Wer darf Sylt das Wasser reichen?Aussagen von EVS und VEN widersprechen sich.

Wie sicher ist eine ökologisch vertretbare Trinkwasserversorgung auf Sylt  in Zukunft? Naturschützer warnen vor Übernutzung.
Wasserversorger irritieren mit krass gegensätzlichen Verlautbarungen.

Im Sommer 2017 warnte die EVS in einer offiziellen Antwort auf eine Anfrage der Grünen (und weiterer Parteien) an die Gemeinde Sylt noch, dass die Wasserversorgung in fünf Jahren mit den bestehenden Brunnen knapp werden könnte. Erst vor wenigen Monaten bestätigte der Leiter der EVS noch diese Haltung, ja machte sie dringlicher, in einem Referat bei der Naturschutzgemeinschaft Sylt(s. folgenden Artikel).
In den vergangenen Wochen rund um die Kommunalwahl erschienen in der Sylter Rundschau jedoch plötzlich eine Stellungnahme und ein Artikel in denen EVS und VEN (Wasserversorger der Norddörfer) derlei Befürchtungen weit von sich wiesen und die Naturschützer der Panikmache bezichtigten.Der Leiter der VEN sprach gar von traumhaften Bedingungen beim Sylter Trinkwasser. Einer Bitte an die Sylter Rundschau, diese Diskrepanz durch sorgfältige, journalistische Recherche aufzuklären, wurde bislang nicht nachgekommen. Das macht die Angelegenheit für den Bürger eigentlich nur noch bedrohlicher: Inwieweit können wir Aussagen dieser Firmen, die eine unserer wichtigesten Ressource verwalten noch trauen und wer kümmert sich noch engagiert um die objektive Bewertung von Informationen?*

*Nachtrag vom 13.6.:Die Rundschau berichtet nun: SHZ-Artikel zum Thema

Dünenheide im NSG Hörnum Odde

Empfindliche Dünenheide. Flora und Fauna braucht einen hohen Grundwasserspiegel.

Hier der Bericht aus dem Vortrag der EVS bei der  Naturschutzgemeinschaft:

Im Frühjahr lud die Naturschutzgemeinschaft Sylt in Braderup zu einer Vorstandssitzung den Leiter der EVS, Georg Wember und seinen Trinkwasser-Experten Karl Dettmer ein, um etwas über den Stand der Trinkwasserversorgung auf Sylt zu erfahren. Die Nutzung des Süßwasserreservoirs unter der Insel ist nicht nur lebenswichtig für alle Bürger, sondern auch von ökologischer Bedeutung für Tiere und Pflanzen in Heiden und Dünen, da diese von anstehendem Grundwasser direkt abhängig sind.

Warnungen aus der Grundwasserblase
Die beiden Experten erläuterten anhand von Grafiken die aktuelle und zukünftige Versorgungslage der Insel mit Trinkwasser, das aus 16 Brunnen der EVS gefördert wird und einigen weiteren der VEN (Versorger der Norddörfer).

Die Warnungen, die sich aus dem Vortrag ableiten liessen, waren nicht zu überhören: So führte Herr Dettmer aus: ” Die Wasserversorgung auf Sylt ist auf Dauer nicht gewährleistet, da sich jederzeit Probleme ereignen können, die zur Schliessung von Brunnen beitragen könnten”. Dazu gehören Salzwassereinbruch, Schadstoffbelastung, besonders im Hauptbrunnenfeld unter dem Flughafenareal und aktuell, die Verseuchung des Bodens mit Chlorkohlenwasserstoffen aus einer ehemaligen Reinigung in Westerland. Wegen letzterer sind derzeit bereits Brunnen in ihrer Leistung deutlich heruntergefahren, um die Gifte nicht ins Trinkwasser zu ziehen. Im Bereich des Fliegerhorstes ist mit zahlreichen Altlasten aus dem Krieg und Flugbetrieb der vergangenen achtzig Jahre zu rechnen, die besonders mobilisiert werden könnten, wenn nun, wie bereits geschehen und weiter geplant, Flächen entsiegelt werden (Abriss alter Gebäude und Betonflächen). Das alles ist besonders relevant, weil die Experten ausführten, dass derzeit weniger als 20% Brunnenreserve vorhanden ist, um im Notfall auszugleichen.

Immer mehr Menschen verbrauchen Wasser auf Sylt
Die Verbrauchszahlen an Trinkwasser steigen von Jahr zu Jahr mit steigenden Menschenmassen auf der Insel. Die Personenzahl die sich an Spitzentagen auf der Insel aufhält, beläuft sich nach den Berechnungen der EVS auf 207.500 Menschen die maximal 12.700 qm Wasser pro Tag allein im EVS -Versorgungsgebiet verbrauchen. Die reale Zahl läge auf der gesamten Insel vermutlich noch höher, möglicherweise bei 230 000 Menschen, so Dettmer.

Dass die Sylter Wasserversorgung mit den bestehenden Brunnen und “wenn keine weiteren Hotelbauten hinzukommen”(EVS) nur noch für etwa 5 Jahre gewährleistet sei, hatte die EVS im vergangenen Sommer bereits auf eine Anfrage der Grünen im Umweltausschuss bekannt gegeben. In deren Antwort hiess es, dass seit 2013 die Trinkwasserförderung auf der Insel um fast 230 000 m3/Jahr angestiegen sei. Bis 2019 rechne die EVS mit einem Anstieg um knapp 400 000 m3/Jahr auf 2.500 000 qm. Die technischen Möglichkeiten der Wasserentnahme werden von der EVS auf 2,8 Millionen m3/Jahr geschätzt, wenn alle 16 verfügbaren Brunnen voll betriebsbereit sind.
Und, so Wember und Dettmer unisono,: “Es gibt weit und breit, keine „Nachbarn“ die der Insel Trinkwasser in den erforderlichen Mengen liefern könnten, auch nicht am Festland”. Die Folge wäre also die weitere Exploration von Brunnenfeldern, die in der Dünenlandschaft des NSG Nordsylt/Listland vorgenommen werden müssten.

Ökosystem Dünenheide in Gefahr
Laut Dr. Roland Klockenhoff, dem Vorsitzer der Naturschutzgemeinschaft Sylt, könnte sich das jedoch fatal auf zahlreiche geschützte Pflanzen- und Amphibienarten in der Sylter Dünenlandschaft auswirken und letztlich auch für die Sylter EinwohnerInnen. Die Gefährdung der Wasserversorgung mit den existierenden Brunnen sei auch eine Folge des unbegrenzten Baubooms unter einer fragwürdigen Wachstumsphilosophie der Tourismusindustrie, so Klockenhoff. Letztes Beispiel dafür sei die Genehmigung eines weiteren Großverbrauchers in List, der Hotelanlage Lanserhof.

Laut Biologe Rainer Borcherding von der Schutzstation Wattenmeer ist Sylt  einer der

Laichgebiet von seltenen Kreuzkröten: Nasses Dünental bei Rantum

Laichgebiet von seltenen Kreuzkröten: Nasses Dünental

wichtigsten natürlichen Lebensräume der Kreuzkröte in Deutschland. Deutschland ist nach EU-Recht verpflichtet, die Kreuzkröte zu erhalten.
“Die Frage ist daher nicht, ob man den Krötenbestand weiter schwächt, indem man Wasser aus den Dünen pumpt. Die Frage muss vielmehr sein, wie man die
Lebensbedingungen der Kröten im Listland verbessert”, so Borcherding.

Wasserentnahmen sind nach Landes-, Bundes- und Europarecht im Listland
heutzutage unzulässig, da auch die Pflanzen und Tiere der feuchten
Dünentäler höchstgradig selten und gefährdet sind. Es ist daher
vorstellbar, dass sogar die EU-Umweltverwaltung an einer Wasserentnahme im
Listland Anstoß nehmen und einschreiten würde. Auch Naturschutzverbände sind wären bereit, Klage einzureichen.

Auf die Frage eines Vorstandsmitgliedes der NSG an die beiden Herren der EVS, inwieweit sie diese Warnungen denn auch mit Nachdruck öffentlich machen würden, antwortete EVS Leiter Wember, dass das nicht die Aufgabe der EVS sei. Die Aufgabe der EVS sei einzig und allein die stetige Gewährleistung der Trinkwasserversorgung. Um die Interpretation der Zahlen, die die EVS ermittelt und die politische Implementierung von Massnahmen,  müssten sich andere kümmern.

