“Katastrophe” um die Katastrophenhalle 28 – Bürgerwille verfehlt.

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Die Lage um die Sylter Katastrophenhalle ist schräg und verfahren. Foto: L.Koch

Am 12.6.2018 verstrich die amtliche Zwei-Jahres-Frist seit dem Bürgerentscheid um die Hallen auf dem Sylter Fliegerhorst. Die neuen Gemeindevertreter Sylts hätten nun die rechtliche Möglichkeit den “Willen der BürgerInnen” ohne erneuten Bürgerentscheid wieder aufzuheben, da dessen Ziel, die Bereitstellung einer funktionstüchtigen Katastrophenhalle, bis jetzt nicht vollständig umgesetzt werden konnte. Vielmehr droht das ganze Projekt zu einem finanziellen schwarzen Loch  zu werden.

Zur Erinnerung (s. auch andere Artikel in diesem Blog unter dem Stichwort “Hallen”):

"Nazihalle" 28

Halle 28

Auf dem Fliegerhorstgelände stehen zwei Flugzeug-Hallen (Nr. 25 und 28), die noch aus der “Nazi-Zeit” stammen. Die Gemeinde hatte vor Jahren beschlossen, diese Hallen und andere Gebäude abzureissen und die Flächen zu renaturieren, auch um sie der Spekulation auf der Insel, also Deutschlands teuerstem Immobilienstandort, zu entziehen. Bei Nichterfüllung des Renaurierungs-Vertrages mit dem Bund, der das Gelände der Gemeinde überließ, fallen rund 200.000 Euro Rückzahlungen pro Halle an die zuständige Bundesanstalt BIMA, die von ihr bereits, zumindest für die Halle 28, gerade eingeklagt werden.

Die Insel-Partei “Zukunft Sylt” zettelte 2016 einen Bürgerentscheid gegen den Abriss an, der vor allem vom DRK und Sylter Unternehmern massiv beworben wurde. Das Argument war: Sylt braucht eine Katastrophenschutzhalle und das könne nur die sein, die seitens des DRK seit Jahren vertragslos, also illegal, als Garage und Abstellager genutzt wurde. Das Ergebnis: 3201 Stimmen gegen den Abriss, 934 dafür. 12824 Bürger beteiligten sich erst gar nicht an der Wahl.
Die Sanierungskosten für beide Hallen wurden seitens der Gemeindeverwaltung auf 6,58 Millionen Euro geschätzt. Nach dem Bürgerentscheid wurden die Kosten, die die Gemeinde zu dem Sanierungsprojekt der Halle 28 beizusteuern habe, auf 500 000 Euro gedeckelt. So hatten es die Befürworter der Halle selbst beziffert und wollten durch ehrenamtliche Arbeit, Eigenmittel und Spenden den Rest erledigen, den sie als weit geringer einschätzten, als die amtlichen Bau-Gutachter.

Der Ist-Stand: Beide Hallen stehen jetzt auf dem Gelände der Flughafen Sylt GmbH und die Umsetzung wurde an diese Gesellschaft übertragen, der Peter Douven vorsteht. Halle 25 wird als deren Verwaltungsgebäude auf eigene Kosten hergerichtet. In Halle 28 stehen nach wie vor unter anderem DRK-Fahrzeuge und Deckenlager.

Inzwischen sind rund 500 000 Euro an Gemeindemittel in das Projekt Halle 28 geflossen. Überwiegend in notwendige Gutachten, Grunderwerb, Nebenkosten und Baueinzäunung sowie Gebäudesanierung. Deutliche Fortschritte in der Sache gibt es bis heute nicht. Im Gegenteil: die Gutachter stellten im Sommer 2016 einen heftigen Pilzbefall und einen Mangel an Brand- und Elektroschutz in der Halle 28 fest, der per bauordnungsbehördlichem Kreisentscheid zu einer sofortigen Räumung des Gebäudes führte. Auch Bausubstanz und Statik seien zu gefährlich, um die Halle schon zu nutzen. Eine Baugenehmigung wird dem Projekt bislang versagt, da im Trinkwasserschutzgebiet zunächst eine moderne Schmutzwasserentsorgung eingebaut werden müsste. Die Hallen sind diesbezüglich gar nicht erschlossen und stehen zu dem noch unter Denkmalschutz. Allein die Kosten des Schmutzwasseranschlusses werden – wie bereits 2016 kalkuliert – mit 850 000 Euro beziffert.

