werbung für Langzeit-Urlauber stecken würde (im Gegensatz zu umfangreichen Kampagnen, die stressbringende Kurzurlauber locken sollen), mussten die Referenten passen: “Leider gar nicht”, gab Moritz Luft, Geschäftsführer der SMG zu, “dafür fehlt uns das Personal”.

 

Lothar Koch

 

Studie belegt hohe Störempfindlichkeit von Schweinswalen

schweinswal2_w_rolfes-kleinSchweinswale sind aufgrund ihres Energiebedarfes

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Foto: Gabi Vogt

besonders störanfällige Meeressäuger. Dies belegt eine Studie, die gemeinsam von Wissenschaftlern verschiedener Universitäten aus UK,DK,GER und AUS durchgeführt wurde. Wiss. Studie von 2016 (Ultra-High Foraging Rates of Harbour Porpoises Make them Vulnarable to Anthrpogenic Disturbance).

Die Studie sollte besonders im Rahmen der Neufassung von Befahrensregeln im Welterbe Wattenmeer und bei der Beurteilung von Bauprojekten in der Nordsee (Offshore-WKA) herangezogen werden. Sie weist nach, daß Schweinswale durch Störungen sehr schnell gefährdet werden, da sie wertvolle Zeit und Energie, die sie zur Erbeutung von Nahrung benötigen in Fluchtverhalten stecken müssen.

Die Wissenschaftler bezeichnen Schweinswale als “aquatische Spitzmäuse”, weil sie wie diese kleinen Landsäuger sehr viel Nahrung im Verhältnis zu Körpergröße und Gewicht aufnehmen müssen, um ihren Energiehaushalt aufrecht zu erhalten. Für Meeressäuger gilt der hohe Aufwand der Thermoregulation  aufgrund der niedrigeren Umwelttemperaturen noch mehr, als für die Landsäuger.

Die Kombination von hohem Nahrungsbedarf pro Stunde und der Spitzenposition im Nahrungsnetz machen Schweinswale besonders besonders störempfindlich im Ökosystem Meer.

Mit Hilfe neuartiger Echolokationstechnik fanden die Forscher heraus, daß Schweinswale fast kontinuierlich Tag und Nacht auf Beutezug sind und dabei bis zu 550 Kleinfische (3-10 cm) pro Stunde fangen. Ihre Erfolgsquote liegt bei 90%.  Damit fischen sie ausserhalb der Klassengröße, die für kommerzielle Fischerei relevant ist. Die Wissenschaftler gehen davon aus, daß Schweinswale rund 10% ihres Körpergewichtes pro Tag als Nahrung aufnehmen müssen, um ihren Stoffwechsel aufrecht zu erhalten. Im Vergleich würde das bei einem Menschen mit 80 kg Gewicht eine Nahrungsaufnahme von täglich 8 kg bedeuten. Schweinswale haben jedoch keinen Supermarkt, in dem sie mal eben einkaufen können. Für den Menschen hiesse das vergleichsweise, 8 kg Krähenbeeren und Brombeeren pro Tag in den sylter Dünen zu sammeln (ohne vorher genau zu wissen, wo die wachsen). Oder besser: 8 kg Singvögel mit der Hand zu erbeuten.

Die Notwendigkeit der ständigen Nahrungsaufnahme zeigt die hohe Empfindlichkeit der Tiere, besonders solcher, die in flachen Gewässen wie vor Sylt leben und ihr Nahrungsbiotop mit menschlichen Aktivitäten teilen (Fischerei, Wassersport, WKA-Bau).

Die Forscher konstatieren dann auch:”Folglich können für diese “aquatischen Spitzmäuse” schon moderate anthropogene Störlevel in solchen genutzten Meeresgebieten ernsthafte Auswirkungen auf die Fitness von Individuen und der ganzen Population haben”.

Freiheit, solange der Akku reicht!

Freiheit, solange der Akku reicht!

 

Vor dem Hintergrund immer neuer Wassersportgeräte und E-mobiler-Trends, wie neuerdings motorbetriebener Surfbretter, muss dringend über eine diesbezügliche Regelung im Walschutzgebiet des Nationalparkes Schleswig-Holsteinisches Wattenmeer nachgedacht werden. Noch stärker dürfte der sogenannte 150-Meter Streifen, der sich vor dem Walschutzgebiet befindet und nicht gesetzlich geschützt ist betroffen sein. Gerade dort im Badegewässer befindet sich dann in Zukunft möglicherweise die “Kampfzone” zwischen Strandwassersportlern und Schweinswalen, die dort mit ihren Kälbern fischen.

