Das kanarische „Oster-Ei“: Neuerscheinung auf La Gomera: Bildband & Lesebuch- Die Insel der Delfine

Heute mal etwas Schönes zu einer anderen wunderbaren Insel: La Gomera, die Zweitkleinste der Kanaren:

Buchtitel

Die Neuerscheinung aus Lothar Koch´s ClarityVerlag

 

 

NEUERSCHEINUNG 

Bildband und Forscher-Geschichten von La Gomera
Die Insel der Delfine – Begegnungen auf dem Meer vor La Gomera
vom Meeresbiologen und Walexperten  Fabian Ritter
mit einem Vorwort von Lothar Koch
Der Atlantik um die kleine kanarische Insel La Gomera gilt als eines der artenreichsten Meeresgebiete für Wale und Delfine (Cetaceen) und ist gleichzeitig einer der besten Plätze weltweit, wo man diese faszinierenden Meeressäuger in ihrem natürlichen Lebensraum begegnen kann.
Der Meeresbiologe Fabian Ritter hat nun in einem wunderschönen Bildband die eindrucksvollsten Erlebnisse und Fotografien aus zwei Jahrzehnten Forschungs- und Bildungstätigkeit auf den Kanaren veröffentlicht. Auf über 100 Seiten eröffnet sich Leser*innen und Betrachter*innen die Welt der Wale und Delfine vor La Gomera. Der Autor ist Verhaltensforscher und Walexperte, dementsprechend wird das Buch von der langjährigen Erfahrung mit den Tieren gespeist. Ritter schreibt jedoch nicht im Wissenschaftsstil, sondern erzählt von seinen ganz persönlichen „magischen Momenten“ auf dem Atlantik, bei denen er nicht selten Auge in Auge mit den “Giganten und Akrobaten des Meeres” war.
Fabian Ritter illustriert seine spannenden und interessanten Forschergeschichten mit über 240 Fotos. Dazu gehören fantastische Portraits einzelner Tiere, Darstellungen seltener Verhaltensweisen und immer wieder einfach wunderschön anmutende Fotografien von springenden Delfinen, majestätischen Walen sowie faszinierende Landschaftsaufnahmen La Gomeras.
Ritter kam 1995 als junger Mann auf die kanarische Insel, um Daten für seine Diplomarbeit über Wale zu sammeln. Gleich im ersten Jahr gelangen ihm spektakuläre Unterwasser-Aufnahmen von Schnabelwalen: Die bis heute einzigen Fotos, die ein säugendes Schnabelwal-Kalb dieser scheuen Art zeigen.
Ritter führte  die ersten Forschungen an Walen und Delfinen vor La Gomera durch. Dies mündete auch in der Gründung des gemeinnützigen Vereins M.E.E.R., dessen Vorsitzender er ist. M.E.E.R. setzt sich seit 1998 für den Schutz des Meeres ein und leistet dabei immer wieder Pionierarbeit.(www.m-e-e-r.org)
Vor diesem Hintergrund ist es nur konsequent, dass Ritter in „Die Insel der Delfine“ auch nachdenklich Töne anschlägt und darauf hinweist wie wichtig es heute ist, die Meere besser zu schützen. Er versäumt auch nicht in drei speziellen Exkursen neue Konzepte anklingen zu lassen, die sich aus der aktuellen Forschung ergeben: Haben Delfine und Wale Persönlichkeit, Selbstbewusstsein, ja sogar Kultur? Sind sie uns vielleicht ähnlicher, als wir das bisher vermutet haben? Und wenn ja: Was bedeutet das für unseren Umgang mit diesen faszinierenden Tieren?
Inzwischen ist Meeresbiologe Ritter zu einem der engagiertesten Walschützer Europas geworden. International setzt er sich mit M.E.E.R. für die Meeressäuger ein. Außerdem ist er als Campaigner für Whale and Dolphin Conservation (WDC) in nationalen und internationalen Gremien tätig. Darüber hinaus betreut er bei der Internationalen Walfang Kommission (IWC) die Datenbank zur Erfassung von Kollisionen zwischen Schiffen und Walen. Der Insel La Gomera ist er stets treu geblieben, dort leitet er jährlich Praktikumskurse für Studenten und treibt zusammen mit dem M.E.E.R.-Team das inzwischen preisgekrönte Projekt MEER La Gomera voran.
Der Zusammenklang von Forschungswissen aus erster Hand, den atemberaubenden Fotografien und der Begeisterung eines Biologen, der mit ganzem Herzen bei seiner Arbeit ist, lässt den Leser während der Lektüre selbst zum begeisterten Walbeobachter werden!
Konsequent erscheint auch die umweltfreundliche Produktion (FSC zertifiziertes Papier, mineralölfreie Druckfarben und CO2-neutraler Druck) dieses Bild- und Erzählbandes. Zudem fließt 1.- € pro verkauftem Buch in die Arbeit des gemeinnützigen Vereins M.E.E.R.
Die Insel der Delfine- Begegnungen auf dem Meer vor La Gomera
von Fabian Ritter
mit einem Vorwort von Lothar Koch
 gebunden, Großformat 29,7 x 21 x 1,3 cm
Seiten: 107
Abbildungen: 246, vierfarbig
Preis: 19,95 Euro
Erscheinungsdatum: 21.02.2018
ISBN 9783947274062
Jetzt direkt zu bestellen unter www.syltopia.de, www.clarityverlag.de, oder über jede Buchhandlung in Deutschland.
ClarityVerlag, Sylt
Germany
0049/4651201088
Auf den Kanaren ist das Buch zur Zeit nur im Valle Gran Rey auf La Gomera verfügbar. (El Fotograf, Oceano, Club del Mar, Bioladen Ansiria, Ökotors, Timah, Finca Argayall).
Kontakt zum Autor Fabian Ritter für Interviews und Lesungen:
meer.ritter@web.de
Tel: derzeit auf La Gomera: +34 64210 2482 (auf Gomera nur noch bis 4.4.)
Text auf der Buchrückseite:
 Drei Meilen vor La Gomera
»Weit entfernt der Insel dümpeln wir ruhig auf dem sattblauen Atlantik, um uns herum eine spritzig spielende Delfinschule oder lässig treibende Pilotwale, deren Atemgeräusche rund um das Boot von den Geheimnissen der Tiefe erzählen. Dann der Blick zurück auf das Eiland, das wie eine Fata Morgana mächtig aus dem Dunst aufragt. Seine vulkanischen Felsformationen ähneln von hier aus den Rückenfinnen von Walen und Delfinen. Als wären die herausragenden Basaltgrate eine Jahrmillionen alte Prophezeiung, dass La Gomera die Insel der Delfine ist.«               
Aus dem Vorwort des sylter Biologen und Walschützers  Lothar Koch
Der Sylter Autor und Biologe Lothar Koch ist bekannt für seine Engagement im Nordsee-Wal-Schutz..
Der Meeresbiologe Fabian Ritter 
studiert seit über 25 Jahren Wale und Delfine in der freien Wildbahn. Sein Hauptaugenmerk gilt dabei den Gewässern der kleinen Kanareninsel La Gomera, die eine unvergleichliche Vielfalt an Delfinen und Walen beherbergen. Mit eindrucksvollen Bildern und viel Sachkenntnis, aber auch mit dem poetischen Blick eines Naturliebhabers spricht dieser Bildband aus dem Herzen eines Biologen – voller Begeisterung für das Meer und seine Bewohner.
 