Der Bürgerwillen kann so gar nicht realisiert werden

Was den wenigsten BürgerInnenn klar gewesen sein dürfte, als sie abstimmten, ist die Definition einer Katastrophenschutzhalle. Selbst wenn diese fertig gestellt werden sollte, wird sie am Bürgerwillen vorbeigehen. Es gibt nämlich rechtlich den Unterschied zwischen Katastrophenschutz und Gefahrenabwehr. Für den Katastrophenschutz ist einzig der Landrat des Kreises zuständig und der ruft diesen aus, wenn die örtlichen Wehren überfordert sein sollten. Der Landrat hatte schon früh gemeinsam mit dem Sylter Bürgermeister verkündet: “Der Kreis Nordfriesland braucht keine Katstrophenschutzhalle auf Sylt.” Die Problemlagen, die die BürgerInnen im Kopf habe, wie brennende Hotels und ähnliches, seien keine Katastrophen im rechtlichen Sinne. Ausserdem gäbe es für die Evakuierung bei solchen Fällen, die die Inselwehren selbst bewerkstelligen könnten, genug geeignete und  bestehende öffentliche Gebäude und Hallen auf der Insel, in die dezentral evakuiert werden könne.

Fazit: Die Katastrophenhalle dürfte also nur verwendet werden, wenn der Kreis-Landrat den Katastrophenfall ausriefe. Das ist in der Insel-Vergangenheit letztmalig in den 1970er Jahren geschehen. Es darf bezweifelt werden, dass die BürgerInnen für ein Gebäude, das voraussichtlich nie gebraucht werden wird, permanent Steuergelder der Gemeinde opfern will. Dass es nicht bei den gedeckelten 500 000 Euro bleiben wird, ist jetzt schon absehbar. Schon ruft das DRK nach weiteren 200 000 Euro, um überhaupt erstmal Eigenmittel loszutreten. Ausserdem will der auf der Insel mit rund 50 Mitgliedern vertretene DRK-Verein auch noch die zukünftigen Betriebskosten der Halle (ca. 40 000 Euro) auf die Gemeinde abwälzen.

BürgerInnen selbst sind gefragt!

Die BürgerInnen sollte sich also überlegen, ob sie nicht selbst die Gemeinderäte auffordert in Sachen Halle 28 ein “Ende mit Schrecken” zu veranlassen, als der Finanz-Katastrophe weiteren Lauf zu lassen, die zudem permanent teure Man-Power in der Verwaltung bindet. Dies könnte durch Leserbriefe, offizielle Anfragen an die Gemeinde und über die Ansprache vertrauter Gemeindevertreter und Parteivertreter versucht werden. Die Parteien werden sich kaum trauen, den Bürgerentscheid von sich aus aufzuheben, da sie wohl einen Shitstorm befürchten, in dem sie als undemokratisch diffamiert werden könnten.

Ob nach den bereits erfolgten, erheblichen Investitionen in die marode Halle ein Abriss noch angeraten ist, wäre zu überlegen. Eine leerstehende, weitgehend ungenutzte Halle jedoch sicherlich indiskutabel. Möglicherweise wäre am Ende ein BürgerInnen-Veranstaltungszentrum der sinnvollste Nutzen. Zumal in dieser Saison das Gebäude-Vorfeld erstmalig für Großkonzerte genutzt werden wird.

Lothar Koch

Erschreckend: Nichts Neues von Mojib Latif zum Klimawandel!

Sturmschäden an Promenade

Drastische Wetterlagen werden in Zukunft häufiger befürchtet. Hier:Sturmschäden an Promenade

List auf Sylt
Heute sprach Professor Mojib Latif, seines Zeichens einer der bekanntesten Klimaforscher Europas, zu einer kleinen Gruppe interessierte Sylter im “Club 100″ des Zentrums für Naturgewalten Sylt. Wie man es von Herrn Latif aus Funk, Fernsehen und Printmedien gewohnt ist, referierte er die neusten Erkenntnisse aus der weltweiten Klimaforschung höchst kompetent, engagiert und anschaulich. Aber das Erschreckende war: es gab nicht wirklich etwas Neues. “Alles kalter Kaffee”, wie Prof. Latif selbst erwähnte. Dabei waren doch etliche Sponsoren und Zuhörer in das Sylter Umweltzentrum geeilt, weil sie sich neuste und aktuellste Erkenntnisse zur Klimakatastrophe erhofften: Es könnte doch sein, daß der Professor wieder neue Erkenntnisse von der Forschungsfront mitbringt– ob Neues zum Worst Case- oder Rettungsszenario– das wäre ja schon fast nicht so wichtig-Hauptsache etwas Neues. Denn: Würde der Klima-Professor etwas Neues bringen, könnte man sich ja innerlich wieder etwas zurücklehnen und denken: die Forschung forscht noch, man weiss nichts Genaues, es kann doch alles noch anders sein, als wir befürchten. Wir könnten so weitermachen und auf den nächsten Vortrag im kommenden Jahr warten- vielleicht wüssten wir dann Genaueres und können dann handeln. Vorher macht es doch keinen Sinn!