 

Lothar Koch

 

Jahrtausende alte Sylter Kulturstätte in Gefahr

Tinnumer haben offensicht keinen Sinn für die Bedeutung der eigene Geschichte.

Das mindestens 2000 Jahre alte, archäologisch bedeutende Insel-Wahrzeichen  ”Tinnum Burg” droht in seiner Gesamtwirkung beschädigt zu werden.

IMG_0039Hintergrund ist die Notwendigkeit, die alte Tinnumer Feuerwache, die nicht mehr ausreicht, um im Brandfall rechtzeitig alle Gebäude des Ortes zu erreichen, durch eine neue Feuerwache südlich des Bahndammes zu ergänzen. Auf der Suche nach möglichen Bauplätzen hat sich der Ortsbeirat Tinnum auf eine Naturfläche versteift, die bislang eine wichtige Blickachse auf die Tinnum Burg freilässt.

Es gehört zum Schutz prähistorischer Bauwerke, dass nicht nur die Substanz des Denkmals, sondern auch das zugehörige Umfeld erhalten bleibt. (Man stelle sich vor, die Pyramiden von Gizeh stünden inmitten von Wohnblocks-dort ist es bereits bald soweit gekommen!). Da spielen Blickachsen und Freiräume eine wichtige Rolle. Genau diese drohen jetzt durch die neue Feuerwache zugebaut zu werden. Besonders pikant dabei ist die Tatsache, dass diese Fläche bereits als Baugrundstück für Wohnungen seitens des Landes freigegeben war, dann aber die Genehmigung aus Naturschutzgründen zurückgezogen werden musste. Eine notwendige Feuerwache, für die es keinen Alternativstandort gibt, könnte hier  jedoch das Naturschutzrecht aushebeln. Die Gemeinde hat nun neun mögliche Alternativ-Grundstücke geprüft. Aus verschiedenen Gründen (meist hohe Ankaufskosten) fallen sieben Flächen aus. Damit bleibt als Ausweichstandort für den Bau der Feuerwache nur ein Grundstück übrig: der Flaggenplatz nahe des Bahnüberganges Königskamp. Dort stehen auf einer grünen, gemähten Wiese zahlreiche Fahnenmasten zur Flaggenparade.

Trotz eines ApellTinnum Burg Kartes des Sylter Heimatvereines an den Tinnumer Ortsbeirat und Statements von ausgewiesenen Experten der Sylter Geschichte, wie der Gästeführerin und Autorin Silke von Bremen, will der Ortsbeirat den Flaggenplatz nicht zu Gunsten der “Burgfläche” für den Bau der Feuerwache hergeben.

Nun sollte man meinen, das archäologische Landesamt würde einschreiten und dem Possenspiel ein Ende bereiten-leider weit gefehlt: das Land hat die Möglichkeiten der Gemeinde Sylt zusätzlich geschwächt, die Blickachse freizuhalten. Das Amt bezieht sich auf eine vor Jahren erteilte, fehlerhafte Genehmigung, die in dem Bereich zu einem Bauwerk führte und argumentiert nun, man müsse aus Gründen der Gleichbehandlung nun erneut ein ungeeignetes Grundstück genehmigen.

Der Bürgermeister der Gemeinde Sylt verweist auf seine Pflicht, den Brandschutz sicher zu stellen und gleichzeitig auf die Massgabe, den Ortsbeiräten größtmöglich entgegen zu kommen. Fazit: sollten die Tinnumer selbst ihr wichtigstes historische Bauwerk einer billigen Flaggenparade opfern wollen, wird die Gemeindeverwaltung dem nicht im Wege stehen. Entscheiden muss jedoch der Gemeinderat, der sich erst Ende des Monats neu konstituiert. Es bleibt zu hoffen, dass bis dahin alle Kräfte auf den Tinnumer Ortsbeirat einwirken, denen etwas an der kulturhistorischen Bedeutung der Tinnum Burg liegt.

Kommentar vom Naturreporter

Fusion ein Flop?

Es ist verflixt: Vor zehn Jahren wurde die Fusion zahlreicher Ortsteile beschlossen, weil die Bürger den ehrenamtlichen Gemeinderäten der kleinen Orte nicht mehr zutrauten, die richtigen Entscheidung im Sinne der ganzen Insel zu treffen. Auslöser waren Entscheidungen einzelner Kleingremien, die bspw. zum Thermendesaster in Keitum und zum Dorfhotel in Rantum führten. Nun haben wir eine professionelle Gemeindeverwaltung und stehen erneut vor einem Dilemma. Man sieht die Unvernunft, aber traut sich sich nicht gegen das Votum eines Ortsbeirates zu entscheiden, auch weil die Fusion generell unter einem schlechten Ruf leidet.

Hünengräber haben kaum eine Lobby

der Ringwall der Tinnum Burg wird zunehmend überwuchert

der Ringwall der Tinnum Burg wird zunehmend überwuchert

Meines Erachtens konnte es mit der Tinnum Burg nur deshalb soweit kommen, weil die Gemeinden zu wenig für den Erhalt und die Präsentation der alten historischen Stätten auf der Insel tun. Bei der Tinnum Burg ist es für alle sichtbar, die dort spazieren gehen: Der Wall wird von Bäumen und Sträuchern bereits überwuchert. Bis auf einen Gedenkstein und ein lieblos aufgestelltes Blechschild deutet nichts auf die Bedeutung des Bauwerkes hin. Selbst viele Sylter wissen nicht, was es mit diesem Ringwall auf sich hat. Ähnlich ist es auch um zahlreiche Hünengräber der Stein- und Bronzezeit bestellt. Dabei haben die Gemeinden die gesetzliche Pflicht, sich um die Pflege dieser Stätten zu kümmern. Ganz nebenbei wäre die professionelle Präsentation auch hilfreich für einen nachhaltigen Tourismus, der sich ebenfalls nicht um das Thema kümmert und stattdessen zunehmend auf Grossevents setzt, die alles andere als nachhaltig sind.

Lothar Koch

Naturschutz auf Sylt, Folge 6: Der Nössekoog – das grüne Herz von Sylt

Nössekoog Übersicht

In einer Serie stellt die Naturschutzgemeinschaft Sylt und die Söl’ring Foriining das Thema „Natur auf Sylt“ in seiner ganzen Bandbreite in der Sylter Rundschau dar. Erschienene Artikel werden auf natuerlichsylt.net veröffentlicht und archiviert. Es werden Institutionen und Vereine vorgestellt und auch  Menschen, die sich für die Sylter Natur einsetzen.

In der sechsten Folge gibt Dr. Thomas Luther, Vogelexperte und Augenarzt auf Sylt,  einen Überblick über die Entwicklung des Nössekooges (Tinnumer Wiesen).

 

 Von Tränkekuhlen, freiem Horizont und Kampfläufern

„Lasst uns zu den Kampfläufern fahren!“ – Früher haben viele Sylter ihre Kinder eingepackt und sind in die Wiesen zwischen Tinnum und Morsum gefahren, um im Frühjahr ein ganz besonderes Schauspiel zu beobachten: das Balzturnier des Kampfläufers. Hier lieferten sich auf den feuchten Wiesen zwischen Wollgrasbulten die ganz verschiedenfarbigen Männchen mit aufgestellten Halskrausen einen wilden Kampf um die Weibchen. Es flogen die Federn, als in hoher Geschwindigkeit gesprungen, ausgewichen und umherstolziert wurde. Leicht war es, diese Turniere mitzuerleben, da sich die Vögel auf den immer gleichen traditionellen Plätzen einfanden.

Kampfläufer

Das ist nun schon dreißig Jahre her, dass hier der letzte Kampfläufer seine Jungen aufzog, er ist inzwischen in Deutschland als Brutvogel fast komplett ausgestorben. Dennoch ist der Nössekoog noch immer ein sehr bedeutendes Brutgebiet für andere bedrohte Wiesenvögel.

Dieses grüne Stück Land, das sich von den Ostdörfern nach Süden hin bis zum Wattenmeer erstreckt ist 1936, auch im Zuge der Entstehung des Rantum Beckens eingedeicht worden. Es ist Marschland. Die alten Priele, die nun als Entwässerungssiele die Wiesen durchziehen und die Warften, auf denen viele der alten Häuser noch ruhen, erinnern an den früher regelmäßigen Kontakt mit der Nordsee.