Lothar Koch

Das Auto mal stehen lassen-aber wie geht es dann weiter?

seit wir E-Bikes haben bleibt das Auto meist stehen-der Parkplatz beginnt zu blühen.

seit wir E-Bikes haben bleibt das Auto meist stehen-der Parkplatz beginnt zu blühen.

Naturreporter Sylt, Schutzstation Wattenmeer und Die Grünen Sylt haben gemeinsam mit der Sylt-Marketing Agentur (SMG) Alternativen zum motorisierten Individualverkehr herausgefiltert.

Wir wollen damit einen praktischen Beitrag zur Reduzierung des Autoverkehrs auf der Insel leisten. Ein kleiner Anfang!
Sie finden sich auf der Website der SMG
Hier das komplette Inhaltsverzeichnis, über das Sie auf der
Website der SMG  per Mausklick zugreifen können. Bitte empfehlen Sie es auch Ihren Gästen und verlinken Sie Ihre  Website mit der SMG-Website.

FRAGEN UND ANTWORTEN ZUR MOBILITÄT AUF SYLT

Wir haben Ihnen alle Informationen und häufigsten Fragen, wie Sie ohne eigenes Auto auf der Insel mobil sind, zusammengestellt. Klicken Sie hier auf das Thema, das Sie interessiert!
Themen dieser Mobil auf Sylt-Seite:

Mobil bei der Anreise

Auto auf dem Festland stehen lassen
Wie komme ich vom Bahnhof zu meiner Unterkunft?
Wie komme ich vom Sylter Flughafen zu meiner Unterkunft?
Ich reise per Fähre/Schiff an. Wie komme ich von A nach B?
Gepäck vorausschicken
Hotel-Shuttle

E-Mobilität auf Sylt

Öffentliche Ladestationen   ·   E-Mietautos   ·   E-Bikes   ·   Elektro-Linienbus

Mobil mit dem Bus

Streckennetz und Fahrpläne   ·   Fahrradmitnahme   ·   Bustickets

Mobil mit dem Mietrad

Verfügbarkeit von Mieträdern   ·   Mietrad-Preise   ·   Fahrradwege-Netz   ·   Beispielstrecken

Mobil zu Fuß

Kann man Sylt gut zu Fuß erkunden?

Mobil mit dem Taxi

Taxistände auf Sylt   ·   Sylter Taxiunternehmen   ·   Taxikosten   ·   Fahrradmitnahme

Mobil mit dem Mietwagen

Mietwagenpreise   ·   Parktarife

Infos zu diesen Themen findest Du hier:  Website der SMG

Kai Pflaume, das chinesische Staatsfernsehen und eine ornithologische Sensation am Beckenrand

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Foto: Thomas Luther

Sylt/Stanley (Falklands): Der Vogel des Jahres dürfte auf Sylt jetzt schon feststehen: Ein Schwarzbrauen-Albatros (SBA), auch Mollymauk genannt, mutmasslich von den Falkland-Inseln im Südpolarmeer. Dessen beeindruckende Flugmanöver werden auf der Insel schon seit Wochen von Ornis (Vogelfreunden) beobachtet. Viele nennen ihn einfach „Molly“. Biologen bezeichen ihn als Thalassarche melanophris. Naturreporter Sylt sprach mit dem sylter Vogelexperten Dr. Thomas Luther über den seltenen Gast:

Moin Thomas, Du hast den Albatros schon lange im Visier. Aus deinem Dachfenster kannst Du ja sogar per Spektiv von Tinnum aus ins Rantum Becken schauen. Seit wann ist der Albatros jetzt schon auf Sylt?