Tja leider…leider tat uns (und unserem “inneren Schweinehund”) Professor Latif nicht diesen Gefallen. Das Fazit steht: Die Klimaforschung hat längst ihren Auftrag erfüllt, alle Zahlen liegen auf dem Tisch. Jetzt muss gehandelt werden. Wir alle ganz privat und die Politik bei der 21. Klimakonferenz im November in Paris*

Lothar Koch

* Seit 1990 gibt es Klimakonferenzen. Seit dem hat sich der CO2 Ausstoß weltweit um 61% erhöht. Drastische CO2-Reduzierungen, die  bis 2020 durchgesetzt würden, könnten einen Meeresspiegelanstieg mit weltweit katastrophalen Folgen jedoch noch verhindern.

Nationalparkverwaltung: Das Seehundsterben dauert an!

Seehund/Foto:M.Stock,LKN

 

TÖNNING. In Schleswig-Holstein werden nach wie vor tote und schwerstkranke Seehunde an die Nordseeküste gespült. Seit Anfang Oktober waren es insgesamt rund 1400 Tiere. Die Erkrankungswelle dauert an, scheint sich aber nicht zu verstärken. Auf Sylt, Helgoland, Amrum und Föhr haben die Seehundjäger 910 Tiere von den Stränden geborgen. Aus diesen Gebieten wurden die ersten Auffälligkeiten zu Beginn des Seehundsterbens gemeldet und seitdem täglich dokumentiert. Sie dienen als Referenzgebiete zur Abschätzung der weiteren Entwicklung des Seehundsterbens. In den übrigen  Bereichen der schleswig-holsteinischen Westküste wurden bisher 460 Seehunde gefunden.

Die Abbildung zeigt den zahlenmäßigen Verlauf des Seehundsterbens (tägliche Gesamtzahl toter Seehunde) in den vier Referenzgebieten (Quelle: LKN-SH). Sie kann ebenso wie das anliegende Foto des Seehundes (Quelle: Martin Stock/LKN-SH) in Zusammenhang mit der Berichterstattung hierzu verwendet werden.    Weitere Informationen zum aktuellen Seehundsterben sind auf der Website der Nationalparkverwaltung zu finden: www.nationalpark-wattenmeer.de/sh

Als Ursache der erhöhten Seehundsterblichkeit hatten Wissenschaftler des Institutes für Terrestrische und Aquatische Wildtierforschung (ITAW) der Stiftung Tierärztliche Hochschule Hannover den Influenzavirus H10N7 identifiziert. Nach Angaben dänischer und schwedischer Wissenschaftler wurde der Influenzavirus bereits im Frühjahr vor der schwedischen Küste nachgewiesen. Auf welchem Weg und mit welchen Überträgern der Erreger ins Wattenmeer gelangte, ist noch unklar.

Seehundjäger, Behörden und Wissenschaftler arbeiten nach einem von der Nationalparkverwaltung in Tönning entwickelten Aktionsplan mit dem Ampelsystem „Grün – Gelb – Rot“. Unverändert steht hier das Signal auf Grün, erläutert der Leiter der Nationalparkverwaltung Dr. Detlef Hansen am Donnerstag. „Das heißt, dass alles mit der üblichen Logistik zu bewältigen ist. Die Hauptarbeit leisten dabei die speziell ausgebildeten, ehrenamtlich tätigen Seehundjäger.“

Der Bestand der Seehunde in 2014 ist nach Erkenntnissen der Seehundexpertengruppe des Internationalen Wattenmeersekretariats in Wilhelmshaven gegenüber dem Vorjahr stabil geblieben. Sie geben  39.100 Tiere für das  dänisch-deutsch-niederländischen Wattenmeer und 13.000 Tiere für das schleswig-holsteinische Wattenmeer an. Die Zählungen werden alljährlich im August durchgeführt. Das in Schleswig-Holstein seit Anfang Oktober beobachtete Seehundsterben ist darum nicht in die Auswertung eingeflossen. Die Seehundexperten gehen davon aus, dass die Erkrankung für den Bestand des Seehunds im Wattenmeer keine Gefahr darstellt.