Im Auto, bei Tempo 100 auf der Bäderstraße, lässt sich dieses Terrain nicht hinreichend erschließen. Wenn man zu Fuß oder auf dem Fahrrad unterwegs ist und sich Auge und Ohr langsam wirklich öffnen, der Morgennebel noch über den Flächen liegt, dann beginnt sich der Zauber dieser auf den ersten Blick eintönigen Wiesenlandschaft zu entfalten.

Über die Jahre wurde hier das anfänglich umgebrochene Ackerland vermehrt wieder zu Grünland, da durch die Nässe in den Niederungen der Ertrag zu gering und der Aufwand zu groß war. Heutzutage werden die Flächen größtenteils als Weideland für Robustrinder und Pferde und zur Heumahd genutzt. Im Gegensatz zum Watt oder zur Dünen- und Heidelandschaft ist der Nössekoog also keine Natur- sondern eine Kulturlandschaft, der erst durch die menschliche Nutzung zu diesem einzigartigen Lebensraum werden konnte. Regelmäßige, behutsame, also extensive landwirtschaftliche Nutzung ist absolute Grundvoraussetzung zum Fortbestehen dieser Landschaft. Würde sie unterbleiben, wüchsen innerhalb weniger Jahre Gebüsche und Gehölze so hoch, dass der ursprüngliche Charakter mit seinen freien Sichtachsen mit ungehindertem Horizontblick für Mensch und Tier verloren gehen würde.

Und dieser freie Blick über weite Distanzen ist unabdingbar für das Überleben der vielen seltenen Vogelarten. Zu den in Europa am stärksten gefährdeten Vogelgattungen, die eben gerade im Nössekoog beheimatet sind, gehören die Wiesenvögel wie Kiebitz, Austernfischer, Rotschenkel, Bekassine und Uferschnepfe. Sie haben in den vergangenen Jahrzehnten auf dem Festland durch Intensivierung der Landwirtschaft, Trockenlegung und Umwandlung von Grünland in Ackerland (zum Beispiel zum Anbau von Mais zur Biogasgewinnung) sehr viele ihrer angestammten Brutgebiete verloren. Die Einbrüche sind verheerend, viele Wiesenvogelarten haben in den letzten dreißig Jahren über 90% ihres Bestandes eingebüßt. Viele Arten sind in Mitteleuropa ausgestorben oder stehen kurz vor dem Aussterben.

Der Nössekoog gilt als eines der zehn wertvollsten Gebiete für die Uferschnepfe Uferschnepfelandesweit. Während auf dem Festland die meisten der für die Wiesenvögel wichtigen Gebiete unter Schutz stehen, gilt für den Nössekoog weder Natur- noch Landschaftsschutz. Das Besondere ist hier, dass Landwirte freiwillig Wiesenvogelschutzprogrammen beitreten, in denen Düngung, Menge des Viehbesatzes und Mähtermine geregelt sind. Jäger verzichten aus freien Stücken auf Aufforstung; Ausgleichsmaßnahmen für Bauprojekte auf der Insel werden hier umgesetzt, der Bauhof reduziert die Gebüsche an den Wegen, um den ursprünglichen Charakter dieser Landschaft zu erhalten.

Es werden sogenannte Tränkekuhlen angelegt – flache Wasserstellen in den Wiesen, um das Nahrungsangebot für Jungvögel zu erhöhen, aber auch den selten gewordenen Amphibien  wie zum Beispiel dem Moorfrosch eine Heimstatt zu geben.

Der Bruterfolg aller Wiesenvögel in den letzten Jahren war sehr gering. Daher ist es so wichtig, die Chancen zur Aufzucht der Jungen zu verbessern. Jäger versuchen die Bestände der Bodenfeinde zu begrenzen und Nistmöglichkeiten für Krähen und Greifvögel sollten gar nicht erst entstehen.

Werden Schutzmaßnahmen konsequent umgesetzt, zeigen sich zum Beispiel am nahen Festland schon wieder erste Erfolge. Vielleicht können wir demnächst auch wieder unseren Kindern zurufen: „Lasst uns zu den Kampfläufern fahren!“

 

Naturschutz auf Sylt, Folge 4: Die Geestheide auf Sylt – eine alte Kulturlandschaft



In einer Serie stellt die Naturschutzgemeinschaft Sylt und die Söl’ring Foriining das Thema „Natur auf Sylt“ in seiner ganzen Bandbreite in der Sylter Rundschau dar. Erschienene Artikel werden auf natuerlichsylt.net veröffentlicht und archiviert. Es werden Institutionen und Vereine vorgestellt und auch  Menschen, die sich für die Sylter Natur einsetzen.

In der vierten Folge gibt Margit Ludwig, Geschäftsführerin der Naturschutzgemeinschaft Sylt e.V. einen Überblick über die Geestheiden der Insel Sylt.

 

Weg durch die Braderuper Heide

Weg zwischen Braderuper Heide und Wattenmeer

Heiden gehören zu den am stärksten bedrohten Lebensräumen in Schleswig-Holstein. Waren um 1850 noch ca. 17 % der Landesfläche von Heiden bedeckt, liegt ihr Anteil heute landesweit unter 0,5 %, davon fast 50 % allein auf der Insel Sylt. Aber auch hier sind die Geestheideflächen in den letzten Jahrzehnten deutlich geschrumpft.
Von der ehemals großflächig zusammenhängenden Heidelandschaft zwischen Kampen und Keitum ist neben kleineren Beständen in Morsum und am Flugplatz Westerland die Braderuper Heide als größter Komplex erhalten geblieben. Alle Flächen unterliegen dem Naturschutzrecht und sind darüber hinaus als Naturschutz- bzw. FFH – Gebiet besonders geschützt. Auf diese halbnatürlich vom Menschen geprägten Flächen, eine Heide-Pflanzengesellschaft mit der starken Präsenz der lila blühenden Besenheide (Caluna vulgaris), soll im Bericht eingegangen werden.

Nach der letzten Eiszeit (Weichsel), die vor ca. 10.000 Jahren endete, hatten sich auf den Altmoränen (Geest) weiträumige, nährstoffarme Sandböden gebildet, auf der sich Wälder entwickeln konnten. Um fruchtbaren Ackerboden und Platz für Felder zu schaffen, begannen die Menschen der Jungsteinzeit (ab 2.5000 v. Chr.) mit der Brandrodung des Urwaldes und mit Wanderfeldbau. Auf den aufgegebenen Brandflächen breiteten sich als Primärstadium der Sukzession Heidekrautgewächse aus, welche viel Licht benötigen, aber mit nährstoffarmen, sauren Böden zurechtkommen. Erstmals tauchten in Schleswig- Holstein größere Heideflächen ab dem frühen Mittelalter auf.

Geestheiden sind somit Teil der historischen Kulturlandschaft, die in der Regel durch vermehrten Holzeinschlag und Übernutzung entstanden sind. Im Rahmen der traditionellen „Heidewirtschaft“ wurden die Heiden früher durch Plaggenhauen, Beweidung oder Mahd regelmäßig genutzt, auf Sylt bis in die Nachkriegszeit. Das vom Lebenszyklus der Besenheide abhängige „heidetypische Aussehen“ ist so erhalten geblieben. Im Rahmen der Plaggenwirtschaft wurde die nährstoffreiche Humusschicht der oberen Bodenhorizonte (Plaggen) abgetragen und mit Mist vermengt auf die Felder und Wiesen zur Düngung gegeben. Dieser Vorgang wurde im Abstand mehrerer Jahre immer wieder auf denselben Flächen wiederholt, wobei es nach und nach zu einer Übernutzung kam, die die Regenerationszeit der Heideflächen verlängerte. In der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts erreichten die Heideflächen Schleswig Holsteins ihre größte Ausdehnung, danach gingen sie durch das Aufkommen von Dampfflug und Dünger im Rahmen der Intensivierung der Landwirtschaft kontinuierlich zurück.

Viele oft auch kleine Heideflächen befinden sich auf Sylt größtenteils noch in Privatbesitz. Heideflächen auf dem Flugplatzgelände sind im öffentlichen Besitz der Gemeinde Sylt, die übrigen gehören häufig Privateigentümern. Als Überbleibsel der Allmende gibt es in den Norddörfern die Losinteressentschaften. Früher befanden sich Teile der Geestheideflächen im Gemeinschaftsbesitz („Allmende“) wobei jeder Dorfbewohner über unterschiedlich viele Anteile am Heideland verfügte. Die Anzahl an „Losen“ bestimmte, wie viele Tiere ein „Interessent“ auf der Allmende weiden lassen durfte. Ursprünglich hing die Zahl der „Lose“ vom Besitz an Pferden ab, die für das Pflügen der Äcker bereitstanden.
Auf Dauer sind Geestheiden heutzutage nur durch gezielte Pflege in ihrer typischen Ausprägung zu erhalten. Dafür besteht daher eine besondere Verantwortung.