Nationalparkthemenjahr 2018: „Muscheln und Schnecken“ , Folge 3

100.000 Muschelarten gibt es auf der ganzen Welt, nur 15 davon im Nationalpark Wattenmeer. Trotzdem spielen die Weichtiere mit der harten Schale eine zentrale Rolle in diesem Ökosystem. Ihre wöchentliche Filterleistung entspricht dem gesamten Wasservolumen des Wattenmeeres, sie sind also eine große biologische Kläranlage. Anlässlich des Themenjahres „Muscheln und Schnecken“ wird Biologe Rainer Borcherding monatlich über die Welt der Weichtiere im Nationalpark Wattenmeer berichten.

Große Fadenschnecke Aeolidia papillosa auf einer Muschelschale

Große Fadenschnecke Aeolidia papillosa auf einer Muschelschale

Tier des Monats März: Frühling der Fadenschnecken

 In manchen Jahren sind ab März an Muschelbänken im Watt oder angespült am Strand seltsame zottige Tiere zu finden. Sie sind vier bis zehn Zentimeter groß und haben eine körperlange Kriechsohle, was sie als Nacktschnecken kennzeichnet. Meist sind die Tiere dicht graubraun punktiert, aber es gibt auch helle und sogar leuchtend gelbe Varianten.

Am Kopf der Fadenschnecke sitzen vier Fühler, auf ihrem Rücken viele kräftige Fransen. Diese Zotten enthalten Darmfortsätze, in denen funktionierende Nesselkapseln gespeichert sind, die aus der Nahrung der Großen Fadenschnecke stammen: von Seenelken und anderen Blumentieren.

Die Fadenschnecke kann aus einigen Zentimetern Entfernung ihre Beutetiere wittern. Kriecht sie auf das Nesseltier zu und berührt dabei die brennenden Fangarme, zuckt die Schnecke zunächst zurück. Sie scheint also durchaus den Schmerz der Nesseln zu spüren. Hat die Schnecke mindestens einen Tag lang nichts gefressen und ist somit hungrig, kriecht sie aber sofort wieder vorwärts. Bevorzugt beißt sie in den säulenförmigen Körper des Blumentiers. Dieses versucht seinerseits, sich von der Schnecke weg zu beugen oder sogar seine Unterlage ganz loszulassen und sich der Strömung anzuvertrauen. Es gibt auch Blumentiere, die in hektische Fluchtbewegungen ausbrechen und dabei die beachtliche Geschwindigkeit von einigen Zentimetern pro Stunde erreichen. Dies reicht allerdings nicht aus, um vor der Großen Fadenschnecke zu fliehen. Sie verspeist die Blumentiere ganz oder teilweise und frisst dabei die in Schleim gehüllten und nicht explodierten Nesselzellen mit, um sie in ihre Rückenzotten einzulagern. Von vielen Meeres-Nacktschnecken ist bekannt, dass sie die Gifte ihrer Beutetiere zum eigenen Schutz nutzen.

Die Große Fadenschnecke ist im Frühjahr erwachsen und laicht auf Muschelbänken in Form spiraliger Eischnüre. Die winzigen Larven schwimmen im Plankton umher und müssen geeignete Muschelbänke mit Seenelken finden, um dort zu einer neuen Schneckengeneration heranzuwachsen. Bis vor kurzem nahm man an, die Große Fadenschnecke sei weltweit ziemlich verbreitet, von Chile bis Kanada. Mittlerweile weiß man aber, dass es sich um mehrere ähnlich aussehende Arten handelt. Schon an den Felsküsten Englands und Frankreichs lebt die ähnliche Gelockte Fadenschnecke, die auf der Stirn ein weißes „V“ trägt. Bei der nordamerikanischen Fadenschnecke stellten Forscher fest, dass in ihren Rückenzotten grüne Einzeller, sie sie mit den gefressenen Nesseltieren aufgenommen hat, weiterhin Photosynthese betreiben. Allerdings pflegt die Schnecke diese „Nützlinge“ offenbar nicht allzu sorgfältig: Lässt man die Schnecken zehn Tage hungern, sind danach alle Algenzellen verdaut. Fadenschnecken sind also bis auf weiteres Raubtiere, keine Kleingärtner mit Algenkulturen auf dem eigenen Rücken.

 

Rainer Borcherding, Schutzstation Wattenmeer

Naturschutz auf Sylt, Folge 6: Der Nössekoog – das grüne Herz von Sylt

Nössekoog Übersicht

In einer Serie stellt die Naturschutzgemeinschaft Sylt und die Söl’ring Foriining das Thema „Natur auf Sylt“ in seiner ganzen Bandbreite in der Sylter Rundschau dar. Erschienene Artikel werden auf natuerlichsylt.net veröffentlicht und archiviert. Es werden Institutionen und Vereine vorgestellt und auch  Menschen, die sich für die Sylter Natur einsetzen.

In der sechsten Folge gibt Dr. Thomas Luther, Vogelexperte und Augenarzt auf Sylt,  einen Überblick über die Entwicklung des Nössekooges (Tinnumer Wiesen).

 

 Von Tränkekuhlen, freiem Horizont und Kampfläufern

„Lasst uns zu den Kampfläufern fahren!“ – Früher haben viele Sylter ihre Kinder eingepackt und sind in die Wiesen zwischen Tinnum und Morsum gefahren, um im Frühjahr ein ganz besonderes Schauspiel zu beobachten: das Balzturnier des Kampfläufers. Hier lieferten sich auf den feuchten Wiesen zwischen Wollgrasbulten die ganz verschiedenfarbigen Männchen mit aufgestellten Halskrausen einen wilden Kampf um die Weibchen. Es flogen die Federn, als in hoher Geschwindigkeit gesprungen, ausgewichen und umherstolziert wurde. Leicht war es, diese Turniere mitzuerleben, da sich die Vögel auf den immer gleichen traditionellen Plätzen einfanden.

Kampfläufer

Das ist nun schon dreißig Jahre her, dass hier der letzte Kampfläufer seine Jungen aufzog, er ist inzwischen in Deutschland als Brutvogel fast komplett ausgestorben. Dennoch ist der Nössekoog noch immer ein sehr bedeutendes Brutgebiet für andere bedrohte Wiesenvögel.

Dieses grüne Stück Land, das sich von den Ostdörfern nach Süden hin bis zum Wattenmeer erstreckt ist 1936, auch im Zuge der Entstehung des Rantum Beckens eingedeicht worden. Es ist Marschland. Die alten Priele, die nun als Entwässerungssiele die Wiesen durchziehen und die Warften, auf denen viele der alten Häuser noch ruhen, erinnern an den früher regelmäßigen Kontakt mit der Nordsee.

Im Auto, bei Tempo 100 auf der Bäderstraße, lässt sich dieses Terrain nicht hinreichend erschließen. Wenn man zu Fuß oder auf dem Fahrrad unterwegs ist und sich Auge und Ohr langsam wirklich öffnen, der Morgennebel noch über den Flächen liegt, dann beginnt sich der Zauber dieser auf den ersten Blick eintönigen Wiesenlandschaft zu entfalten.

Über die Jahre wurde hier das anfänglich umgebrochene Ackerland vermehrt wieder zu Grünland, da durch die Nässe in den Niederungen der Ertrag zu gering und der Aufwand zu groß war. Heutzutage werden die Flächen größtenteils als Weideland für Robustrinder und Pferde und zur Heumahd genutzt. Im Gegensatz zum Watt oder zur Dünen- und Heidelandschaft ist der Nössekoog also keine Natur- sondern eine Kulturlandschaft, der erst durch die menschliche Nutzung zu diesem einzigartigen Lebensraum werden konnte. Regelmäßige, behutsame, also extensive landwirtschaftliche Nutzung ist absolute Grundvoraussetzung zum Fortbestehen dieser Landschaft. Würde sie unterbleiben, wüchsen innerhalb weniger Jahre Gebüsche und Gehölze so hoch, dass der ursprüngliche Charakter mit seinen freien Sichtachsen mit ungehindertem Horizontblick für Mensch und Tier verloren gehen würde.