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Albatros im Rantumbecken, Foto: T.Luther

 

TL: Als 2014 das erste Mal seit Jahrzehnten wieder ein SBA im Bereich der Nordsee gemeldet wurde, war ich elektrisiert. Als einer der Ersten in Deutschland fand ich damals die Meldung in einem dänischen Internet-Portal aus Skagen. Danach habe ich mir nach ihm auf Sylt die Augen aus dem Kopf geschau. Allerdings wurde er in seinem ersten Jahr in Deutschland nur auf Helgoland gesichtet. Auch im Jahr 2015 war es mit Sylt keine Liebe auf den ersten Blick. Erst im Juli zog er über Amrum  das erste Mal nach Sylt. Gute Freunde von mir konnten ihn an der Kurpromenade Westerlands und am Königshafen jeweils für einige Minuten sehen.  Ab April 2016 wurde er dann endlich „Sylter Stammgast“ und ist derzeit  hier immer noch zu finden. Die Helgoländer Ornithologen sind verständlicherweise nicht so begeistert, dass der SBA dort nur noch sehr selten vorbei schaut.

Gibt es Theorien, woher der kommt und weshalb er sich auf den langen Weg nach Norden gemacht hat?

TL: SBAs sind die häufigsten Albatrosse, die mit über einer halben Millionen Brutpaaren auf den Falklandinseln, Südgeorgien und anderen südpolaren Inseln brüten. Damit ist die Wahrscheinlichkeit, dass einer dieser Vögel bei Stürmen auf die Nordhalbkugel verdriftet, am größten. Das kommt zwar selten, aber immer mal wieder vor. Als ausgesprochen Thermik-„surfende“ Flieger kommen sie über die windarmen Rossbreiten am Äquator offenbar nicht zurück in ihr Brutgebiet. Deshalb sind sie für den Rest ihres (oft sehr langen) Lebens im Norden gefangen. Ihr Jahresrhythmus passt sich dann auch unseren Gegebenheiten an. Er ist jedoch auf ewig ein „Außerirdischer“, denn er wird unter den heimischen Vögeln nie einen Partner finden.

 Wovon ernährt der sich denn hier?

TL: Es wurden schon zweimal Offshore-Beobachtungen von dem Vogel 7 – 30 km vor Sylt gemacht, allerdings immer nur im Streckenflug. Niemand sah ihn bislang bei der Nahrungsaufnahme (Fischer und Segler vor Sylt: Bitte meldet unbedingt Eure Beobachtungen!). Er wird sich aber wahrscheinlich von Fisch oder Tintenfisch ernähren. Offensichtlich kommt er hier bestens zurecht.

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Albatros mitten zwischen Hockerschwänen im Rantum Becken,  Foto: T.Luther

 Weshalb wird er meist im Rantum Becken gesichtet?

TL: Die bislang dokumentierten längeren Aufenthalte von SBAs gab es nur in Kolonien von Basstölpeln in England und Norwegen, die er in Ermangelung an echten Albatros-Partnern als Ersatz auswählt. Es ist das erste Mal, dass er sich offensichtlich zu anderen großen weißen Vögeln mehr hingezogen fühlt – die Höckerschwäne des Rantum Beckens. Alljährlich sammeln sich hier ca. 100 nichtbrütende Tiere, die seinem Verhalten nach zu urteilen, sehr anziehend auf ihn wirken. Selten „versucht“ er es auch mal bei den Gänsen im Nössekoog „zu landen“. Es ist also die Kombination der hohen Zahl der Schwäne mit der Nähe zur Hohen See, die Sylt für ihn interessant macht.

Weiß man etwas über sein tägliches Flug verhalten?

TL: Es gibt hier keine Regelmäßigkeit. Er scheint im Becken, aber auch vor der Kurpromenade Westerlands zu übernachten. Aber dann gibt es auch Tage, wo er mal Kilometerweit weg schiesst: Ausgerechnet als ich im Mai eine vogelkundliche Führung anbot, um ihn zu beobachten, war er nachweislich gerade mal kurz nach Ostengland gezischt! Auch hat man ihn dieses Jahr für eine Stippvisite schon in Norwegen gesehen. Letztes Jahr ist er die Strecke Sylt – Fair Isle (NO Schottlands, 790 km) in 21 Stunden geflogen. Das Bewegungsmuster deutet immer auf den selben Vogel. Teils am gleichen Tag konnte man ihn auf Helgoland und auf Sylt sehen. Nach solchen längeren Erkundungsflügen hat ihn sein  Bruttrieb aber immer wieder nach Sylt zurück gebracht.

Wie verträgt er sich mit anderen Vogelarten?