Seehunde können ebenso wie andere Wildtiere regelmäßig verschiedene Erreger beherbergen, die auch auf den Menschen übertragbar sind. Spaziergänger sollten daher immer Abstand zu kranken und toten Seehunden oder anderen Wildtieren halten. Man soll die Tiere nicht berühren und Hunde angeleint fernhalten. So kann einer möglichen Übertragung von Krankheitserregern vorgebeugt werden.

Pressemitteilung der Nationalparkverwaltung Schleswig-Holsteinisches Wattenmeer (Foto und Graphik: LKN)

 

Anmerkung der Redaktion: Inzwischen ist das Seehundsterben auch im Nationalpark Niedersächsisches Wattenmeer angekommen.

RSH-Beitrag zum “Rätsel der Sandbank”

Gestern sendete Radio Schleswig Holstein einen Beitrag zum aktuellen Seehundsterben. Hendrik Brunckhorst vom Landesamt für Küstenschutz und Nationalpark (LKN) berichtet den aktuellen Stand der Dinge (Teil 1) und Lothar Koch äussert sich zum “Rätsel der Sandbank” (Teil 2).

Teil 1:

 

Teil 2:

Der Tod kommt aus dem Kattegat-Rückblick zu vergangenen Seehundsterben

Bei der Suche nach Antworten auf die Frage, weshalb die Seuchenzüge unter Seehunden der Wattenmeernationalparke fast immer bei der kleinen Insel Anholt in der Ostsee begannen, ist eine wissenschaftliche Publikation* aus dem Jahre 2006 hilfreich (s.u.).

Möwen picken Kadaver auf. Tragen sie die Viren dann weiter? Können Mensch und Hund bei Spaziergängen an solchen Kadavern anstecken?

In einer gemeinschaftlichen Veröffentlichung blicken Wissenschaftler aus Schweden, Dänemark,Niederlande, England, Schottland und Deutschland auf die beiden wichtigsten Hundestaupe (PDV)-Seuchen der Jahre 1988 und 2002 zurück.
1988 starben insgesamt mindestens 23 000 und in 2002 über 30 000 Seehunde in Nord -und Ostsee.
In beiden Fällen wurden erste tote Seehunde bei der Robbenkolonie auf der Kattegat-Insel Anholt (Ostsee) gemeldet. (Ein weiterer, kleineres Seehundsterben mit 285 Totfunden geschah 2007 und ging ebenfalls auf Anholt los). Die Forscher entdeckten jedoch, dass die Ausbreitung der Seuche nicht nur kontinuierlich entlang der Küste weiterging, sondern sprunghaft plötzlich tote Tiere in weit entfernten  irischen (1988) und niederländischen (2002) Gewässern gesichtet wurden. Da Seehunde seitens der Robbenforscher als relativ standorttreu eingeschätzt werden, vermuten die Wissenschaftler, dass andere Arten als „Vektoren“ dienten , die gegenüber dem Virus selbst relativ unempfindlich sind und rasch größere Strecken überwinden können.
Dem gesuchten „Steckbrief“ entsprechen am ehesten die den Seehunden (Phoca vitulina) verwandten Kegelrobben (Halichoerus grypus).
Sie liegen öfter vereinzelt zwischen den Seehundkolonien auf Anholt, sind aber auch an allen anderen Küsten, wo das Seehundsterben auftrat präsent, gelten als schnelle Langstreckenschwimmer und sind selbst kaum vom Virus tödlich betroffen gewesen.
Normalerweise bilden Kegelrobben grosse Kolonien abseits von Seehunden, zum Beispiel an der britischen Ostküste. Kommen sie jedoch in nur geringen Zahlen vor, wie bei Anholt, Amrum, Helgoland, Juist und Texel, mischen sie sich auch zwischen die Seehunde auf die Liegebänke.
Im Winter 1987/88 kam es wegen der Überfischung von Lodden (Fischart) in der arktischen Barents See, zu einer Massenwanderung von Sattelrobben aus jenen Gewässern hinunter in die südliche Nordsee. Auch Sattelrobben sind PDV-Träger und könnten den Virus an Kegelrobben, die dann als Vektoren dienten, weitergegeben haben. Allerdings gab es 2002 keine vermehrt auftretenden Sattelrobben in der Nordsee, es ist aber nicht auszuschliessen, dass sich einzelne arktische Robben dennoch hier herumtrieben.
Einige Wissenschaftler gehen davon aus, dass der Virus 1988 auf eine sehr unfitte Population stiess, die schwer von Industrieschadstoffen belastet war. Nach dem über 60% des Bestandes in kürzester Zeit gestorben war, erholte sich der Wattenmeerbestand in einer erstaunlich schnellen Zeit. Dies führen die Wissenschaftler darauf zurück, dass mit der Seuche alle unfitten Tiere starben und die besser konstituierten Individuen übrig blieben. So konnten bei Totfunden aus dem Seuchenjahr 2002 nur noch wesentlich geringere Belastungen des Speckmantels mit PCBs und DDE (schwer abbaubaren, organischen Kohlenwasserstoffen) nachgewiesen werden (50-65% weniger). Die Seuche in 2002 konnte demzufolge nicht mit diesen Schadstoffen erklärt werden, jedoch werden neuere Schadstoffgruppen (Flammschutzmittel) als immunsystemschädigend diskutiert, für die es bis 2006 keine guten Vergleichszahlen gab. Die Theorie, dass Schadstoffe Hintergrund für den umfassenden Viren-, Parasiten- und Bakterienbefall der autopsierten Kadaver sind, ist also nicht vom Tisch.
Bei der aktuellen Epidemie handelt es sich ja bekanntlich nicht um die Hundestaupe, sondern um einen Vogelgrippevirus (H10N7). Ob der tatsächlich die Haupt-Todesursache ist, ist aber dennoch für Experten nicht eindeutig geklärt. Jedenfalls kommen also auch Vögel als Vektoren in Frage. Bei einem Fall von Influenza bei Seehunden (ca, 400 tote Tiere) an der Küste Neuenglands (1980) stellten die Virologen fest, dass gesunde Seehunde, die im Laborversuch mit dem Virus beimpft wurden, nur leichte Symptome im Atemtrakt zeigten, während die Wildtiere an dem Virus verendeten. Sie schlossen daraus, dass die Umweltbedingungen, in denen die Tiere leben, einen großen Einfluss auf den Krankheitsverlauf haben.