Aufgrund seiner hohen landschaftlichen Vielfalt und Naturnähe sind die Geestheiden

Raupe der Grasglucke

Raupe der Grasglucke

Lebensgrundlage einer charakteristischen Tier- und Pflanzenwelt von landesweit herausragender Bedeutung.
Fast die Hälfte der 95 im Gebiet nachgewiesenen höheren Pflanzenarten wird auf der Roten Liste für seltene Arten geführt. Besonders hervorzuheben sind dabei die Vorkommen von Arnika, Geflecktem Knabenkraut, Lungenenzian und der Niedrigen Schwarzwurzel.

Orchidee: Knabenkraut

Orchidee: Knabenkraut

Heilpflanze Arnika

Heilpflanze Arnika

Zu den charakteristischen Tierarten der Heideflächen gehören neben Hasen, Kaninchen und Fuchs die mehr im Verborgenen lebenden Zwerg-, Erd- und Feldmäuse, sowie Waldeidechsen und Kreuzkröten. Darüber hinaus findet man unter den weit über 1000 verschiedenen Insektenarten 219 Käfer-, 84 Spinnen- sowie 5 Heuschreckenarten.
Des weiteren bieten die Heiden einer vielfältigen Vogelwelt das ganze Jahr über geeignete Lebensräume. Sie sind Brutplatz für Feldlerchen und Wiesenpieper. Daneben nutzen viele gefiederte Gäste und Durchzügler die Heiden und Trockenrasenflächen zur Rast und Nahrungssuche. Die Bestandsrückgänge der letzten Jahre sind auch auf die Gefährdung der Brutplätze durch Überflutung, vor allem aber auf Störungen durch Spaziergänger und freilaufende Hunde zurückzuführen. Der allgemeine Rückgang bereitet Sorgen.

Steinschmätzer

Steinschmätzer

Ein besonderer Schwerpunkt der Arbeit der Naturschutzgemeinschaft Sylt e.V. ist der Erhalt der Geestheideflächen. Sie betreut die Naturschutzgebiete Morsum Kliff mit 43 ha seit 1977 und die 137 Hektar große Braderuper Heide seit der Unterschutzstellung 1979 im Auftrag des Landes Schleswig-Holstein. Dank ihres Einsatzes haben der Verein und dessen Mitglieder bereits umfangreiche Pflegemaßnahmen auf den Weg gebracht. Ziel ist es, die Heideflächen vor Überalterung zu bewahren und Verbuschung zu verhindern. Damit werden die Artenvielfalt und der besondere Charme dieser Landschaft erhalten. Ohne regelmäßig wiederkehrende Eingriffe verbreiten sich nach einiger Zeit Gehölze, die sich langsam zum Wald entwickeln. Dieser Vorgang ist ein natürlicher Prozess, der durch die heutzutage erhöhte Stickstofffracht über den Regen noch gefördert wird.

Die Pflegemaßnahmen umfassen die extensive Schafbeweidung, das Mähen, Brennen und

Heidschnucken als Pflegemassnahme

Heidschnucken als Pflegemassnahme

Plaggen von Heideflächen. Der Fraß der Schafe regt bei der Besenheide das Wachstum neuer Triebe an. Bei der derzeit über 500 Tiere umfassenden Schafherde, die von April bis Oktober auf den Sylter Geestheideflächen ihrer Arbeit nachgeht, handelt es sich um eine norwegische Rasse, der Norsk Spaelsau. Es sind robuste, genügsame Tiere, die es auch schon in dieser Region gab, lange bevor Sylt zur Insel wurde. Sie werden nun als Wanderschafherde eingesetzt, halten sich tagsüber in zwei Schichten in den Heideflächen zum Grasen auf und verbringen den Rest der Zeit in ihrem „Nachtpferch“, wo sie ihr Futter wiederkäuen, es sich quasi ein zweites Mal durch den Kopf gehen lassen. Die Schafherde wird von den Sylter Gemeinden und vom Land finanziert.

Das Plaggen von Heide- und Grassoden beseitigt die Vegetationsdecke mit der Rohhumusschicht und lässt den Lebenszyklus neu beginnen. Maschinelles Abtragen oder Schälen der oberen Vegetationsschicht ahmt das frühere Plaggen von Hand erfolgreich nach. Dies ist die effektivste Maßnahme, die Verjüngung von Heideflächen zu fördern. Das Heidekraut entwickelt sich dabei aus der Saat, die viele Jahrzehnte im Boden überdauerte und auf ideale Bedingungen „gewartet“ hat. Bearbeitete Flächen sind derzeit in Kampen südlich der Kupferkanne, beim Parkplatz zwischen Kampen und Braderup und in Braderup bei Up die Hiir zu sehen. Es braucht einige Jahre Geduld, bis auf der Fläche im Spätsommer wieder eine lila Blütenpracht gedeiht.
Soll eine Heidefläche abgebrannt werden, geschieht dies in enger Zusammenarbeit mit

Pflegemassnahme: kontrolliertes Abbrennen alter Heide

Pflegemassnahme: kontrolliertes Abbrennen alter Heide

den Gemeinden, den freiwilligen Feuerwehren und unter Mitwirken eines Spezialisten, der im Legen kontrollierter Feuer geübt ist. Das Abbrennen von Heideflächen erfolgt, ebenso wie das Plaggen, auf Flächen, die in der Regel nicht grösser als ein Hektar sind. Für das Brennen von Flächen muss der Boden gut abgetrocknet sein. Windstärke, Windrichtung und Jahreszeit bestimmen den Tag des Brennens außerhalb der Brut- und Setzzeit. Schneller, aber nicht so effektiv sind die Mahd von Heideflächen und das Entnehmen von Bäumen und Büschen mit der Wurzel, das sogenannte Entkusseln. Dies bewahrt die Heide nicht vor Überalterung. Durch die beschriebenen Pflegemaßnahmen werden den Heideflächen also Nährstoffe entzogen und ein Chaos simuliert, wie es in früheren Jahrhunderten praktiziert wurde. Die Arbeiten erfolgen in der Regel im Winter zwischen Oktober und Anfang bis Mitte März.

 

Margit Ludwig, Geschäftsführerin der Naturschutzgemeinschaft Sylt e.V.

Naturschutz auf Sylt, Folge 3: Kliffe auf Sylt : die Grenzen zum Meer

Das Rote Kliff, Foto: L.Koch

Das Rote Kliff, Foto: L.Koch

In einer Serie stellt die Naturschutzgemeinschaft Sylt und die Söl’ring Foriining das Thema „Natur auf Sylt“ in seiner ganzen Bandbreite in der Sylter Rundschau dar. Erschienene Artikel werden auf natuerlichsylt.net veröffentlicht und archiviert. Es werden Institutionen und Vereine vorgestellt und auch  Menschen, die sich für die Sylter Natur einsetzen.

In der dritten Folge gibt Dr. Ekkehart Klatt von der Sölring Foriining einen Überblick über die Insel-Kliffs.

Die unendliche Natur auf der Insel Sylt wartet mit vielen Schönheiten auf. Immer, wenn man sich einen Überblick verschaffen möchte, lohnt es sich, höher gelegene Orte aufzusuchen. Neben der 52 Meter hohen Uwe Düne in Kampen, oder der ebenfalls per Treppe zu besteigenden 34 Meter hohen Aussichtsdüne nördlich der Ortschaft List sind es die Kliffe an der West- und Ostküste, von denen der Ausblick bis weit in die Nordsee bzw. bis zu den Deichen auf dem dänischen und deutschen Festland reicht.