Und dieser freie Blick über weite Distanzen ist unabdingbar für das Überleben der vielen seltenen Vogelarten. Zu den in Europa am stärksten gefährdeten Vogelgattungen, die eben gerade im Nössekoog beheimatet sind, gehören die Wiesenvögel wie Kiebitz, Austernfischer, Rotschenkel, Bekassine und Uferschnepfe. Sie haben in den vergangenen Jahrzehnten auf dem Festland durch Intensivierung der Landwirtschaft, Trockenlegung und Umwandlung von Grünland in Ackerland (zum Beispiel zum Anbau von Mais zur Biogasgewinnung) sehr viele ihrer angestammten Brutgebiete verloren. Die Einbrüche sind verheerend, viele Wiesenvogelarten haben in den letzten dreißig Jahren über 90% ihres Bestandes eingebüßt. Viele Arten sind in Mitteleuropa ausgestorben oder stehen kurz vor dem Aussterben.

Der Nössekoog gilt als eines der zehn wertvollsten Gebiete für die Uferschnepfe Uferschnepfelandesweit. Während auf dem Festland die meisten der für die Wiesenvögel wichtigen Gebiete unter Schutz stehen, gilt für den Nössekoog weder Natur- noch Landschaftsschutz. Das Besondere ist hier, dass Landwirte freiwillig Wiesenvogelschutzprogrammen beitreten, in denen Düngung, Menge des Viehbesatzes und Mähtermine geregelt sind. Jäger verzichten aus freien Stücken auf Aufforstung; Ausgleichsmaßnahmen für Bauprojekte auf der Insel werden hier umgesetzt, der Bauhof reduziert die Gebüsche an den Wegen, um den ursprünglichen Charakter dieser Landschaft zu erhalten.

Es werden sogenannte Tränkekuhlen angelegt – flache Wasserstellen in den Wiesen, um das Nahrungsangebot für Jungvögel zu erhöhen, aber auch den selten gewordenen Amphibien  wie zum Beispiel dem Moorfrosch eine Heimstatt zu geben.

Der Bruterfolg aller Wiesenvögel in den letzten Jahren war sehr gering. Daher ist es so wichtig, die Chancen zur Aufzucht der Jungen zu verbessern. Jäger versuchen die Bestände der Bodenfeinde zu begrenzen und Nistmöglichkeiten für Krähen und Greifvögel sollten gar nicht erst entstehen.

Werden Schutzmaßnahmen konsequent umgesetzt, zeigen sich zum Beispiel am nahen Festland schon wieder erste Erfolge. Vielleicht können wir demnächst auch wieder unseren Kindern zurufen: „Lasst uns zu den Kampfläufern fahren!“

 

Zwischen Dieselporsche-Trecker und Wasserstoffboot klafft eine erschreckende Lücke

Radspuren auf Verkehrsstrassen könnten helfen, Autos zurückzudrängen und Radler zu fördern.

Sylt kommt nicht auf Spur bei E-Mobilität und umweltverträglichem Tourismus

Während die Republik noch hitzig darüber diskutiert, wie mit dem Urteil des BVerG zum Dieselverbot umzugehen sei, reagiert Sylt sofort: Die Rundschau berichtet im locker-flockigen Unterhaltungsstil, (völlig unkritisch, wie über eine Theateraufführung), dass für den Mai erstmal ein Innenstadt-Corso von alten Diesel-Porsche-Treckern geplan seit, die ihre Abgase bis auf die Strandpromenade ausfahren dürften.

Ähnliches sind wir ja schon vom jährlichen Harley-Treffen gewöhnt. Gehört das zur “zielgruppenorientierte Markenpflege” des Sylter Strategiekreises für den Tourismus?
Gleich in der folgenden Ausgabe von heute gibt es dann in der SR das denkwürdige Statement: “Sylt wird zum Vorreiter in der Elektromobilität”-es folgt ein Artikel über verschiedene Firmen, die zu den Klimatagen ihre neuen “Spielzeuge” aus der Wasserstofffahrzeug-Technik vorstellen wollen. Allesamt Prototypen, die noch jahrelang entfernt von einer Serienproduktion sind. Dazwischen klafft ein verkehrspolitischer Abgrung in der Realität, was die Infrastruktur für Elektromobilität auf der Insel angeht.
Eine beschämend kleine Anzahl von E-Mobilien ist hier gemeldet und das Netz von Lademöglichkeiten lückenhaft und teuer. In Sachen Umsetzung lang geplanter Verkehrs-und Radwegekonzepte schleicht Sylt jedoch wie eine Schnecke im Rückwärtsgang.
Zum Thema “Diesel-Urteil” gab es von den Insel-Grünen deshalb kürzlich folgendes Statement:
“Wir begrüßen das höchstrichterliche BVG-Urteil, Fahrverbote zu ermöglichen und damit als Gemeinden notfalls handlungsfähig zu werden.
Das hohe Gerichte bezeugt, dass Gesundheitsgefährdung durch Autoverkehr entsteht. Grenzwerte sind jedoch meist politische Kompromisse und werden nicht unbedingt an der best-möglichen Gesundheitsqualität festgelegt.
Genau damit der macht Sylt aber Werbung: „Die Sylter Luft ist wie Champagner“ heisst es da. Zahlreiche gesundheitsfördernde Angebote für die Atemwege, sind in den Sylt-Prospekten zu finden. Alle Insel-Gemeinden in Strandnähe sind offizielle Nordseeheilbäder und Luftkurorte.
Gleichzeitig rollen pro Jahr über eine Million PKW und eine unbekannte Menge LKW über den Hindenburgdamm, zusätzlich 70 000 Autos über die Römö Fähre und 15000 insulare Fahrzeuge.
Die Züge selbst sind unglaubliche Diesel-Dreckschleudern, die Millionen von Litern allein auf der Autozugstrecke pro Jahr verbrauchen und einen Teil zwischen Morsum und Westerland abgasen. Wir Grünen fordern  vor dem Hintergrund der aktuellen Rechtslage möglichst bis Pfingsten :
Die Einrichtung von Luft-Messstellen an den Verkehrsbrennpunkten der Insel und eine transparente Auswertung und Veröffentlichung der Daten.
Dabei geht es gar nicht um die Frage, ob die  gerichtlich vorgegebenen Grenzwerte eingehalten werden, sondern darum, ob die Sylter Luft dem Anspruch der gesundheitsfördernden insularen Angebote des Tourismus über das Jahr entspricht.
 Wie gut jetzt ein Instrument zu haben, den überbordenden Autoverkehr notfalls in seine Schranken weisen zu können.
Die gemeinsame Aufgabe von Politik und Verwaltung bleibt nun, das längst verabschiedete Verkehrskonzept umzusetzen.
Weiterhin ist alles dran zu setzen, dem Busfahren Vorrang zu gewähren, die Elektrifizierung der Busflotte zu unterstützen,sowie die Subventionierung des kerosinlastigen Flugverkehrs zu überdenken.”
Lothar Koch

Naturschutz auf Sylt, Folge 4: Die Geestheide auf Sylt – eine alte Kulturlandschaft



In einer Serie stellt die Naturschutzgemeinschaft Sylt und die Söl’ring Foriining das Thema „Natur auf Sylt“ in seiner ganzen Bandbreite in der Sylter Rundschau dar. Erschienene Artikel werden auf natuerlichsylt.net veröffentlicht und archiviert. Es werden Institutionen und Vereine vorgestellt und auch  Menschen, die sich für die Sylter Natur einsetzen.