Der Influenza Virus H10N7 wurde bereits im Juli 2014 bei Seehunden auf Anholt identifiziert. Da muss die Frage erlaubt sein, wieso es dennoch trotz der multilateralen Zusammenarbeit nicht früher Alarmmeldungen und Überlegungen zum Schutz der Seehundspopulationen in Richtung Wattenmeerstaaten gegeben hat, wo  Totfunde erst Anfang Oktober auftauchten.

Weshalb nun immer die kleine Insel Anholt als Startpunkt für die Seuche herhalten muss und nicht Amrum, Sylt, Juist, Helgoland oder Texel, ist weiterhin unklar. Möglicherweise liegt es einfach an der geographischen Position der Insel mitten im Kattegat, die vielleicht erste Anlaufstation für an der norwegischen Küste nach Süden wandernde Robben ist, möglicherweise spielen aber auch Umwelt-Faktoren eine Rolle, die erst auffallen, wenn das gesamte Einzugsgebiet Anholts in einem interdisziplinären Ökosystem-Forschungsprojekt mal genauer unter die Lupe genommen würde. Das wäre eine lohnende Aufgabe zum Schutz von Mensch und Robbe, für die Universitäten und dem Steuerzahler sicher einige Euros, Pfund und Kronen wert. Der politische Wille ein solches Projekt zu finanzieren, scheint bislang jedoch nicht stark genug zu sein.

Lothar Koch
www.natuerlichsylt.net

Zitiert wurde u.a. aus:
*A review of the 1988 and 2002 phocine distemper virus epidemics in European harbour seals, Tero Härkönen,Rune Dietz, Peter Reijnders, Jonas Teilmann, Karin Harding, Ailsa Hall, Sophie Brasseur, Ursula Siebert, Simon J. Goodman, Paul D. Jepson, Thomas Dau Rasmussen, Paul Thompson. 2006

Seehunde leiden jetzt offiziell unter Vogelgrippe-Virus H10N7

Vögel picken Seehundkadaver auf und transportieren Viren so ggf. weiter

Das, was in Dänemark bereits seit Juli 2014 bei Seehunden von der Ostseeinsel Anholt herausgefunden wurde, ist nun heute nachmittag auch für Robben im schleswig-holsteinischen Nationalpark Wattenmeer bekannt gegeben worden. Die hier zuständigen Veterinäre und Virologen haben ebenso wie ihre dänischen Kollegen das Vogelgrippe-Virus H10N7 aus Kadavern isoliert, die in den vergangenen drei Wochen an Stränden Nordfrieslands eingesammelt wurden. Nähere Angaben dazu wurden nicht gemacht.