Das mit Abstand markanteste Kliff ist das vier Kilometer lange Rote Kliff. Da es fast 30 Meter hoch ist und sich vom Norden der Gemeinde Kampen bis nach Westerland erstreckt, war es für die Seefahrer über Jahrhunderte hinweg der wichtigste Orientierungspunkt, wenn sich ein Schiff der Insel vom offenen Meer her näherte. Außer den Nehrungshaken im Norden und Süden von Sylt ist es die einzige Steilküste, die durch das Anbranden von Meer und Wellen entstanden ist und im Gegensatz zu den Dünen auch noch lange nach den Sturmfluten allein durch ihre Höhe eine weithin sichtbare Orientierung bot. Genau wie wir es von der rein willkürlichen Farbgebung rot und grün bei den Positionslampen von Schiffen und Flugzeugen kennen, hat auch bei dem Namen „Rotes Kliff“ das Wort „rot“ nichts mit der wirklichen Farbe dieser Steilkante zu tun, sondern beschreibt bereits seit dem 16. Jahrhundert jedes markante Kliff, das von See aus optisch in Erscheinung tritt. Das Gegenteil wäre außerdem ein „Weißes Kliff“, wie wir es auf Sylt nördlich von Munkmarsch und unterhalb von Braderup auf der Wattseite vorfinden.

Den schönsten Ausblick vom Roten Kliff genießt der Naturfreund auf einem Spaziergang von Wenningstedt nach Kampen –oder natürlich auch umgekehrt- wenn man vom Strand kommend einen der Aufgänge benutzt und sogleich in nördlicher oder südlicher Richtung nur wenige Meter von der Kliffkante entfernt losläuft und den wunderschönen Fernblick über die sich immer unterschiedlich darstellende Nordsee genießt.

Ein dreifarbiges, aus Lehm und Sand bestehendes Kliff, das bereits bei der Anfahrt über den Hindenburgdamm kurz zu sehen ist, gehört möglicherweise zu den weniger bekannten Kliffen der Insel. Die Erd- und Frühgeschichtler haben es zu dem mit Abstand berühmtesten Kliff erklärt. Schmuckfunde aus der Wikingerzeit, gleich daneben das größte Gräberfeld aus dieser Epoche, äußerst seltene Fossilien von Muscheln und Schnecken sowie die offen ausgebreitete Erdgeschichte der vergangenen 10 Millionen Jahre sind nur einige der Highlights, die mit der Morsumer Heide und dem Kliff in Zusammenhang stehen.

Wer am Parkplatz Nösse in Morsum loswandert, erreicht kurz hinter dem Hotel „Landhaus Severin´s“ das fast 23 Meter hohe Morsum Kliff. Nach ausgiebigem Rundblick über die wasserbedeckten, jedoch bei Ebbe blauschwarzen und trocken gefallenen Watten, lohnt ein Spaziergang auf dem Kliff Richtung Osten, also Richtung Festland. Nach kurzem Weg steht der Betrachter im Zentrum des Bunten Kliffs: dunkle Tone sowie durch Eisenoxide braun gefärbte Sande sind Zeugen der Erdgeschichte, als der Raum „Sylt“ noch Teil einer frühen Ur-Nordsee war. Der helle Quarzsand, der auf Sylt auch als Kaolinsand bezeichnet wird, stammt im Gegensatz zu den marinen Sedimenten nicht von hier, sondern ist vor vier bis drei Millionen Jahren per Flussfracht aus Südfinnland und dem Baltikum hierhergekommen. Alle drei Formationen sind erst während der letzten Eiszeiten durch den enormen Druck der Gletscher zerbrochen, verfaltet und schräg geschichtet worden, so wie sie heute noch zu sehen sind.

Dass der tiefere Untergrund so spannend aussehen könnte, erahnte vor 10.000 Jahren bestimmt noch niemand. Der Meeresspiegel lag über 100 Meter niedriger als heute und somit war die Nordsee hunderte Kilometer von Sylt entfernt. Erst als am Ende der letzten Eiszeit die Temperatur urplötzlichstark anstieg, setzten ausgiebige Abschmelzprozesse der Gletscher ein und die ansteigende Nordsee näherte  sich Sylt. Dadurch konnte sich auch in Morsum durch das Anbranden des Wassers ein Kliff bilden. Am Morsum Kliff, einem der wenigen noch aktiven Kliffe der Insel, sieht man augenblicklich nur vor dem rotbraunen Sand eine steile Abbruchkante. Damit in Zukunft mal wieder eine durchgehende Kliffkante entstehen kann, bedarf es eines neuerlichen Orkans: entweder wie bei „Xaver“ (Dez. 2013) oder noch besser wie bei „Anatol“ (Dez. 1999), als sich nach 10 Meter Abbrüchen eine bis fünf Meter hohe und gänzlich neue Steilküste ausgebildet hatte.

Einen zusätzlichen Schutz für das Morsum Kliff, so wie es die Sandaufspülungen mit ihrem künstlichen Sand vor dem Roten Kliff in Kampen darstellen, wird von den Gremien der Insel nicht angestrebt. Da in der Nähe des Kliffs Menschen nicht direkt zu Schaden kommen können und zumindest momentan auch keine Sachwerte zu verteidigen sind, soll beim Morsum Kliff die Schönheit dieses von der Akademie der Geowissenschaften zum „Nationalen Geotop“ erklärten Steilufers ganz eindeutig im Vordergrund stehen.

Das Kapitänsdorf Keitum besitzt ebenfalls ein Kliff. An der Grenze zwischen der mit Steinen und Findlingen übersäten alteiszeitlichen Geest und dem Wattenmeer verläuft ein altes, vermutlich seit Jahrhunderten nicht mehr aktives Kliff, das zum Teil von Gras bewachsen ist und deshalb liebevoll das Grüne Kliff genannt wird. An seinem Fuß lag bis 1859 der bedeutendste Hafen von Sylt. Durch seine fortschreitende Verschlickung musste dieser Hafen schließlich aufgegeben werden. Nur das auf dem Kliff thronende weiße Packhaus des Hafenmeisters erinnert heute noch an die Bedeutung dieses Liegeortes für Frachtkähne und Segelboote.

Wenn wir heute feststellen, dass ja auch dies Kliff in längst vergangener Zeit einmal durch das Anbranden des Meeres entstanden sein muss, so kann das nur bedeuten, dass „damals“ entweder das Meer höher auflief, oder das niedriger gelegene Land sich gehoben haben müsste. Von einer rezenten Landhebung weiß man in Fachkreisen nichts. Damit steht fest, dass zu Zeiten der Kliffbildung in Keitum, genau wie bei der Kliffbildung nördlich von Kampen – jeweils auf der Wattseite-  deutlich höhere Wasserstände geherrscht haben müssen, als es heute der Fall ist.

Schnell wächst die Erkenntnis, dass Kliffe nur entstehen können, wenn gleichzeitig das feste Land angeknabbert wird und an Substanz verliert. Andererseits sind Kliffe herrliche Aussichtspunkte auf das neu entstehende Meer, bzw. das Watt. So liegt die Faszination natürlich auch sehr stark in dem Bewusstsein, dass jeder Punkt auf der Kliffkante nur eine Momentaufnahme darstellt, die über kurz oder lang ihren Weg in die Weiten der rauen Nordsee finden wird.

Dr. Ekkehard Klatt;    www.geotourssylt.de

 

Naturschutz auf Sylt, Folge 2: Klara Enss- Kritisch denken, 
politisch handeln

In einer Serie stellt die Naturschutzgemeinschaft Sylt und die Söl’ring Foriining das Thema „Natur auf Sylt“ in seiner ganzen Bandbreite in der Sylter Rundschau dar. Erschienene Artikel werden auf natuerlichsylt.net veröffentlicht und archiviert. Es werden Institutionen und Vereine vorgestellt und auch  Menschen, die sich für die Sylter Natur einsetzen.

In der zweiten Folge geht es um Klara Enss – eine streitbare Sylter Naturschützerin, deren engagiertes Einstehen für den Sylter Naturschutz Spuren hinterlassen hat. Sie starb 2001 und liegt auf dem Wenningstedter Friedhof begraben. Das Naturschutzzentrum Braderup trägt heute ihren Namen. Die Autorin Anna-Katharina Wöbse hat neben diesem Artikel, gerade ihr Buch über Klara Enss veröffentlicht (zu Bestellen in der Naturschutzgemeinschaft Sylt, oder über jede Buchhandlung.