In der vierten Folge gibt Margit Ludwig, Geschäftsführerin der Naturschutzgemeinschaft Sylt e.V. einen Überblick über die Geestheiden der Insel Sylt.

 

Weg durch die Braderuper Heide

Weg zwischen Braderuper Heide und Wattenmeer

Heiden gehören zu den am stärksten bedrohten Lebensräumen in Schleswig-Holstein. Waren um 1850 noch ca. 17 % der Landesfläche von Heiden bedeckt, liegt ihr Anteil heute landesweit unter 0,5 %, davon fast 50 % allein auf der Insel Sylt. Aber auch hier sind die Geestheideflächen in den letzten Jahrzehnten deutlich geschrumpft.
Von der ehemals großflächig zusammenhängenden Heidelandschaft zwischen Kampen und Keitum ist neben kleineren Beständen in Morsum und am Flugplatz Westerland die Braderuper Heide als größter Komplex erhalten geblieben. Alle Flächen unterliegen dem Naturschutzrecht und sind darüber hinaus als Naturschutz- bzw. FFH – Gebiet besonders geschützt. Auf diese halbnatürlich vom Menschen geprägten Flächen, eine Heide-Pflanzengesellschaft mit der starken Präsenz der lila blühenden Besenheide (Caluna vulgaris), soll im Bericht eingegangen werden.

Nach der letzten Eiszeit (Weichsel), die vor ca. 10.000 Jahren endete, hatten sich auf den Altmoränen (Geest) weiträumige, nährstoffarme Sandböden gebildet, auf der sich Wälder entwickeln konnten. Um fruchtbaren Ackerboden und Platz für Felder zu schaffen, begannen die Menschen der Jungsteinzeit (ab 2.5000 v. Chr.) mit der Brandrodung des Urwaldes und mit Wanderfeldbau. Auf den aufgegebenen Brandflächen breiteten sich als Primärstadium der Sukzession Heidekrautgewächse aus, welche viel Licht benötigen, aber mit nährstoffarmen, sauren Böden zurechtkommen. Erstmals tauchten in Schleswig- Holstein größere Heideflächen ab dem frühen Mittelalter auf.

Geestheiden sind somit Teil der historischen Kulturlandschaft, die in der Regel durch vermehrten Holzeinschlag und Übernutzung entstanden sind. Im Rahmen der traditionellen „Heidewirtschaft“ wurden die Heiden früher durch Plaggenhauen, Beweidung oder Mahd regelmäßig genutzt, auf Sylt bis in die Nachkriegszeit. Das vom Lebenszyklus der Besenheide abhängige „heidetypische Aussehen“ ist so erhalten geblieben. Im Rahmen der Plaggenwirtschaft wurde die nährstoffreiche Humusschicht der oberen Bodenhorizonte (Plaggen) abgetragen und mit Mist vermengt auf die Felder und Wiesen zur Düngung gegeben. Dieser Vorgang wurde im Abstand mehrerer Jahre immer wieder auf denselben Flächen wiederholt, wobei es nach und nach zu einer Übernutzung kam, die die Regenerationszeit der Heideflächen verlängerte. In der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts erreichten die Heideflächen Schleswig Holsteins ihre größte Ausdehnung, danach gingen sie durch das Aufkommen von Dampfflug und Dünger im Rahmen der Intensivierung der Landwirtschaft kontinuierlich zurück.

Viele oft auch kleine Heideflächen befinden sich auf Sylt größtenteils noch in Privatbesitz. Heideflächen auf dem Flugplatzgelände sind im öffentlichen Besitz der Gemeinde Sylt, die übrigen gehören häufig Privateigentümern. Als Überbleibsel der Allmende gibt es in den Norddörfern die Losinteressentschaften. Früher befanden sich Teile der Geestheideflächen im Gemeinschaftsbesitz („Allmende“) wobei jeder Dorfbewohner über unterschiedlich viele Anteile am Heideland verfügte. Die Anzahl an „Losen“ bestimmte, wie viele Tiere ein „Interessent“ auf der Allmende weiden lassen durfte. Ursprünglich hing die Zahl der „Lose“ vom Besitz an Pferden ab, die für das Pflügen der Äcker bereitstanden.
Auf Dauer sind Geestheiden heutzutage nur durch gezielte Pflege in ihrer typischen Ausprägung zu erhalten. Dafür besteht daher eine besondere Verantwortung.

Aufgrund seiner hohen landschaftlichen Vielfalt und Naturnähe sind die Geestheiden

Raupe der Grasglucke

Raupe der Grasglucke

Lebensgrundlage einer charakteristischen Tier- und Pflanzenwelt von landesweit herausragender Bedeutung.
Fast die Hälfte der 95 im Gebiet nachgewiesenen höheren Pflanzenarten wird auf der Roten Liste für seltene Arten geführt. Besonders hervorzuheben sind dabei die Vorkommen von Arnika, Geflecktem Knabenkraut, Lungenenzian und der Niedrigen Schwarzwurzel.

Orchidee: Knabenkraut

Orchidee: Knabenkraut

Heilpflanze Arnika

Heilpflanze Arnika

Zu den charakteristischen Tierarten der Heideflächen gehören neben Hasen, Kaninchen und Fuchs die mehr im Verborgenen lebenden Zwerg-, Erd- und Feldmäuse, sowie Waldeidechsen und Kreuzkröten. Darüber hinaus findet man unter den weit über 1000 verschiedenen Insektenarten 219 Käfer-, 84 Spinnen- sowie 5 Heuschreckenarten.
Des weiteren bieten die Heiden einer vielfältigen Vogelwelt das ganze Jahr über geeignete Lebensräume. Sie sind Brutplatz für Feldlerchen und Wiesenpieper. Daneben nutzen viele gefiederte Gäste und Durchzügler die Heiden und Trockenrasenflächen zur Rast und Nahrungssuche. Die Bestandsrückgänge der letzten Jahre sind auch auf die Gefährdung der Brutplätze durch Überflutung, vor allem aber auf Störungen durch Spaziergänger und freilaufende Hunde zurückzuführen. Der allgemeine Rückgang bereitet Sorgen.

Steinschmätzer

Steinschmätzer

Ein besonderer Schwerpunkt der Arbeit der Naturschutzgemeinschaft Sylt e.V. ist der Erhalt der Geestheideflächen. Sie betreut die Naturschutzgebiete Morsum Kliff mit 43 ha seit 1977 und die 137 Hektar große Braderuper Heide seit der Unterschutzstellung 1979 im Auftrag des Landes Schleswig-Holstein. Dank ihres Einsatzes haben der Verein und dessen Mitglieder bereits umfangreiche Pflegemaßnahmen auf den Weg gebracht. Ziel ist es, die Heideflächen vor Überalterung zu bewahren und Verbuschung zu verhindern. Damit werden die Artenvielfalt und der besondere Charme dieser Landschaft erhalten. Ohne regelmäßig wiederkehrende Eingriffe verbreiten sich nach einiger Zeit Gehölze, die sich langsam zum Wald entwickeln. Dieser Vorgang ist ein natürlicher Prozess, der durch die heutzutage erhöhte Stickstofffracht über den Regen noch gefördert wird.