Deshalb hier mehr Details:
Für Experten ist das insofern interessant, als dass bislang noch nie europäische Seehunde mit Influenza Viren infiziert wurden. An der Küste Neuengland/USA wurde das jedoch erstmalig bereits Anfang der 1980iger Jahre festgestellt (1984, Hinshaw,V S, Geraci,JR et.al). Dort gab es dann einen weiteren Influenza-Ausbruch unter Seehunden im Jahre 2011.

Die Wissenschaftler gehen davon aus, dass Vögel den Virus direkt oder über ihre Ausscheidungen übertragen. Bei dem ersten Fall in Neuengland stellten die Virologen fest, dass gesunde Seehunde, die im Laborversuch mit dem Virus beimpft wurden, nur leichte Symptome im Atemtrakt zeigten, während die Wildtiere an dem Virus verendeten. Sie schlossen daraus, dass die Umweltbedingungen, in denen die Tiere leben einen großen Einfluss auf den Krankheitsverlauf haben.

Die Viren schädigen wiederum zusätzlich das Immunsystem der Seehunde und machen sie so anfälliger für weitere Krankheiten.

Obwohl  in Ägypten vor einigen Jahren zwei Kinder an H10N7 erkrankten, die auf einer Geflügelfarm lebten, schätzen Wissenschaftler die Gefahr für den Menschen als relativ gering ein. Allerdings ist für Vogelgrippenviren bekannt, dass sie in neuen Wirten schnell Mutationen bilden können, die gefährlicher werden können. Deshalb sollten Seehundkadaver auf keinen Fall ungeschützt berührt werden. Melden Sie bitte jedes tote Tier den Behörden, den Seehundjägern oder Schutzstationen!

 

Lothar Koch

Wozu eine Soko-Seehundsterben? Was soll das sein?

Da ich in dem Artikel der Sylter Rundschau vom 23.10.2014 etwas vereinfacht zitiert

BILD 24.10.2014

BILD 24.10.2014

werde hier meine Klarstellung dazu:

In dem Artikel heisst es:
der Sylter Biologe Lothar Koch fordert eine bessere Aufklärungsarbeit vom Land: „Eine wissenschaftliche Sonderkommission Seehundsterben sollte klären, wie es zu den Todesfällen kam und die Ergebnisse der Öffentlichkeit transparent zugänglich machen“, sagte Koch gegenüber unserer Zeitung.

Gemeint habe ich, dass in der Berichterstattung der Medien beim aktuellen und auch bei den vergangenen Seehundsterben überwiegend die Statistik der Totfunde thematisiert wird. Dies wird durch die Verlautbarungen der amtlichen Stellen, die im Wesentlichen darüber handeln, wo, wann, wieviele tote Seehunde geborgen werden, verstärkt. Diese Zahlen sind sicherlich notwendig und wichtig. Zuwenig wird jedoch darüber gesprochen, weshalb es überhaupt zu den mehrfachen Seuchenzügen unter Seehunden kam und weshalb der Beginn jedesmal bei der Insel Anholt im Kattegat gemeldet wurde und wie das Sterben im ökologischen Kontext der Hausmeere Nord- und Ostsee gesehen werden muss.

Es gibt m.E. also folgende offene Fragen:

Seehundbank vor Kohlestaubkraftwerk in Esbjerg, Foto: L.Koch

Seehundbank vor Kohlestaubkraftwerk in Esbjerg, Foto: L.Koch

- Warum beginnen die Seuchenzüge unter Seehunden so oft im Kattegat?
- Wie kommen die Viren in die Population und wie verbreiten sie sich?
- Was sind die wesentlichen Faktoren, die zu einer Anfälligkeit des Seehundsbestandes gegenüber Viren führen? Welche Gründe kommen potentiell in Frage:
Überpopulation (=Nahrungsmangel,Platzmangel), Immunsystemschwäche, Schadstoffbelastung, Stress durch Störungen im Habitat, Naivität gegenüber neu eingeführten Virenarten?
- Welche Rolle spielen andere Arten bei der Verbreitung der Viren?-Sattelrobben, Kegelrobben, Nerze, (Zug-)Vögel.
- Wie gefährlich sind die Viren für andere Arten, besonders für Haustiere und Menschen?
- Gibt es Möglichkeiten den Seehundsbestand in Zukunft vor Seuchenzügen zu bewahren? Soll das geschehen?
Aktiv, durch gezielte Maßnahmen?
Passiv durch Vermeidung von Schadstoffeinleitungen und Stress für die Populationen?

Um diese Fragen zu klären hatten Ämter und Wissenschaftler bereits 26 Jahre Zeit (seit dem ersten Seehundsterben 1988). Bislang ist an Antworten jedoch wenig in die Öffentlichkeit gedrungen. Man muss schon Spezialist sein, um gekonnt wissenschaftliche Veröffentlichungen auszuwerten, die einige dieser Fragen klären können, oder es zumindest versuchen.