TL: Obwohl er von uns Menschen durchaus mit einer besonders dick geratenen Mantelmöwe verwechselt werden kann, scheint er für alle bei uns heimischen Vogelarten sehr exotisch zu wirken. Er wird von allen Möwen attackiert. Wenn er über den Koog fliegt gibt es ein Heidenspektakel unter den Wiesenvögeln. Auch ein Seeadler hat ihn schon angegriffen. Eine Theorie besagt, dass ein Angriff von zwei Seeadlern in Dänemark, der beinahe sein Leben gekostet hätte, ihn bis auf Weiteres dort nicht mehr  nach Partnern suchen lässt.

Wird sich der Albatros hier dauerhaft ansiedeln und vielleicht sogar einen Partner finden um hier zu brüten?

TL: Ich möchte meinen Enkeln den Albatros noch im Rantum Becken zeigen! Er kann (man schätzt ihn als „Teenager“ ein) noch gut und gern 40 Jahre hier auf Partnersuche gehen. Er wird aber wohl immer Single bleiben. Die Wahrscheinlichkeit, dass zwei SBAs aufeinander treffen ist so verschwindend niedrig, dass dieses Ereignis wohl von Kai Pflaume und dem Chinesischen Staatsfernsehen gleichzeitig übertragen werden würde.

Wo ist der Albatros jetzt gerade?

TL: Gerade in diesen ersten Julitagen bricht er zu seiner eigentlichen Bestimmung auf: Hinaus auf die Weltmeere um zu fliegen, fliegen , fliegen. Niemand weiss, wohin genau. Als perfekter Segler, der den Aufwind jeder Welle ausnutzt wird er nun Zehntausende Kilometer zurücklegen, um im nächsten April wieder auf unserem kleinen Sylt zum Brutgeschäft aufzutauchen. Das geben ihm nun die Hormone vor.

 Fliegt der nie nach Hause zum Südpol?

TL: Er bleibt wahrscheinlich auf der Nordhalbkugel. Vogelforschern auf Helgoland, die gerade Basstölpel mit GPS-Loggern ausrüsten juckte es in den Fingern, den SBA auch zu besendern. Der Albatros hätte dort mit dem Schmetterlingsnetz gefangen werden können, so nahe kam er den Menschen dort am Lummenfelsen. Man hat sich allerdings dagegen entschieden. So werden seine Törns wohl inkognito bleiben.

Welchen Stellenwert hat so eine Sichtung für die Ornis in Deutschland, bzw. an der Küste?

TL: Es ist eine absolute Sensation! Fragt man Ornis von Norwegen bis Israel nach der Seltenheit, die sie in ihrem Leben einmal sehen wollen, so hört man sehr häufig: ALBATROS! Allein in diesem Jahr haben wir Birder aus England, Norwegen, Schweden, Belgien und Holland für den SBA anreisen sehen – teils auch ohne Erfolg. Es gibt Twitcher (Artensammler), die sieben Mal vergeblich nach Helgoland gefahren sind! Natürlich ist es wissenschaftlich gesehen kein weltbewegendes Ereignis, allerdings rührt doch viele Menschen das Schicksal dieses Tieres – 14000 Kilometer von zu Hause, ganz allein. Er ist uns ans Herz gewachsen und es ist so tragisch zu sehen, wie er sein Leben lang scheitern wird, nur um es immer und immer wieder zu versuchen.

Vielen Dank für das Gespräch!

Dr. Thomas Luther (TL) lebt als Augenarzt auf Sylt und ist ausgewiesener Vogelexperte.