Die Pflegemaßnahmen umfassen die extensive Schafbeweidung, das Mähen, Brennen und

Heidschnucken als Pflegemassnahme

Heidschnucken als Pflegemassnahme

Plaggen von Heideflächen. Der Fraß der Schafe regt bei der Besenheide das Wachstum neuer Triebe an. Bei der derzeit über 500 Tiere umfassenden Schafherde, die von April bis Oktober auf den Sylter Geestheideflächen ihrer Arbeit nachgeht, handelt es sich um eine norwegische Rasse, der Norsk Spaelsau. Es sind robuste, genügsame Tiere, die es auch schon in dieser Region gab, lange bevor Sylt zur Insel wurde. Sie werden nun als Wanderschafherde eingesetzt, halten sich tagsüber in zwei Schichten in den Heideflächen zum Grasen auf und verbringen den Rest der Zeit in ihrem „Nachtpferch“, wo sie ihr Futter wiederkäuen, es sich quasi ein zweites Mal durch den Kopf gehen lassen. Die Schafherde wird von den Sylter Gemeinden und vom Land finanziert.

Das Plaggen von Heide- und Grassoden beseitigt die Vegetationsdecke mit der Rohhumusschicht und lässt den Lebenszyklus neu beginnen. Maschinelles Abtragen oder Schälen der oberen Vegetationsschicht ahmt das frühere Plaggen von Hand erfolgreich nach. Dies ist die effektivste Maßnahme, die Verjüngung von Heideflächen zu fördern. Das Heidekraut entwickelt sich dabei aus der Saat, die viele Jahrzehnte im Boden überdauerte und auf ideale Bedingungen „gewartet“ hat. Bearbeitete Flächen sind derzeit in Kampen südlich der Kupferkanne, beim Parkplatz zwischen Kampen und Braderup und in Braderup bei Up die Hiir zu sehen. Es braucht einige Jahre Geduld, bis auf der Fläche im Spätsommer wieder eine lila Blütenpracht gedeiht.
Soll eine Heidefläche abgebrannt werden, geschieht dies in enger Zusammenarbeit mit

Pflegemassnahme: kontrolliertes Abbrennen alter Heide

Pflegemassnahme: kontrolliertes Abbrennen alter Heide

den Gemeinden, den freiwilligen Feuerwehren und unter Mitwirken eines Spezialisten, der im Legen kontrollierter Feuer geübt ist. Das Abbrennen von Heideflächen erfolgt, ebenso wie das Plaggen, auf Flächen, die in der Regel nicht grösser als ein Hektar sind. Für das Brennen von Flächen muss der Boden gut abgetrocknet sein. Windstärke, Windrichtung und Jahreszeit bestimmen den Tag des Brennens außerhalb der Brut- und Setzzeit. Schneller, aber nicht so effektiv sind die Mahd von Heideflächen und das Entnehmen von Bäumen und Büschen mit der Wurzel, das sogenannte Entkusseln. Dies bewahrt die Heide nicht vor Überalterung. Durch die beschriebenen Pflegemaßnahmen werden den Heideflächen also Nährstoffe entzogen und ein Chaos simuliert, wie es in früheren Jahrhunderten praktiziert wurde. Die Arbeiten erfolgen in der Regel im Winter zwischen Oktober und Anfang bis Mitte März.

 

Margit Ludwig, Geschäftsführerin der Naturschutzgemeinschaft Sylt e.V.

Grüner Dampf über Sylt!

die Tinnumer Biike im Schnee Foto: L.Koch

die Tinnumer Biike im Schnee
Foto: L.Koch

In zwei Tagen ist BIIKE! Das traditionelle Fest der Sylter, Amrumer und Föhrer.

Das bedeutet für ganz viele Haushalte und Restaurants, noch heute den schweren Grünkohlkopf auf den Herd zu ziehen, und mit dem Köcheln zu beginnen. Grünkohl muss lange kochen- sehr lange! Zehn Stunden empfiehlt Spitzenköchin Anja Becker. Deswegen erheben sich ab heute Grünkohlschwaden über der Insel, um für den Abend nach dem Biike-Feuer gerüstet zu sein. Doch halt-nicht nur auf Sylt, sondern überall wo Sylter gerade auftauchen-viele sind im Urlaub in Marokko, auf Fuerte und Bali. Mancher von jenen zückt verstohlen am 21.2. eine Büchse Grünkohl aus dem Koffer, um in der Fremde dem Brauch zu frönen.

Die gebürtige Westerländerin Anja verrät uns heute ihr veganes sylter Grünkohlrezept:

Sylts heiliger Gral: der Grünkohltopf

Sylts heiliger Gral: der Grünkohltopf

500 g gewürfelte Zwiebeln mit 400 g gewürfeltem Räuchertofu in Pflanzenfett anbraten.1500 g kleingehäckselten Grünkohl dazu geben und mit einem halben Liter Gemüsebrühe köcheln lassen. Wer heute beginnt, schafft es durch immer wieder ausstellen und anstellen des Herdes bis zum 21.2. auf zehn Stunden Aufwärmzeit.1500 g kleingehäckselten Grünkohl dazu geben und mit einem halben Liter Gemüsebrühe köcheln lassen. Wer heute beginnt, schafft es durch immer wieder ausstellen und anstellen des Herdes bis zum 21.2. auf zehn Stunden Aufwärmzeit. Dazwischen immer wieder Gemüsebrühe nachgiessen.

Zum Schluss Salz, Pfeffer und Senf unterheben. Heiss mit Bratkartoffeln servieren. Köstlich besonders, wenn es draussen bei der Biike eisig kalt war.

Dazu die Geschichte der Biike. Biike leitet sich von Leuchtfeuer ab (wie engl: Beacon).

Ursprünglich um die Wintergeister zu vertreiben und Wotan zu huldigen. Dann am Vorabend des Petritages zur Dorf-Versammlung, wo Recht gesprochen wurde. Im 17. Jahrhundert tauchten um die Zeit auch die Hamburger und Holländer auf, um starke Burschen für den Walfang im Nordmeer zu rekrutieren. Es war also nicht, wie so oft erzählt,  das Abschiedsfeuer für die Walfänger. (Die waren ja nicht so blöd, mitten im Winter nach Spitzbergen zu segeln).

 

Die BIIKE ist heute UNESCO-Kulturerbe

 

Lothar Koch

 

 

Nationalparkthemenjahr 2018: „Muscheln und Schnecken“ , Folge 2

100.000 Muschelarten gibt es auf der ganzen Welt, nur 15 davon im Nationalpark Wattenmeer. Trotzdem spielen die Weichtiere mit der harten Schale eine zentrale Rolle in diesem Ökosystem. Ihre wöchentliche Filterleistung entspricht dem gesamten Wasservolumen des Wattenmeeres, sie sind also eine große biologische Kläranlage. Anlässlich des Themenjahres „Muscheln und Schnecken“ wird Biologe Rainer Borcherding monatlich über die Welt der Weichtiere im Nationalpark Wattenmeer berichten.