 

Am Abend des 26. Novembers 1971 steht eine schöne Dame mit Pelzkappe auf den

Das aktuelle Buch zum Leben von Clara Enss

Das aktuelle Buch zum Leben von Klara Enss

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Klara Enss am Megaphon auf der legendären Atlantis-Demo

Stufen des Westerländer Wellenbads, hebt den Kopf und spricht zum ersten Mal in ihrem Leben in ein Megaphon. Es ist zugig, kalt und dunkel. Über 1000 Menschen haben sich zu einer Demonstration versammelt – so etwas hat es auf Sylt noch nicht gegeben. Die Dame heißt Klara Enss. Sie hat ein Manuskript vorbereitet, aber das kann sie in der Dunkelheit nun nicht ablesen. Also spricht sie frei. Und was sie zu sagen hat, zielt geradewegs gegen das politische Establishment der Insel. Klara Enss protestiert. Gegen den entgrenzten Sylter Bauwahn, der sich in einem megalomanischen Hochhausprojekt unter dem vielsagenden Namen Atlantis gerade Bahn brechen soll. Gegen Investoren, die alte Häuser verschwinden lassen wollen, um an die Stelle klotzige Appartementblocks zu stellen. Gegen Insulaner, die ihre alten Häuser verkaufen. Gegen Politiker, die gemeinsame Sache machen mit Geldgebern und Planern und den „Ausverkauf der Insel“ vorantreiben. Gegen diejenigen also, die verantwortlich sind für Flächenfraß, Verkehrslawinen und Naturverbrauch. Die der Insel nehmen, was sie so besonders macht.

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jung und engagiert für Natur und Umweltschutz: Klara Enss

Der kalte Novemberabend ist der Beginn des öffentlichen politischen Lebens von Klara Enss. Eingebettet in ein dichtes Netz aus Mitstreiterinnen und Mistreitern wird sie in den nächsten Jahren zum Gesicht einer agilen Zivilgesellschaft und zur Stimme alternativer Inselvisionen. Ihr Aktionsradius weitet sich rasch. Sie gründet den BUND Schleswig-Holstein mit, sie steigt auf ungewöhnliche Art und Weise in die Anti-Atom-Bewegung ein, reist aufgrund ihrer Expertise als Beraterin zu Bundesministerien und arbeitet sich in den klassischen Arten- und Naturschutz ein. Sie engagiert sich in der Kommunalpolitik: Die Wenningstedter und Braderuper wählen sie zur stellvertretenden Bürgermeisterin. Mit der Sylter Naturschutzgemeinschaft baut sie ein lebendiges Naturzentrum auf, das heute ihren Namen trägt. Dann kämpft sie mit eindrucksvollen Kampagnen für den Schutz der Nordsee und zettelt bis ins hohe Alter als „Grande Dame des Naturschutzes“ immer wieder zivilgesellschaftlichen Widerstand an. Für ihr umweltpolitisches Handeln erhält sie diverse Auszeichnung, darunter 1984 das Bundesverdienstkreuz. Diese Klara Enss scheint auf den ersten Blick der Prototyp einer grünen Aktivistin. Sie ist eine der vielen Akteurinnen und Akteuren der jungen Öko-Bewegung, die die Bundesrepublik in den letzten drei Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts nachhaltig prägte und gestaltete.

Gleichzeitig ist Klara Enss ein eigener Planet. Ein Freund von ihr drückt das so aus: „Es gab verschiedene Klaras!“ Sie sagt einmal von sich: „Und ich selbst: ein Chamäleon…“ Mit Perlenkette und Seidentuch wirkt sie auf den ersten Blick sehr konventionell. Aber da ist Gartenerde unter ihren Nägeln. Die Gummistiefel sind nicht weit. Sie tippt konzentriert ein Gutachten, um danach in einer sonnigen Ecke hinter ihrem Haus eine Zigarette zu rauchen. Ihr Garten ist für sie sowohl kontemplativer Kosmos als auch Gemüseacker für die Selbstversorgung. Sie liebt alles Lebendige. Abends schaut sie einen Boxkampf, vielleicht ein Tennismatch im Fernsehen an. Oder hört ein Violinkonzert von Schubert. Unablässig beschäftigt sie sich mit Literatur, liest und zitiert Erich Kästner, Albert Schweitzer, Elisabeth Borchers, Amon Oz, Michel Foucault. Sie entschwindet nach Hamburg, um im Kino Western zu sehen. Sie liebt Kartoffeln mit Quark. Ab und zu können es auch Austern und Champagner sein. Sie lebt allein und ist ganz autonom, verankert in einem großen Freundeskreis. In ihren Tagebüchern tritt uns also eine vielgestaltige Persönlichkeit entgegen: eigensinnig, kultiviert, zornig und pragmatisch, wissensgierig, leidenschaftlich und selbstdiszipliniert. Sie ist eine in höchstem Maße selbstreflektierte Frau, die um ihre eigenen Widersprüchlichkeiten weiß. Klara Enss verschafft sich Gehör. Sie entpuppt sich als charismatische Führungsfigur und clevere politische Strategin: Wer Veränderung will, braucht Ausstrahlung, starke Gefühle und einen klaren Verstand. Menschen, die mit ihr zu tun hatten, berichten eindrücklich von ihrer Eleganz, Klarheit, Klugheit und Hartnäckigkeit. In einem Nachruf auf sie heißt es: „Es ging von ihr eine Faszination aus, die fast alle gefangen nahm.“ Eine Freundin beschreibt sie lächelnd als „gerissen und charmant“. Ihre Kontrahenten erinnern sich auch an die „Nervensäge“, an die notorische Besserwisserin und das personifizierte schlechte Gewissen.

Klara Enss war eine außergewöhnliche Sylter Persönlichkeit. Ihre Lebensgeschichte ist eng mit der Geschichte Sylts verwoben. Alles, was sie auf politischer Ebene tat, stand im Kontext der Insel, deren Entwicklung und Veränderung sie mitgestalten wollte. Und obwohl Klara Enss für Sylt so wichtig gewesen ist, scheint sie nun in Vergessenheit zu geraten. Das wäre ein Verlust. Denn zum einen war sie eine feinsinnige Beobachterin und Chronistin der Veränderungen, die die Insel in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts erfuhr. Zum anderen ermöglicht ihre Biografie, ein entscheidendes Kapitel jüngerer Umweltgeschichte aus einer ungewöhnlichen Innenansicht nachzuvollziehen. In ihrer umweltpolitischen Biografie sehen wir wie durch ein Brennglas die Ökologisierung der bundesdeutschen Gesellschaft. Und schließlich gibt uns die Zusammenschau ihres Lebens Aufschluss darüber, woher sie die Kraft nahm, sich über Jahrzehnte für die Natur, das Gemeinwohl und die res publica einzusetzen, ohne zu verbittern oder zu erstarren.

Als sie in einem Interview einmal gefragt wurde, ob denn auch eine private Klara Enss existiere, kam eine klare Antwort: Ja, die gäbe es und zwar sehr intensiv – aber „die lassen wir mal hübsch außen vor!“ Doch ohne die private wäre die öffentliche Klara Enss kaum zu verstehen. Klara Enss hat Sylt und der Naturschutzgemeinschaft einen umfangreichen Nachlass vererbt. Auf der Insel befinden sich etliche Regalmeter Archivmaterial aus ihrem politischen Tun. Einen Koffer mit 24 Tagebüchern vermachte sie der Sylterin Christiane Retzlaff. Klara Enss war es wichtig, aufzuzeichnen, was sie bewegte, was sie dachte, was sie sah. Sie hat diese Notizen immer wieder in die Hand genommen, zum Teil sogar redigiert, indem sie Seiten herausriss, Passagen und Namen schwärzte. Einige Jahre fehlen ganz. Sie war Herrin ihrer Erinnerungen. Und diejenigen, die überliefert werden sollten, gab sie weiter. Dieser Fundus und die Erinnerungen von Menschen, die sie gut kannten, machen es möglich, die biografischen Voraussetzungen für ihr freies und stringentes Handeln zu verstehen. Sie schuf sich selbst einen Rahmen, in dem ihre Unabhängigkeit und Verbindlichkeit gewährleistet waren. Gleichzeitig war sie zutiefst dankbar, dass sie überhaupt handeln konnte und dass sie nicht allein war, sondern viele andere mit ihr versuchten, den Lauf der Dinge zu beeinflussen. Trotz oder vielleicht gerade wegen ihrer fortwährenden Aktivität und Anstrengung in Politik, Umweltbewegung und Bürgerrechtsengagement, achtete sie auch stets darauf, sich zu besinnen, sich zu wundern und zu freuen. Insofern ist ihre Biografie auch eine Ermutigung, kritisch zu denken, politisch zu handeln – und gut zu leben.