Das Interview führte Naturreporter Lothar Koch

Forschende entdecken Methanaustritte in der Deutschen Buch

Pockmarkfelder vor Helgoland

Innerhalb weniger Monate sind auf dem Grund vor der Nordseeinsel Helgoland tausende Krater am Meeresboden entstanden. Aus dem Meeresboden ist Gas entwichen, das Sand aufwirbelt und daraus die Kraterhügel hat entstehen lassen. Es ist das erste Mal, dass im Gebiet Helgoland-Riff die Spuren von massiven Methanausbrüchen beobachtet wurden. Ihre Studie haben Wissenschaftler unter Federführung von Knut Krämer vom MARUM – Zentrum für Marine Umweltwissenschaften der Universität Bremen jetzt im Fachblatt Scientific Reports veröffentlicht.
„Wir waren überrascht, als wir plötzlich eine Kraterlandschaft gesehen haben, wo sonst nur ebene Sandfläche war“, sagt Knut Krämer, Erstautor des Artikels und Doktorand am MARUM – Zentrum für Marine Umweltwissenschaften der Universität Bremen. Die Studie zeigt anhand genauer Vermessungen eine einschneidende Entwicklung im Gebiet „Helgoland-Riff“, etwa 45 Kilometer nordwestlich von Helgoland: In den vergangenen Jahren bis Juli 2015 fand man hier einen überwiegend flachen Meeresboden ohne besondere Merkmale. Bei einer erneuten Kartierung im November 2015 war der Meeresboden übersät mit Vertiefungen von der Größe eines Tennisplatzes. Bei Ausfahrten mit dem Forschungsschiff Heincke im August/September 2016 zeigte sich, dass sich diese Krater über eine Fläche von rund 915 Quadratkilometern erstrecken – das entspricht mehr als der doppelten Fläche des Landes Bremen. Pro Quadratkilometer finden sich bis zu 1.200 Krater. Im Zusammenhang mit erhöhten Methankonzentrationen im Sediment wurden die Krater als so genannte Pockmarks identifiziert.

Bakterien bilden Methan

Der englische Begriff pockmark (deutsch: Pockennarbe) bezeichnet charakteristische Krater am Gewässerboden, die beim Austritt von Flüssigkeiten oder Gasen aus dem Untergrund entstehen. Sie sind in vielen Gewässern wie Seen, Flüssen, Flussmündungen, von Küstengewässern bis in die Tiefsee weltweit zu finden. In tonhaltigen Sedimenten und bei geringem Einfluss von Strömungen und Wellen bestehen sie teilweise über viele Jahrhunderte und sind Zeugnis vergangener Gasaustritte.

In flachen Küstengewässern mit sandigem Boden und unter dem Einfluss von Tideströmungen und Wellen verschwinden die Krater schnell und wurden deshalb bisher sehr selten beobachtet. Gerade die küstennahen Gebiete waren aber vor dem nacheiszeitlichen Meeresspiegelanstieg oft Feuchtgebiete und damit reich an organischem Material. Aus diesem Material kann durch bakterielle Zersetzung Methan gebildet werden. Dieses kann sich dann unterhalb von undurchlässigen Schichten im Meeresuntergrund sammeln. Gelangt Methan in die Erdatmosphäre, wirkt es dort als Treibhausgas etwa 25-mal stärker als Kohlenstoffdioxid (CO2).

Die Messungen des Forschungsteams haben ergeben, dass beim Ausbruch des Methans rund 6,9 Millionen Kubikmeter Sediment umgelagert wurden – so viel wie in 200.000 Standardcontainer passen würde. „Die Menge des dabei freigewordenen Methans lässt sich nur schwer abschätzen. Wie sich das Gas vor dem Austreten im Untergrund verteilt hat, wissen wir nicht genau. Selbst eine vorsichtige Schätzung ergibt aber eine Menge von rund 5.000 Tonnen. Das entspricht etwa zwei Dritteln des bisher angenommenen jährlichen Ausstoßes der gesamten Nordsee“, erklärt Knut Krämer.

Meeresboden verändert sich durch Strömungen und Wellen

Als Auslöser für das Ausbrechen der Pockmarks vermutet er zusammen mit seinen Co-Autoren Sturmwellen von bis zu sieben Metern Höhe und einer Periode von um die zehn Sekunden, die Druckschwankungen am Meeresboden verursacht haben. Die wiederum haben wie eine Pumpe auf das dort gespeicherte Gas gewirkt. Schließlich hat der Meeresboden dem Druck nachgegeben, das Gas entwich in die Wassersäule, wobei es Sediment mit sich riss. Dieses lagerte sich dann auf der strömungs- oder wellenabgewandten Seite wieder ab und erzeugte ein charakteristisches Muster aus Kratern und Hügeln.

„Diese Studie ist ein prima Beispiel für die Zusammenarbeit der verschiedenen Institute, die sich mit Küstenforschung beschäftigen: Wir messen gemeinsam auf den deutschen Forschungsschiffen und bündeln die Expertisen der verschiedenen Fachrichtungen“, sagt Dr. Christian Winter, Fahrtleiter der Messfahrt und Leiter der Arbeitsgruppe Küstendynamik am MARUM.