Hier sehe ich also das Informationsdefizit. Eine SOKO Seehundsterben, also eine eigens zusammengestellte und finanzierte Gruppe von Fachleuten aus betroffenen Staaten und unterschiedlichen Disziplinen (z.B.: Veterinäre, Wildbiologen, Meeresbiologen, Virologen, Ornithologen, Meeressäugerspezialisten) könnte sicher offene Fragen optimal klären und dann auch für eine interessierte Öffentlichkeit aufarbeiten.
Vieles ist in zahlreichen Studien, Diplom-und Doktorarbeiten in den vergangenen

Möwen picken Kadaver auf. Tragen sie die Viren dann weiter? Können Mensch und Hund bei Spaziergängen an solchen Kadavern anstecken?

Möwen picken Kadaver auf. Tragen sie die Viren dann weiter? Können Mensch und Hund bei Spaziergängen an solchen Kadavern anstecken?
Foto: L.Koch

Jahrzehnten diesbezüglich schon anhand der mühsam eingesammelten toten Seehunde an Auswertung entstanden. Das sollte schnellstens einmal zusammengetragen und öffentlich kommuniziert werden.

Das würde nicht nur den Seehunden, sondern den ganzen Ökosystemen Nord-und Ostsee dienen, da Seehunde als Endglieder der marinen Nahrungsketten Bioindikatoren sind, also stellvertretend für das ganze Meer Aussagen zu dessen Stabilität liefern können.

Auch müsste eine vorsorglich orientierte Forschung im Sinne des Steuerzahlers und der Tourismuswirtschaft sein, da jeder Seuchenzug immense Kosten verursacht.

Werbung des Nordseebäderverbandes SH

Werbung des Nordseebäderverbandes SH

Lothar Koch

Wer löst das Rätsel des Seehundssterbens?

toter seehundWieder sterben an der Küste hunderte von Seehunden und keiner weiss genau warum. Mindestens 350 Tiere wurden in Schleswig-Holstein bislang geborgen, davon die meisten an der Wattenmeerküste, hauptsächlich auf Sylt und Amrum.

Krankheitsauslösend waren 1988 und 2002 die Viren des Seehundstaupe-Erregers, die letztendlich jeweils rund 20 000 Tieren das Leben kosteten. Jetzt, im Herbst 2014, kann der Krankheitsverlauf von den zuständigen deutschen Veterinären offenbar immer noch nicht eindeutig zugeordnet werden. Die Dänischen Ämter teilen mit, dass es sich diesmal nicht um die Seehundstaupe, sondern wohl eher um Influenza, also Grippeviren handeln würde. In diesem Fall wahrscheinlich Vogelgrippe-Viren, die nicht ganz ungefährlich für Hunde und Menschen sind (deshalb kranke Tiere nicht anfassen!).

Allen drei Seuchenzügen ist jedoch eines gemeinsam: jedes Mal wurde der Beginn des auffälligen Robbensterbens bei der kleinen Insel Anholt, mitten im Kattegat der dänischen Ostsee registriert.
Das kann doch kein Zufall sein! Zu erwarten wäre doch vielmehr, dass sich eine Seuche von einem Gebiet mit hoher Tierdichte in die Hauptrichtung der Meeresströmung ausbreitet. Bei den Seehund-Seuchenzügen ist es aber offenbar genau umgekehrt: Das Sterben beginnt in der von Seehunden relativ dünn besiedelten Ostsee und kriecht dann gegen den Haupt-Nordseestrom die Küste von Nord-Fünen ins dicht besiedelte deutsche Wattenmeer herunter.

Wieso das Seehundsterben nun schon das dritte Mal in Folge wieder bei Anholt losging und weshalb es überhaupt zu den Ausbrüchen der Hundestaupe kam, ist nie genau geklärt worden. Die Veterinär- und Nationalparkämter scheinen sich mit der Dokumentation der Sterbezahlen und des Seuchenverlaufes zufrieden zu geben, anstatt wirkliche Ursachenforschung zu betreiben. Etliche Hypothesen dazu kursieren schon seit 1988: Immunsystemschwächung durch zu hohe Schadstoffbelastung der Seehunde, Viren-Einschleppung durch arktische Sattelrobben oder Nerzfarmen, u.a.m.
Die Schutzstation Wattenmeer hatte deshalb schon 2002 die Einrichtung einer internationalen, wissenschaftlichen “Sonderkommission Seehundsterben” gefordert, um Virusseuchen unter den Robben von Nord-und Ostsee in Zukunft gar nicht erst aufkommen zu lassen. Diese Forderung ist nun aktueller denn je!
Eine “SOKO-Seehundsterben” sollte den Anrainerstaaten – schon aus ethischen Gründen – ausreichende Forschungsmittel wert sein. Zudem bedeutet jede Seehundseuche den Tod vieler heimischer Publikumslieblinge, verursacht eine Menge Entsorgungskosten und dämpft möglicherweise die Urlaubsfreude an betroffenen Küstenorten.