Anna-Katharina Wöbse

Uni Giessen/ Naturschutzgemeinschaft Sylt.e.V.

 

 

 

 

 

 

Naturschutz auf Sylt, Folge 1: Sylter Landschaft- schön und sensibel

In einer Serie stellt die Naturschutzgemeinschaft Sylt und die Söl’ring Foriining das Thema „Natur auf Sylt“ in seiner ganzen Bandbreite in der Sylter Rundschau dar. Erschienene Artikel werden auf natuerlichsylt.net veröffentlicht und archiviert. Es werden Institutionen und Vereine vorgestellt und auch  Menschen, die sich für die Sylter Natur einsetzen.

In der ersten Folge gibt Franz Brambrink von der Naturschutzbehörde des Kreises Nordfriesland einen Überblick über die Inselnatur und ihren Schutz.

 

Laichgebiet von seltenen Kreuzkröten: Nasses Dünental bei Rantum

Laichgebiet von seltenen Kreuzkröten: Nasses Dünental bei Rantum

Die Sylter Natur zeichnet sich in Flora und Fauna durch ein riesiges Potenzial besonderer, seltener und zu schützender Arten aus, von den Dünen und der Heide bis hin zu feuchten Marschen und deren artenreichem Grünland. Das Landschaftsbild ist vielerorts auf der Insel von herausragender Qualität. Um diese Vielfalt und Besonderheit zu erhalten, steht deutlich mehr als die Hälfte der Inselfläche unter einem Schutzstatus als Natura-2000-Gebiet, Naturschutzgebiet, Landschaftsschutzgebiet oder als gesetzlich geschütztes Biotop.

Ziel ist es, sowohl die Natur als auch ihr Erholungspotenzial für den Menschen zu Downloadbewahren. So wird Paragraph 1, Absatz 1 Bundesnaturschutzgesetz erfüllt. Er lautet:

„(1) Natur und Landschaft sind auf Grund ihres eigenen Wertes und als Grundlage für Leben und Gesundheit des Menschen auch in Verantwortung für die künftigen Generationen im besiedelten und unbesiedelten Bereich nach Maßgabe der nachfolgenden Absätze so zu schützen, dass

1. die biologische Vielfalt,

2. die Leistungs- und Funktionsfähigkeit des Naturhaushalts einschließlich der Regenerationsfähigkeit und nachhaltigen Nutzungsfähigkeit der Naturgüter sowie

3. die Vielfalt, Eigenart und Schönheit sowie der Erholungswert von Natur und Landschaft auf Dauer gesichert sind; der Schutz umfasst auch die Pflege, die Entwicklung und, soweit erforderlich, die Wiederherstellung von Natur und Landschaft (allgemeiner Grundsatz).“

Die Sylter Landschaft stellt selbst ein touristisches Highlight dar, ist jedoch hochsensibel. Deshalb ist jede bauliche oder touristische Entwicklung auf Sylt zwingend immer besonders auf ihre Naturverträglichkeit zu prüfen. Wichtige Meilensteine sind in diesem Zusammenhang das federführend vom Landschaftszweckverband (LZV) durchgeführte Wegekonzept (Besucherlenkung), das zwischen den Kommunen abgestimmte Strandversorgungskonzept und nicht zuletzt das Reitwegekonzept.

Die Aufgabe des aktiven Naturschutzes vor Ort, also der Pflege und Entwicklung von Flächen, übernehmen neben unserer Arbeit als untere Naturschutzbehörde (UNB) der auch unter anderem zu diesem Zweck gebildete LZV Sylt und die sehr professionell tätigen Naturschutz-Organisationen der Insel, wie die Naturschutzgemeinschaft Sylt, der Söl’ring Foriining, die Schutzstation Wattenmeer und der Verein Jordsand. Diese Zusammenarbeit ist ein Grundgerüst für den Erhalt der Inselnatur.

Erhebliche Maßnahmen konnten erfolgreich durchgeführt werden, und es ist zu betonen, dass Erhebliches auch noch vor uns liegt. Beispielhaft sind hier die Offenhaltung der Heiden, Dünen und Trockenrasenlebensräume oder die Bedeutung der Marsch als Wiesenvogellebensraum weiter anzuheben. Auf dem Sektor des Artenschutzes besteht derzeit ein wichtiger Baustein im kreisweiten Amphibienprojekt der Stiftung Naturschutz.

Selbstverständlich wecken die beschriebenen Schönheiten und der natürliche Reichtum der Insel auch zahlreiche Begehrlichkeiten. Investitionen in die touristische Infrastruktur sowie bauliche Entwicklungen gehören zur stetigen Diskussion. Zu den gesetzlich verankerten Aufgaben des Landrates als unterer Naturschutzbehörde gehört die Prüfung der Verträglichkeit solcher Maßnahmen mit dem Schutz der Natur.

Gerade bei baulichen Entwicklungen sind die landesplanerischen Zielsetzungen für Sylt eine zu beachtende Größe. Diese bestimmen den zulässigen Rahmen der weiteren Flächeninanspruchnahme auf der Insel, sowohl für den zwingend notwendigen Wohnungsbau, als auch für gewerbliche und touristische Projekte und Planungen.

Auch beim Küstenschutz ist auf ein möglichst naturverträgliches Vorgehen zu achten. Zwischen dem zuständigen Landesbetrieb für Küstenschutz, Nationalpark und Meeresschutz Schleswig-Holstein, dem LZV, dem Kreis und den Naturschutzverbänden hat sich ein auch außerhalb der gesetzlichen Regelungen kooperatives Abstimmungsprozedere eingespielt.

Franz Brambrink/ Naturschutzbehörde des Kreises Nordfriesland

 

Das Ende ist nah!

Sturmtief Sebastian ist über Sylt gezogen und hat der Insel wieder ein Stückchen IMG_1287Südspitze geklaut. Der Dünenzug, der bereits in den letzten Monaten permanent von Urlaubern durchwandert wurde, weil Monsieur und Madame beim hochwasserlichen Umrunden des Naturschutzgebietes Hörnum Odde keine nassen Füsschen bekommen wollte, ist nun in den Fluten verschwunden. Von der äussersten Südspitze bis zum Restaurant Südkap bei Hörnums Leuchtturm sind es nun noch rund 850 m Fußweg, der in ca. 15 Minuten bewältigt werden kann. Land, Kreis und Landschaftszweckverband Sylt haben jegliche Schutzmaßnahmen für Hörnums beliebtestes Ausflugsziel längst aufgegeben.

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nur noch 850 Meter von hier bis zum Restaurant Südkap

In wenigen Jahren wird voraussichtlich nur ein festes Deckwerk helfen, um Bistro Südkap, Leuchtturm und Hafen zu halten. Schade, rechtzeitige Maßnahmen mit außergewöhnlich großen Sandvorspülungen hätten eventuell helfen können, Naturlandschaft zu erhalten.

Lothar Koch

Forschende entdecken Methanaustritte in der Deutschen Buch

Pockmarkfelder vor Helgoland

Innerhalb weniger Monate sind auf dem Grund vor der Nordseeinsel Helgoland tausende Krater am Meeresboden entstanden. Aus dem Meeresboden ist Gas entwichen, das Sand aufwirbelt und daraus die Kraterhügel hat entstehen lassen. Es ist das erste Mal, dass im Gebiet Helgoland-Riff die Spuren von massiven Methanausbrüchen beobachtet wurden. Ihre Studie haben Wissenschaftler unter Federführung von Knut Krämer vom MARUM – Zentrum für Marine Umweltwissenschaften der Universität Bremen jetzt im Fachblatt Scientific Reports veröffentlicht.
„Wir waren überrascht, als wir plötzlich eine Kraterlandschaft gesehen haben, wo sonst nur ebene Sandfläche war“, sagt Knut Krämer, Erstautor des Artikels und Doktorand am MARUM – Zentrum für Marine Umweltwissenschaften der Universität Bremen. Die Studie zeigt anhand genauer Vermessungen eine einschneidende Entwicklung im Gebiet „Helgoland-Riff“, etwa 45 Kilometer nordwestlich von Helgoland: In den vergangenen Jahren bis Juli 2015 fand man hier einen überwiegend flachen Meeresboden ohne besondere Merkmale. Bei einer erneuten Kartierung im November 2015 war der Meeresboden übersät mit Vertiefungen von der Größe eines Tennisplatzes. Bei Ausfahrten mit dem Forschungsschiff Heincke im August/September 2016 zeigte sich, dass sich diese Krater über eine Fläche von rund 915 Quadratkilometern erstrecken – das entspricht mehr als der doppelten Fläche des Landes Bremen. Pro Quadratkilometer finden sich bis zu 1.200 Krater. Im Zusammenhang mit erhöhten Methankonzentrationen im Sediment wurden die Krater als so genannte Pockmarks identifiziert.