Die Pockmarks am Helgoland-Riff wurden in dieser Form zu ersten Mal in der Deutschen Bucht beobachtet. „Die Häufigkeit der auslösenden Sturmwellen legt nahe, dass es sich dabei um ein wiederkehrendes Phänomen handeln könnte, das bisher möglicherweise übersehen wurde“, meint Knut Krämer. Die Detektion der relativ flachen Krater sei überhaupt erst möglich durch die Tatsache, dass Messsysteme wie hochgenaue Fächerecholote weiterentwickelt wurden. Auch sei davon auszugehen, dass die Krater in beweglichen, sandigen Sedimenten durch Wellen und Strömungen schnell wieder eingeebnet werden, sobald kein Methan mehr austritt.

Verglichen mit den menschgemachten Methanemissionen ist der Beitrag des entdeckten Pockmark-Feldes gering. So beträgt die Menge nur 0,5 Prozent des jährlichen antropogenen Methanausstoßes Deutschlands. Allerdings ist davon auszugehen, dass sich küstennahe Gebiete mit reichen Methanvorkommen weltweit in einem ähnlich labilen Zustand befinden. Ein wichtiger Beitrag zum globalen Methanhaushalt aus hoch dynamischen Küstenregionen sei daher möglicherweise bisher übersehen worden, sagt Knut Krämer. „Wir hoffen, mit unserem Artikel eine wissenschaftliche Diskussion und weitere Untersuchungen über diese Art von Methanquellen anzuregen.“

Kontakt:
Knut Krämer
Telefon:0421-21865582
E-Mail: kkraemer@marum.de

Originalveröffentlichung:
Knut Krämer, Peter Holler, Gabriel Herbst, Alexander Bratek, Soeren Ahmerkamp, Andreas Neumann, Alexander Bartholomä, Justus E.E. van Beusekom, Moritz Holtappels und Christian Winter: Abrupt emergence of a large pockmark field in the German Bight, southeastern North Sea. Scientific Reports 7, 2017; DOI: 10.1038/s41598-017-05536-1

Ulrike Prange Pressestelle
MARUM – Zentrum für Marine Umweltwissenschaften an der Universität Bremen

 

Sylt im Radwege-Sanierungs-Stau

geschenkter Radweg: Treibseewege an den Landesdeichen

geschenkter Radweg: Treibselwege an den Landesdeichen

Sylt hat wunderbare Radwege. Das gilt vor allem für die Langstrecken nach Hörnum und List, die entlang der Landesstrasse verlaufen und damit unter die Finanz-Hoheit Schleswig-Holsteins fallen. Ganz anders sieht es aber im Gemeindegebiet Sylt, vor allem in Westerland aus. Dort herrscht zur Zeit ein 6 Millionen Euro-Sanierungsstau. Dies erläuterte Bürgermeister Nikolas Häckel gestern im Umweltausschuss der Gemeinde.

Hintergrund ist die Erarbeitung eines Radwegekonzeptes, das der Verwaltung aufgetragen wurde. Dies sollte eigentlich längst fertig sein, aber in der Sitzung musste Nikolas Häckel weiter um Geduld bitten. Zu Recht: Die Erfassung von Radwegeschäden und -Problemen erwies sich als weit aufwendiger als erwartet. Vor allem wird es finanziell eng. Als Bürger macht man sich kaum klar, daß die durchschnittliche Verbesserung einer Strassenkreuzung mit vernünftiger Radwegführung ganz schnell mal mit 100 000 Euro Kosten zu Buche schlägt. Was auch viele nicht wissen: Einfach scheinende Lösungen, wie auf die Strasse gemalte Linien und Zeichen für Radfahrer sind laut Verkehrs- und Strassenbauordnung der Gemeinde gar nicht gestattet.

Sylt- moderne Fahrradinsel oder rostiges Radierimage?

Sylt- moderne Fahrradinsel oder rostiges Radierimage?

Die errechnete Summe für eine komplette Optimierung des Radwegenetzes in der Gemeinde Sylt summiert sich dann auch auf 6 Millionen Euro. Eine Summe, die die Gemeinde lieber in Wohnungsbau für Sylter stecken würde. “Aber wir kommen um eine Sanierung der Radwege, von denen fast keiner der vorgeschrieben Norm entspricht, nicht herum”, so Häckel. Viele sind bis zu 1 m schmaler als erlaubt.” Das bedeutet, wir müssen fast alle Schilder abbauen, die heutzutage den Radfahrer auf die Radwege zwingen, da das gesetzlich bei den Fahrspurbreiten gar nicht zugelassen ist. Die Radler fahren sicherer auf der Autostrasse.”