Zwiebelmuscheln

Zwiebelmuscheln

Tier des Monats Februar: Der Geruch der Zwiebelmuschel

Winterstürme spülen immer wieder große Müllteile an die Nordseeküste, die Monate oder Jahre auf dem Meer unterwegs gewesen sind. Es lohnt sich, einen genaueren Blick auf diese Objekte, wie z.B. eine große Plastikfischkiste zu werfen, die mit einer Vielzahl von Meerestieren bewachsen sein können. Neben Seepocken, Kalkröhrenwürmern und moosartigen Polypenstöcken kleben darauf mitunter flache weiße Kalkdeckelchen von einem bis zwei Zentimetern Durchmesser. Einige Tage nach der Strandung der Fischkiste heben sich die Deckelchen und riechen nach toter Muschel. Die Strandungsopfer sind Zwiebelmuscheln, eine Muschelart mit ungewöhnlicher Körperform. Ihre rechte Schale ist flach und schmiegt sich dem Untergrund an – einem Felsen, einem Krebspanzer oder eben einer Fischkiste. Falls sie in einer Herzmuschel sitzt, übernimmt die Zwiebelmuschel das Strahlenmuster des Untergrundes und wird selbst strahlenförmig gestreift. Die linke Schale ist leicht gewölbt und sitzt als schützender Deckel über dem Weichkörper. Als Befestigung dient der Muschel ein Kalkstab, der durch ein Loch in der unteren Schalenklappe am Untergrund festgeklebt ist. Keine andere Muschelfamilie auf der Welt hat ein Loch in der Schale, durch das sie sich am Wohnort festklebt. Der Name „Zwiebelmuschel“ kommt daher, dass die Muschel oft silbrig weiß ist und Ringe zeigt wie eine halbierte Zwiebel.

 

Da Zwiebelmuscheln nur auf Hartgrund leben, sind sie im Wattenmeer nicht heimisch. Die auf Treibgut angespülten Exemplare kommen aus Westeuropa, wo sie sich als Larven auf dem Meeresmüll angesiedelt haben, als dieser an Felsküsten vorbeidriftete. Es gibt drei verschiedene Arten von Zwiebelmuscheln in der Nordsee, von denen die Zierliche Zwiebelmuschel am häufigsten auf Fischkisten und Plastikmüll anzutreffen ist.

 

Rainer Borcherding, Schutzstation Wattenmeer

Naturschutz auf Sylt, Folge 3: Kliffe auf Sylt : die Grenzen zum Meer

Das Rote Kliff, Foto: L.Koch

Das Rote Kliff, Foto: L.Koch

In einer Serie stellt die Naturschutzgemeinschaft Sylt und die Söl’ring Foriining das Thema „Natur auf Sylt“ in seiner ganzen Bandbreite in der Sylter Rundschau dar. Erschienene Artikel werden auf natuerlichsylt.net veröffentlicht und archiviert. Es werden Institutionen und Vereine vorgestellt und auch  Menschen, die sich für die Sylter Natur einsetzen.

In der dritten Folge gibt Dr. Ekkehart Klatt von der Sölring Foriining einen Überblick über die Insel-Kliffs.

Die unendliche Natur auf der Insel Sylt wartet mit vielen Schönheiten auf. Immer, wenn man sich einen Überblick verschaffen möchte, lohnt es sich, höher gelegene Orte aufzusuchen. Neben der 52 Meter hohen Uwe Düne in Kampen, oder der ebenfalls per Treppe zu besteigenden 34 Meter hohen Aussichtsdüne nördlich der Ortschaft List sind es die Kliffe an der West- und Ostküste, von denen der Ausblick bis weit in die Nordsee bzw. bis zu den Deichen auf dem dänischen und deutschen Festland reicht.

Das mit Abstand markanteste Kliff ist das vier Kilometer lange Rote Kliff. Da es fast 30 Meter hoch ist und sich vom Norden der Gemeinde Kampen bis nach Westerland erstreckt, war es für die Seefahrer über Jahrhunderte hinweg der wichtigste Orientierungspunkt, wenn sich ein Schiff der Insel vom offenen Meer her näherte. Außer den Nehrungshaken im Norden und Süden von Sylt ist es die einzige Steilküste, die durch das Anbranden von Meer und Wellen entstanden ist und im Gegensatz zu den Dünen auch noch lange nach den Sturmfluten allein durch ihre Höhe eine weithin sichtbare Orientierung bot. Genau wie wir es von der rein willkürlichen Farbgebung rot und grün bei den Positionslampen von Schiffen und Flugzeugen kennen, hat auch bei dem Namen „Rotes Kliff“ das Wort „rot“ nichts mit der wirklichen Farbe dieser Steilkante zu tun, sondern beschreibt bereits seit dem 16. Jahrhundert jedes markante Kliff, das von See aus optisch in Erscheinung tritt. Das Gegenteil wäre außerdem ein „Weißes Kliff“, wie wir es auf Sylt nördlich von Munkmarsch und unterhalb von Braderup auf der Wattseite vorfinden.

Den schönsten Ausblick vom Roten Kliff genießt der Naturfreund auf einem Spaziergang von Wenningstedt nach Kampen –oder natürlich auch umgekehrt- wenn man vom Strand kommend einen der Aufgänge benutzt und sogleich in nördlicher oder südlicher Richtung nur wenige Meter von der Kliffkante entfernt losläuft und den wunderschönen Fernblick über die sich immer unterschiedlich darstellende Nordsee genießt.

Ein dreifarbiges, aus Lehm und Sand bestehendes Kliff, das bereits bei der Anfahrt über den Hindenburgdamm kurz zu sehen ist, gehört möglicherweise zu den weniger bekannten Kliffen der Insel. Die Erd- und Frühgeschichtler haben es zu dem mit Abstand berühmtesten Kliff erklärt. Schmuckfunde aus der Wikingerzeit, gleich daneben das größte Gräberfeld aus dieser Epoche, äußerst seltene Fossilien von Muscheln und Schnecken sowie die offen ausgebreitete Erdgeschichte der vergangenen 10 Millionen Jahre sind nur einige der Highlights, die mit der Morsumer Heide und dem Kliff in Zusammenhang stehen.

Wer am Parkplatz Nösse in Morsum loswandert, erreicht kurz hinter dem Hotel „Landhaus Severin´s“ das fast 23 Meter hohe Morsum Kliff. Nach ausgiebigem Rundblick über die wasserbedeckten, jedoch bei Ebbe blauschwarzen und trocken gefallenen Watten, lohnt ein Spaziergang auf dem Kliff Richtung Osten, also Richtung Festland. Nach kurzem Weg steht der Betrachter im Zentrum des Bunten Kliffs: dunkle Tone sowie durch Eisenoxide braun gefärbte Sande sind Zeugen der Erdgeschichte, als der Raum „Sylt“ noch Teil einer frühen Ur-Nordsee war. Der helle Quarzsand, der auf Sylt auch als Kaolinsand bezeichnet wird, stammt im Gegensatz zu den marinen Sedimenten nicht von hier, sondern ist vor vier bis drei Millionen Jahren per Flussfracht aus Südfinnland und dem Baltikum hierhergekommen. Alle drei Formationen sind erst während der letzten Eiszeiten durch den enormen Druck der Gletscher zerbrochen, verfaltet und schräg geschichtet worden, so wie sie heute noch zu sehen sind.

Dass der tiefere Untergrund so spannend aussehen könnte, erahnte vor 10.000 Jahren bestimmt noch niemand. Der Meeresspiegel lag über 100 Meter niedriger als heute und somit war die Nordsee hunderte Kilometer von Sylt entfernt. Erst als am Ende der letzten Eiszeit die Temperatur urplötzlichstark anstieg, setzten ausgiebige Abschmelzprozesse der Gletscher ein und die ansteigende Nordsee näherte  sich Sylt. Dadurch konnte sich auch in Morsum durch das Anbranden des Wassers ein Kliff bilden. Am Morsum Kliff, einem der wenigen noch aktiven Kliffe der Insel, sieht man augenblicklich nur vor dem rotbraunen Sand eine steile Abbruchkante. Damit in Zukunft mal wieder eine durchgehende Kliffkante entstehen kann, bedarf es eines neuerlichen Orkans: entweder wie bei „Xaver“ (Dez. 2013) oder noch besser wie bei „Anatol“ (Dez. 1999), als sich nach 10 Meter Abbrüchen eine bis fünf Meter hohe und gänzlich neue Steilküste ausgebildet hatte.