Bakterien bilden Methan

Der englische Begriff pockmark (deutsch: Pockennarbe) bezeichnet charakteristische Krater am Gewässerboden, die beim Austritt von Flüssigkeiten oder Gasen aus dem Untergrund entstehen. Sie sind in vielen Gewässern wie Seen, Flüssen, Flussmündungen, von Küstengewässern bis in die Tiefsee weltweit zu finden. In tonhaltigen Sedimenten und bei geringem Einfluss von Strömungen und Wellen bestehen sie teilweise über viele Jahrhunderte und sind Zeugnis vergangener Gasaustritte.

In flachen Küstengewässern mit sandigem Boden und unter dem Einfluss von Tideströmungen und Wellen verschwinden die Krater schnell und wurden deshalb bisher sehr selten beobachtet. Gerade die küstennahen Gebiete waren aber vor dem nacheiszeitlichen Meeresspiegelanstieg oft Feuchtgebiete und damit reich an organischem Material. Aus diesem Material kann durch bakterielle Zersetzung Methan gebildet werden. Dieses kann sich dann unterhalb von undurchlässigen Schichten im Meeresuntergrund sammeln. Gelangt Methan in die Erdatmosphäre, wirkt es dort als Treibhausgas etwa 25-mal stärker als Kohlenstoffdioxid (CO2).

Die Messungen des Forschungsteams haben ergeben, dass beim Ausbruch des Methans rund 6,9 Millionen Kubikmeter Sediment umgelagert wurden – so viel wie in 200.000 Standardcontainer passen würde. „Die Menge des dabei freigewordenen Methans lässt sich nur schwer abschätzen. Wie sich das Gas vor dem Austreten im Untergrund verteilt hat, wissen wir nicht genau. Selbst eine vorsichtige Schätzung ergibt aber eine Menge von rund 5.000 Tonnen. Das entspricht etwa zwei Dritteln des bisher angenommenen jährlichen Ausstoßes der gesamten Nordsee“, erklärt Knut Krämer.

Meeresboden verändert sich durch Strömungen und Wellen

Als Auslöser für das Ausbrechen der Pockmarks vermutet er zusammen mit seinen Co-Autoren Sturmwellen von bis zu sieben Metern Höhe und einer Periode von um die zehn Sekunden, die Druckschwankungen am Meeresboden verursacht haben. Die wiederum haben wie eine Pumpe auf das dort gespeicherte Gas gewirkt. Schließlich hat der Meeresboden dem Druck nachgegeben, das Gas entwich in die Wassersäule, wobei es Sediment mit sich riss. Dieses lagerte sich dann auf der strömungs- oder wellenabgewandten Seite wieder ab und erzeugte ein charakteristisches Muster aus Kratern und Hügeln.

„Diese Studie ist ein prima Beispiel für die Zusammenarbeit der verschiedenen Institute, die sich mit Küstenforschung beschäftigen: Wir messen gemeinsam auf den deutschen Forschungsschiffen und bündeln die Expertisen der verschiedenen Fachrichtungen“, sagt Dr. Christian Winter, Fahrtleiter der Messfahrt und Leiter der Arbeitsgruppe Küstendynamik am MARUM.

Die Pockmarks am Helgoland-Riff wurden in dieser Form zu ersten Mal in der Deutschen Bucht beobachtet. „Die Häufigkeit der auslösenden Sturmwellen legt nahe, dass es sich dabei um ein wiederkehrendes Phänomen handeln könnte, das bisher möglicherweise übersehen wurde“, meint Knut Krämer. Die Detektion der relativ flachen Krater sei überhaupt erst möglich durch die Tatsache, dass Messsysteme wie hochgenaue Fächerecholote weiterentwickelt wurden. Auch sei davon auszugehen, dass die Krater in beweglichen, sandigen Sedimenten durch Wellen und Strömungen schnell wieder eingeebnet werden, sobald kein Methan mehr austritt.

Verglichen mit den menschgemachten Methanemissionen ist der Beitrag des entdeckten Pockmark-Feldes gering. So beträgt die Menge nur 0,5 Prozent des jährlichen antropogenen Methanausstoßes Deutschlands. Allerdings ist davon auszugehen, dass sich küstennahe Gebiete mit reichen Methanvorkommen weltweit in einem ähnlich labilen Zustand befinden. Ein wichtiger Beitrag zum globalen Methanhaushalt aus hoch dynamischen Küstenregionen sei daher möglicherweise bisher übersehen worden, sagt Knut Krämer. „Wir hoffen, mit unserem Artikel eine wissenschaftliche Diskussion und weitere Untersuchungen über diese Art von Methanquellen anzuregen.“

Kontakt:
Knut Krämer
Telefon:0421-21865582
E-Mail: kkraemer@marum.de

Originalveröffentlichung:
Knut Krämer, Peter Holler, Gabriel Herbst, Alexander Bratek, Soeren Ahmerkamp, Andreas Neumann, Alexander Bartholomä, Justus E.E. van Beusekom, Moritz Holtappels und Christian Winter: Abrupt emergence of a large pockmark field in the German Bight, southeastern North Sea. Scientific Reports 7, 2017; DOI: 10.1038/s41598-017-05536-1

Ulrike Prange Pressestelle
MARUM – Zentrum für Marine Umweltwissenschaften an der Universität Bremen

 

Save the Beach- Der Surf-Club räumt auf-machst Du mit? Treffpunktinfo

 

FotoL.Koch

Papiertüten tun´s auch

9. SCS Beach Clean Up auf Sylt am 26. März

Hunderte Tonnen Müll werden Jahr für Jahr von den Sylter Tourismus-Organisationen an den Sylter Stränden gesammelt und entsorgt. Hinzu kommen die unzähligen Müll-Massen, die von den Winterstürmen an die Sylter Küste gespült werden. Einwegflaschen, Autoreifen, Plastikbesteck und Einkaufstüten verschwinden nicht von alleine, denn was an den Stränden der Insel weggeworfen und angeschwemmt wird, ist gegen Verwitterung immun.

Um auch in der Nebensaison die abgelegenen Bereiche von dem Schmutz zu befreien, veranstaltet der Surf Club Sylt e.V. (SCS) am 26. März in Kooperation mit der Naturschutzgemeinschaft Sylt e.V., den Sylter Tourismus Services und der Surfrider Foundation Europe erneut den Beach Clean Up Sylt. „Jeder Strandspaziergang an unserer Küste macht deutlich, welche Ausmaße das Müllproblem angenommen hat. Und zwar weltweit, nicht nur bei uns. Es ist höchste Zeit auf Worte Taten folgen zu lassen“, so Markus Mager, Präsident des SCS.

Wer also bereit ist, sich ganz uneitel die Arbeitshandschuhe überzuziehen und mit einem Müllsack an den Sylter Stränden entlang zu wandern und aufzusammeln, was da einfach nicht hingehört, der zeigt Flagge für eine Bewegung, die alle Küsten weltweit so bitter nötig haben. Mülltüten und auch einige Handschuhe werden um 11 Uhr an den jeweiligen Stationen verteilt. Wer möchte, darf die eigens gesammelten vollen Müllsäcke gerne mit nach Westerland nehmen. Abschließender Treffpunkt ist in diesem Jahr um 15 Uhr erstmalig das neue Clubhaus des Surf Club Sylt in Westerland am Brandenburger Strand. Eine Premiere mit freudigem Hinblick auf die langersehnte Eröffnung des Vereinsheimes im Juni. Die restlichen Müllsäcke werden von den Tourismus-Services eingesammelt. Alle Mitwirkenden bekommen dort eine kulinarische Stärkung, gesponsert von Söl Kitchen Sylt und dem Restaurant Beach House Sylt. Selbstverständlich wird es keinerlei Einwegteller oder -besteck geben, somit ist jeder angehalten eine kleine Schüssel und einen Löffel mitzubringen. Die Sylt Quelle erfrischt alle Helfer mit Mineralwasser und Sylter Brause.

Kontakt:
Markus Mager
info@surfclubsylt.de