Lothar Koch von den Grünen plädierte dafür, endlich einen Grundsatzbeschluss der Gemeinde zu treffen, daß Fahrräder und Fussgänger Vorrang vor motorisiertem Individualverkehr haben. Nach so einem Beschluss könnten dann viel leichter Prioritäten im Radwegekonzept gesetzt und abgearbeitet werden. Ausserdem sei eine Förderung der neue Welle der E-Bike Mobilität eine gute Chance für Sylt, endlich den Autoverkehr im Citybereich herunterzufahren. Dafür müsste man Gelder von der neuen Jamaika-Koalition in Kiel abrufen, die eine starke Förderung des Radverkehrs vereinbart hätten.”

Dieser Sanierungs-Prozess wird wohl in drei Etappen geschehen und bis 2030 dauern, hieß es aus der Verwaltung. Nach weiteren Statements der Ausschussmitglieder  Koch, Uekermann, Mungart und Lemissiah waren sich die Umweltausschuss-Vertreter aller Parteien schnell einig und fassten folgenden Beschluss (sinngemäss):

Die Gemeindeverwaltung soll den erarbeiteten Radwege-Sanierungsplan in kleinen Schritten aber konsequent umsetzen. Dabei sollten Aspekte der Sicherheit und der Information beachtet werden. Dazu solle ein Radverkehrsleitsystem erarbeitet und umgesetzt werden. Die Gemeindeverwaltung sollte unverzüglich ausloten, ob Fördergelder dafür in Kiel abrufbar seien.

 

Lothar Koch

 

 

 

Umweltverbände: Angriff auf den Meeresschutz abgewehrt

schweinswal_w_rolfes-kleinErfolg für Naturschutzverbände: Bundestag stoppt gefährliches Vetorecht im Bundesnaturschutzgesetz
Berlin: Nord- und Ostsee können auch in Zukunft durch das Bundesnaturschutzgesetz (BNatSchG) geschützt werden. Mit einem Änderungsantrag der Abgeordneten der Großen Koalition aus CDU/CSU und SPD stoppte der Bundestag am 22. Juni mit großer Mehrheit den Plan der Bundesministerien für Wirtschaft, Verkehr, Landwirtschaft und Forschung per Vetorecht zukünftig effektive Meeresschutzmaßnahmen verhindern zu können. Die Umweltverbände NABU, BUND, DNR, DUH, Greenpeace, Schutzstation Wattenmeer, WWF und Whale & Dolphin Conservation hatten sich intensiv für den Antrag eingesetzt und begrüßten die Entscheidung.
„Das Parlament hat den Ausverkauf der Meere noch einmal verhindert. Die Abgeordneten haben verstanden, dass die Änderung einen gefährlichen Präzedenzfall geschaffen hätte. Der Schutz der Meere und vielleicht sogar der gesamte Naturschutz in Deutschland hätten dauerhaft geschwächt werden können“, erklärten die Verbände in einer gemeinsamen Stellungnahme.

 Seit ihrer Veröffentlichung Ende 2016 hatten die Verbände die Gesetzesnovelle kritisiert, sprachen mit Bundestagsabgeordneten und schrieben einen Offenen Brief an Bundeskanzlerin Angela Merkel. Anlass der Kritik: Paragraph 57. Dieser sollte den Bundesministerien – statt wie bisher eine Beteiligung – künftig ein sogenanntes Einvernehmen zusichern. Damit hätte jedes einzelne Ministerium Verordnungen und überfällige Maßnahmen zum Schutz der Meere blockieren können. 
Dabei stehen die Meere schon jetzt erheblich unter Druck. „Selbst in den Schutzgebieten in Nord- und Ostsee wird intensiv gefischt, Rohstoffe werden abgebaut und auch die Schifffahrt ist enorm. Ein Vetorecht der Nutzerressorts hätte den Naturschutz hier endgültig ausgehöhlt“, so die Verbände. Mit der heutigen Entscheidung habe der Naturschutz einen wichtigen Etappensieg erzielt. Doch nun müsse es weitergehen. Aktuell stehen weitere entscheidende Verhandlungen zu den Schutzgebietsverordnungen und zur Regulierung der Fischerei an. „Deutschland muss endlich den Hebel umlegen und konkrete Schutzmaßnahmen erlassen. Sonst bleiben Schutzgebiete Papiertiger und der Meeresschutz vor der eigenen Haustür ein trauriges Lippenbekenntnis“, so die Verbände weiter.
 