Einen zusätzlichen Schutz für das Morsum Kliff, so wie es die Sandaufspülungen mit ihrem künstlichen Sand vor dem Roten Kliff in Kampen darstellen, wird von den Gremien der Insel nicht angestrebt. Da in der Nähe des Kliffs Menschen nicht direkt zu Schaden kommen können und zumindest momentan auch keine Sachwerte zu verteidigen sind, soll beim Morsum Kliff die Schönheit dieses von der Akademie der Geowissenschaften zum „Nationalen Geotop“ erklärten Steilufers ganz eindeutig im Vordergrund stehen.

Das Kapitänsdorf Keitum besitzt ebenfalls ein Kliff. An der Grenze zwischen der mit Steinen und Findlingen übersäten alteiszeitlichen Geest und dem Wattenmeer verläuft ein altes, vermutlich seit Jahrhunderten nicht mehr aktives Kliff, das zum Teil von Gras bewachsen ist und deshalb liebevoll das Grüne Kliff genannt wird. An seinem Fuß lag bis 1859 der bedeutendste Hafen von Sylt. Durch seine fortschreitende Verschlickung musste dieser Hafen schließlich aufgegeben werden. Nur das auf dem Kliff thronende weiße Packhaus des Hafenmeisters erinnert heute noch an die Bedeutung dieses Liegeortes für Frachtkähne und Segelboote.

Wenn wir heute feststellen, dass ja auch dies Kliff in längst vergangener Zeit einmal durch das Anbranden des Meeres entstanden sein muss, so kann das nur bedeuten, dass „damals“ entweder das Meer höher auflief, oder das niedriger gelegene Land sich gehoben haben müsste. Von einer rezenten Landhebung weiß man in Fachkreisen nichts. Damit steht fest, dass zu Zeiten der Kliffbildung in Keitum, genau wie bei der Kliffbildung nördlich von Kampen – jeweils auf der Wattseite-  deutlich höhere Wasserstände geherrscht haben müssen, als es heute der Fall ist.

Schnell wächst die Erkenntnis, dass Kliffe nur entstehen können, wenn gleichzeitig das feste Land angeknabbert wird und an Substanz verliert. Andererseits sind Kliffe herrliche Aussichtspunkte auf das neu entstehende Meer, bzw. das Watt. So liegt die Faszination natürlich auch sehr stark in dem Bewusstsein, dass jeder Punkt auf der Kliffkante nur eine Momentaufnahme darstellt, die über kurz oder lang ihren Weg in die Weiten der rauen Nordsee finden wird.

Dr. Ekkehard Klatt;    www.geotourssylt.de

 

Gemeinde Sylt verzockt sich bei Insel-Poker um Schrotthalle

Kommentar zur Berichterstattung der Sylter Rundschau von heute über die Halle 28 auf dem Fliegerhorst. (Vorige Naturreporter-Berichte unter den Schlagworten: Halle, Hallen, Lokalpolitik).

Wenn ein Unternehmer in Wenningstedt “meiert” und dabei seine wirtschaftliche Grundlage verzockt, ist das sein persönliches Risiko. Wenn aber gewählte Volksvertreter mit dem Augenzwinkern der hauptamtlichen Gemeindeverwaltung Sylt bei

 

Warn-Anzeige aus dem Jahre 2016

Warn-Anzeige aus dem Jahre 2016. Die 400 000 Euro beziehen sich auf die BIMA Forderungen von 200 000 Euro pro Halle.”

Rechtsverträgen mit dem Bund “pokern”, also darauf spekulieren, dass sie mit ihrer Abstimmung “Wir zahlen einfach nicht” durchkommen, ist das  unverantwortlich und ein Armutszeugnis der sylter Politik, das an das “Thermendesaster” in Keitum erinnert.
Grüne, SPD , SSW und SWG hatten vor dem Bürgerentscheid klipp und klar auf die Kostenspirale hingewiesen, die bei einem Fortbestand der Hallen auf die Gemeinde zukäme. Auch auf die Forderungen der BIMA, die von vornherein glasklar im Raum standen. Nun verklagt der Bund die Gemeinde auf 200 000 Euro unbezahlte Vertragsleistungen für die Halle 28. Die addieren sich wohlmöglich zu den bereits gezahlten 500 000 Euro, die dringend für die Umsetzung des Verkehrsgutachtens oder soziale Töpfe gebraucht würden. Von weiteren Forderungen für die Hallen wird gemunkelt,  eine funktionsfähige Katastrophenschutzhalle ist jedoch auch zwei Jahre nach den Diskussionen nicht zu sehen. Und der Bürger soll jetzt “Mensch ärgere dich nicht spielen?” 
 

Lothar Koch

Naturschutz auf Sylt, Folge 2: Klara Enss- Kritisch denken, 
politisch handeln

In einer Serie stellt die Naturschutzgemeinschaft Sylt und die Söl’ring Foriining das Thema „Natur auf Sylt“ in seiner ganzen Bandbreite in der Sylter Rundschau dar. Erschienene Artikel werden auf natuerlichsylt.net veröffentlicht und archiviert. Es werden Institutionen und Vereine vorgestellt und auch  Menschen, die sich für die Sylter Natur einsetzen.

In der zweiten Folge geht es um Klara Enss – eine streitbare Sylter Naturschützerin, deren engagiertes Einstehen für den Sylter Naturschutz Spuren hinterlassen hat. Sie starb 2001 und liegt auf dem Wenningstedter Friedhof begraben. Das Naturschutzzentrum Braderup trägt heute ihren Namen. Die Autorin Anna-Katharina Wöbse hat neben diesem Artikel, gerade ihr Buch über Klara Enss veröffentlicht (zu Bestellen in der Naturschutzgemeinschaft Sylt, oder über jede Buchhandlung.

 

Am Abend des 26. Novembers 1971 steht eine schöne Dame mit Pelzkappe auf den

Das aktuelle Buch zum Leben von Clara Enss

Das aktuelle Buch zum Leben von Klara Enss

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Klara Enss am Megaphon auf der legendären Atlantis-Demo

Stufen des Westerländer Wellenbads, hebt den Kopf und spricht zum ersten Mal in ihrem Leben in ein Megaphon. Es ist zugig, kalt und dunkel. Über 1000 Menschen haben sich zu einer Demonstration versammelt – so etwas hat es auf Sylt noch nicht gegeben. Die Dame heißt Klara Enss. Sie hat ein Manuskript vorbereitet, aber das kann sie in der Dunkelheit nun nicht ablesen. Also spricht sie frei. Und was sie zu sagen hat, zielt geradewegs gegen das politische Establishment der Insel. Klara Enss protestiert. Gegen den entgrenzten Sylter Bauwahn, der sich in einem megalomanischen Hochhausprojekt unter dem vielsagenden Namen Atlantis gerade Bahn brechen soll. Gegen Investoren, die alte Häuser verschwinden lassen wollen, um an die Stelle klotzige Appartementblocks zu stellen. Gegen Insulaner, die ihre alten Häuser verkaufen. Gegen Politiker, die gemeinsame Sache machen mit Geldgebern und Planern und den „Ausverkauf der Insel“ vorantreiben. Gegen diejenigen also, die verantwortlich sind für Flächenfraß, Verkehrslawinen und Naturverbrauch. Die der Insel nehmen, was sie so besonders macht.