 

Lothar Koch

Xaver toppt Christian auf Sylt- Hörnum Odde-Plattform geschrottet

oddesturmRantum, Nikolausmorgen 2013: Das Orkantief Xaver hat die ganze Nacht mit Sturmstärken von bis zu 140 km/h vor Sylt getobt. Das Nachthochwasser soll über 3 m über NN aufgelaufen sein. Gleich nach Sonnenaufgang machen wir uns auf für einen Kontrollgang. Zunächst geht es natürlich nach Süden, um zu sehen, was an Deutschlands wildestem Naturschutzgebiet, der Hörnum Odde so abgegangen ist. Auf dem Weg dorthin kommen wir an der erst vor wenigen Jahren erbauten Feuerwehrwache Rantum vorbei. Hier mussten die Retter bereits in eigener Sache aktiv werden: fast das komplette Dach rantumhat es abgedeckt. Das liegt nun auf der Strasse und ist notdürftig mit Sandsäcken gesichert. Die Glaswolle des Daches hat sich in sämtliche Gebüsche der Umgebung verteilt und wird die Rosenhecken sicher noch bis ins späte Frühjahr zieren.

Bis auf die bei solchen Sturmtagen umgekippten Bushaltestellenhäuschen ist sonst alles Ok längs der Landesstrasse bis Hörnum. Bei den Tetrapoden beginnen wir unsere Wanderung um die Sylter Südspitze. Wir steigen hier zunächst über Berge von Latten, Balken und ganzen Holztreppenteilen, die der Stum diese nacht irgendwo zwischen Westerland und Hörnum weggespült hat. Wenige hundert Meter weiter entdecken wir bestürzt, dass die Aussichtsplattform, wo vor 5 Wochen noch das Unterfeuer stand nun komplett auf den Strand gefallen ist- zusammen mit dem mächtigen Betonfundament, das einst den Minileuchtturm trug. Der schnelle Abbau des Feuers nach dem Orkan Christian war also eine weise Entscheidung des Wasser-und Schiffahrtsamtes gewesen (wir berichteten). Die Odde-Dünen haben auf ganzer Länge erneut erheblich an Substanz verloren. An mehreren Stellen dringt das Wasser tief in die Dünenlandschaft ein.

oddeplattformWir kämpfen uns gegen das Regen/Sandstrahlgebläse um die Inselspitze und der Ostseite hoch zum Hörnumer Hafen. Hier ist alles ruhig. Zahlreiche Fisch-und Muschelkutter haben hier Zuflucht gesucht.

Von Hörnum fahren wir direkt zur Promenade nach Westerland. Dort reinigen Arbeiter des Inseltourismusservice bereits mit schwerem Gerät die Promenade von tonnenweise Sand, den die Brecher hier hochspülten. Die Pflasterung der  Promenade ist an einigen Stellen aufgerissen. Holger Weirup, zuständiger Vorarbeiter des ISTS meint: “Seit über 25 Jahren arbeite ich hier, aber so heftig wie heute hat es uns hier am Westerländer Strand noch nicht getroffen.” Wir hangeln uns über den Aufgang Strandstrasse mit dem Wind an der “Sylter Welle” vorbei und geraten urplötzlich in eine lebensbedrohliche Situation. der Orkanwind drückt von hinten so stark, dass wir ohne Kontrolle ins Laufen kommen und auch vor der Verkehrsstrasse nicht mehr stoppen können. Erst ein parkendes Auto gibt den lebensrettenden Halt. Gut dass gerade kein Auto vorbeikam.

promenadeZurück in Rantum blicken wir nochmal auf den Strand vor unserer Haustür. Seit dem gestrigen Nachmittagshochwasser hat sich die Lage deutlich verschlechtert: vom Übergang blicken wir nun rund 3 m eine frisch abgeschnittene Dünenkliffkante hinab. So dürfte es wohl bei den meisten Übergängen hier aussehen.

Das Ausmass der Strandschäden wird dann wohl erst morgen richtig zu begutachten sein.

Lothar Koch