Hintergrund 
Formal sind rund 45 Prozent der deutschen Meeresflächen durch das Natura-2000-Netzwerk geschützt. Darunter sind die Schutzgebiete nach EU-Vogelschutzrichtlinie und FFH-Richtlinie zusammengefasst. Zehn Jahre nach ihrer Anerkennung durch die EU sollen die Natura-2000-Gebiete in der Ausschließlichen Wirtschaftszone endlich den rechtlichen Status von Naturschutzgebieten erhalten. Deutschland hatte bereits 2013 die EU-Frist zur Verankerung von konkreten Maßnahmen zum Schutz der Meere verpasst. Dieses Versäumnis ist Bestandteil eines Vertragsverletzungsverfahrens der EU-Kommission gegen Deutschland.
 

Kite-Surfer riskieren den Nationalparkfrieden

In der heutigen Ausgabe der Sylter Rundschau wird berichtet, daß die Grünen in den Koalitionsverhandlungen mit FDP und CDU ursprünglich vereinbarte Befahrensregelungen im Nationalpark hinsichtlich des Kite-Sports wieder zur Disposition stellen. Um das noch weiter zu zementieren, greift der Branchenverband der Kitesurfer diese Kompromiss -Regelungen  mit dem Naturschutz erneut an.

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Kommentar:

Vorletztes Jahr feierte der Nationalpark sein 30jähriges Bestehen, vor acht Jahren wurde er zum Unesco Welterbe erklärt. Warum? Weil der Schutz der Wattenmeer-Natur von globaler Bedeutung ist. Naturschutz ist eben nicht ein „Nutzer“, der gleichberechtigte Kompromisse mit andern Nutzerinteressen zu schliessen hat. Natur-und Umweltschutz (und nach Gesetz bei uns auch der Küstenschutz), sind  vielmehr die

Hörnumer Sandnehrung

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„Geschäftsgrundlage“ der sich Hobbies in einem Schutzgebiet dieser Bedeutung nachordnen müssen. Dass sich der Branchenverband einer Sportart, die erst nach Einrichtung des Nationalparkes kam,  nun wie ein traditioneller Nutzer gebiert, ist dreist. Dass er die Expertisen zahlloser Fachleute anzweifelt, die eine Scheuchwirkung der großen Drachen auf die Wat- und Wasservögel des Wattenmeeres gemessen haben, ist oberdreist. Dies zeigt, daß deren Funktionäre in rücksichtsloser  „Trump-Manier“ unterwegs sind und einfach lautstark Behauptungen aufstellen, die jeglicher wissenschaftlicher Grundlage entbehren.

Die Störwirkung, die bei sensiblen Zugvögeln klar erwiesen ist, kann niemand in Hinsicht auf Schweinswale und Seehunde abschätzen. Inwieweit die schnellen Kiter eine Gefahr für neugeborene Meeressäuger im Walschutzgebiet darstellen ist völlig unbekannt, weil bislang gar nicht erforscht. Trotz dieser Forschungslücke und trotz der herausragenden Bedeutung des Seegebietes für Hochseevögel, ist in wachsweichen Kompromissverhandlungen den sylter Kitern die gesamte offene Nordsee und sogar ein sensibler Bereich im Watt (Hörnumer Nehrung) zugestanden worden. Deswegen beschweren sich die „Locals“ nun offenbar ja auch nicht. Dass nun sogar dieser flaue Kite-Kompromiss einer der ersten Punkte ist, die  „Jamaika“ zum Opfer fallen ist peinlich für die mit Natur-Image werbende Küstenregion und gibt einen Vorgeschmack darauf, wie unsicher die über Jahrzehnte verhandelten Naturschutzbestimmungen in einer Politik mit Kubicki und Co sind. Wo bleiben die Stimmen der zahlreichen Nationalparkpartner aus Tourismus, Schifffahrt und Handel die sich eindeutig für „Natur-Vorrang-im Schutzgebiet“ aussprechen? Will die Tourismus-Region es sich wirklich leisten, einen Streit um den Nationalpark mit den Verbänden erneut vom Zaun zu brechen?

 

Lothar Koch