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jung und engagiert für Natur und Umweltschutz: Klara Enss

Der kalte Novemberabend ist der Beginn des öffentlichen politischen Lebens von Klara Enss. Eingebettet in ein dichtes Netz aus Mitstreiterinnen und Mistreitern wird sie in den nächsten Jahren zum Gesicht einer agilen Zivilgesellschaft und zur Stimme alternativer Inselvisionen. Ihr Aktionsradius weitet sich rasch. Sie gründet den BUND Schleswig-Holstein mit, sie steigt auf ungewöhnliche Art und Weise in die Anti-Atom-Bewegung ein, reist aufgrund ihrer Expertise als Beraterin zu Bundesministerien und arbeitet sich in den klassischen Arten- und Naturschutz ein. Sie engagiert sich in der Kommunalpolitik: Die Wenningstedter und Braderuper wählen sie zur stellvertretenden Bürgermeisterin. Mit der Sylter Naturschutzgemeinschaft baut sie ein lebendiges Naturzentrum auf, das heute ihren Namen trägt. Dann kämpft sie mit eindrucksvollen Kampagnen für den Schutz der Nordsee und zettelt bis ins hohe Alter als „Grande Dame des Naturschutzes“ immer wieder zivilgesellschaftlichen Widerstand an. Für ihr umweltpolitisches Handeln erhält sie diverse Auszeichnung, darunter 1984 das Bundesverdienstkreuz. Diese Klara Enss scheint auf den ersten Blick der Prototyp einer grünen Aktivistin. Sie ist eine der vielen Akteurinnen und Akteuren der jungen Öko-Bewegung, die die Bundesrepublik in den letzten drei Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts nachhaltig prägte und gestaltete.

Gleichzeitig ist Klara Enss ein eigener Planet. Ein Freund von ihr drückt das so aus: „Es gab verschiedene Klaras!“ Sie sagt einmal von sich: „Und ich selbst: ein Chamäleon…“ Mit Perlenkette und Seidentuch wirkt sie auf den ersten Blick sehr konventionell. Aber da ist Gartenerde unter ihren Nägeln. Die Gummistiefel sind nicht weit. Sie tippt konzentriert ein Gutachten, um danach in einer sonnigen Ecke hinter ihrem Haus eine Zigarette zu rauchen. Ihr Garten ist für sie sowohl kontemplativer Kosmos als auch Gemüseacker für die Selbstversorgung. Sie liebt alles Lebendige. Abends schaut sie einen Boxkampf, vielleicht ein Tennismatch im Fernsehen an. Oder hört ein Violinkonzert von Schubert. Unablässig beschäftigt sie sich mit Literatur, liest und zitiert Erich Kästner, Albert Schweitzer, Elisabeth Borchers, Amon Oz, Michel Foucault. Sie entschwindet nach Hamburg, um im Kino Western zu sehen. Sie liebt Kartoffeln mit Quark. Ab und zu können es auch Austern und Champagner sein. Sie lebt allein und ist ganz autonom, verankert in einem großen Freundeskreis. In ihren Tagebüchern tritt uns also eine vielgestaltige Persönlichkeit entgegen: eigensinnig, kultiviert, zornig und pragmatisch, wissensgierig, leidenschaftlich und selbstdiszipliniert. Sie ist eine in höchstem Maße selbstreflektierte Frau, die um ihre eigenen Widersprüchlichkeiten weiß. Klara Enss verschafft sich Gehör. Sie entpuppt sich als charismatische Führungsfigur und clevere politische Strategin: Wer Veränderung will, braucht Ausstrahlung, starke Gefühle und einen klaren Verstand. Menschen, die mit ihr zu tun hatten, berichten eindrücklich von ihrer Eleganz, Klarheit, Klugheit und Hartnäckigkeit. In einem Nachruf auf sie heißt es: „Es ging von ihr eine Faszination aus, die fast alle gefangen nahm.“ Eine Freundin beschreibt sie lächelnd als „gerissen und charmant“. Ihre Kontrahenten erinnern sich auch an die „Nervensäge“, an die notorische Besserwisserin und das personifizierte schlechte Gewissen.

Klara Enss war eine außergewöhnliche Sylter Persönlichkeit. Ihre Lebensgeschichte ist eng mit der Geschichte Sylts verwoben. Alles, was sie auf politischer Ebene tat, stand im Kontext der Insel, deren Entwicklung und Veränderung sie mitgestalten wollte. Und obwohl Klara Enss für Sylt so wichtig gewesen ist, scheint sie nun in Vergessenheit zu geraten. Das wäre ein Verlust. Denn zum einen war sie eine feinsinnige Beobachterin und Chronistin der Veränderungen, die die Insel in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts erfuhr. Zum anderen ermöglicht ihre Biografie, ein entscheidendes Kapitel jüngerer Umweltgeschichte aus einer ungewöhnlichen Innenansicht nachzuvollziehen. In ihrer umweltpolitischen Biografie sehen wir wie durch ein Brennglas die Ökologisierung der bundesdeutschen Gesellschaft. Und schließlich gibt uns die Zusammenschau ihres Lebens Aufschluss darüber, woher sie die Kraft nahm, sich über Jahrzehnte für die Natur, das Gemeinwohl und die res publica einzusetzen, ohne zu verbittern oder zu erstarren.

Als sie in einem Interview einmal gefragt wurde, ob denn auch eine private Klara Enss existiere, kam eine klare Antwort: Ja, die gäbe es und zwar sehr intensiv – aber „die lassen wir mal hübsch außen vor!“ Doch ohne die private wäre die öffentliche Klara Enss kaum zu verstehen. Klara Enss hat Sylt und der Naturschutzgemeinschaft einen umfangreichen Nachlass vererbt. Auf der Insel befinden sich etliche Regalmeter Archivmaterial aus ihrem politischen Tun. Einen Koffer mit 24 Tagebüchern vermachte sie der Sylterin Christiane Retzlaff. Klara Enss war es wichtig, aufzuzeichnen, was sie bewegte, was sie dachte, was sie sah. Sie hat diese Notizen immer wieder in die Hand genommen, zum Teil sogar redigiert, indem sie Seiten herausriss, Passagen und Namen schwärzte. Einige Jahre fehlen ganz. Sie war Herrin ihrer Erinnerungen. Und diejenigen, die überliefert werden sollten, gab sie weiter. Dieser Fundus und die Erinnerungen von Menschen, die sie gut kannten, machen es möglich, die biografischen Voraussetzungen für ihr freies und stringentes Handeln zu verstehen. Sie schuf sich selbst einen Rahmen, in dem ihre Unabhängigkeit und Verbindlichkeit gewährleistet waren. Gleichzeitig war sie zutiefst dankbar, dass sie überhaupt handeln konnte und dass sie nicht allein war, sondern viele andere mit ihr versuchten, den Lauf der Dinge zu beeinflussen. Trotz oder vielleicht gerade wegen ihrer fortwährenden Aktivität und Anstrengung in Politik, Umweltbewegung und Bürgerrechtsengagement, achtete sie auch stets darauf, sich zu besinnen, sich zu wundern und zu freuen. Insofern ist ihre Biografie auch eine Ermutigung, kritisch zu denken, politisch zu handeln – und gut zu leben.

Anna-Katharina Wöbse

Uni Giessen/ Naturschutzgemeinschaft Sylt.e.V.