Meeresleuchten- das wunderschöne Phänomen hat auch Schattenseiten

Meeresleuchten 2

Noctiluca Schwade vor Rantum Sylt am 24.7.2018 nachmittags
Foto: L.Koch

 Hochsommer sorgt für Massenvermehrung von Algen

Aktuell werden von verschiedenen Stränden der Nordsee lachsrosa Verfärbungen des Wassers gemeldet, insbesondere an strömungsgeschützten Stellen, wie am Hörnumer Oststrand auf Sylt. Es handelt sich um dichte Schwärme der Meeresleuchtalge Noctiluca. Wo das Nordseewasser tagsüber rosa ist, können sich Strandwanderer nachts über ein blau-grünes Meeresleuchten freuen!

Die Leuchtalge ist ein relativ großer Einzeller von 0,6 Millimetern Größe und kann als winzige Kugel mit bloßem Auge in Wasserproben gesehen werden. „Obwohl sie eine Alge ist, besitzt Noctiluca kein Chlorophyll (Blattgrün)“, weiß Biologe Rainer Borcherding von der Schutzstation Wattenmeer. Stattdessen fresse sie einzellige Plankton-Kieselalgen und verhalte sich damit wie ein Raubtierchen – dieses Phänomen sei von verschiedenen Planktonalgen bekannt.

Bei ruhiger Wetterlage können in einem einzigen Liter Wasser fast eine Milliarde Algenzellen enthalten sein. Dieses Wasser sieht beim nächtlichen Herumplanschen wie flüssige Lava aus. „Der Spuk ist nach wenigen Tagen vorbei, weil die Algenblüte oder ‚Rote Tide‘, wie man diese Massenvermehrungen nennt, sich selbst die Nahrung nimmt und nach wenigen Tagen kollabiert“, erklärt Borcherding. Die Algenzellen verhungern und werden von Planktonkrebschen oder Bakterien gefressen.

„Die Meeresleuchtalge wird durch eine Überdüngung des Meeres begünstigt und reagiert besonders auf hohe Nitratkonzentrationen, weil diese ihre Futteralgen fördern“, so der Biologe weiter. Ursprünglich kam Meeresleuchten in der Nordsee nur im Hochsommer vor und war aus vielen anderen Meeren unbekannt. Mittlerweile ist die Art fast weltweit verschleppt und gilt als Anzeichen von Wasserverschmutzung. „Für Politiker und Landwirtschaftsfunktionäre ist das Meeresleuchten eine Warnlampe, dass die Landwirtschaft immer noch viel zu viel Stickstoff in die Gewässer und das Meer leitet“, sagt Borcherding. Eine Wende in der Agrarindustrie und eine Verringerung der Überdüngung der Meere seien dringend erforderlich.

 Warum leuchten Algen?

Die Algenzellen stoßen bei Beunruhigung, also wenn man im Wasser plätschert, einen chemisch erzeugten Lichtblitz aus. Unter den Einzellern hat unser Meeresleuchten einen der kürzesten und hellsten Blitze weltweit. Der Blitz hat eine originelle Funktion: Er dient als Alarmanlage und ruft Hilfe herbei. Im nächtlichen Meer markiert ein Lichtblitz den Ort, wo gerade ein Planktonkrebs versucht, eine Algenzelle zu fressen. Da dieses hungrige Fische anlockt, hüpfen Planktonkrebse reflexhaft davon, wenn sie eine Zelle erwischt haben, die blitzt. Ein helles Ziel ist im nächtlichen Meer sehr leicht zu finden. Daher meiden Räuber leuchtende Beute, die womöglich noch in ihrem Magen wie eine Signallampe wirken würde.

Da die Meeresleuchtalge räuberisch lebt, kann sie gleichgroßen Planktonkrebsen das Futter streitig machen. In australischen Gewässern, wohin die Art bereits im 19. Jahrhundert verschleppt wurde, sieht man die erwärmungsbedingte Ausbreitung von Noctiluca Richtung Südpolarmeer um etwa 40 Kilometer pro Jahr mit Sorge, weil sie die Nahrungsketten dort verändern könnte.

Schutzstation Wattenmeer/C.Goetze, R. Borcherding

 

Glasperlenspiel und Wunderwelle

Wer derzeit am Sylter Weststrand wandert, kann sich am schimmernden Glasperlenspiel Seestachelbeerenauf dem Sand erfreuen. Tausende von kleinen, beerengrossen “Glaskugeln“ übersähen stellenweise den Spülsaum. Je nach Sonnenstand glitzert und funkelt es, besonders in den frühen Morgen- und späten Abendstunden, weil das Licht dann am besten durch die durchsichtigen Kugeln fällt. Es handelt sich dabei um Rippenquallen, die wegen ihrer Form auch Seestachelbeeren genannt werden. Die völlig harmlosen Glibber-Geschöpfe entfalten ihre volle Schönheit, wenn man sie in einem Salzwasseraquarium bewundern kann. Das ist meist in der Schutzstation Wattenmeer Hörnum, oder im Zentrum für Naturgewalten List möglich, oder auch in einem selbstmitgebrachten Einmachglas. Rippenquallen nutzen zwei längere Klebtentakeln, um Beute zu machen, also keine Nesselfäden, wie ihre eher unbeliebte Verwandtschaft. Die kugelrunden und Rippenqualleglasklaren Körper werden von irisierenden Flimmerhäärchenreihen gesäumt, mit denen die Tiere gemächlich als Großplankton durch die Wassersäule schweben. Anders als die viel grösseren Scheibenquallen (Medusen) entwickeln diese sich direkt aus im Wasser schwebenden Eiern und nicht aus festsitzenden Bodenpolypen. Jetzt im späten Frühjahr erreicht das Vorkommen der Rippenquallen hier seinen Höhepunkt. Schliesslich konnten sich die Tiere in den letzten Wochen am reichlich vorhandenen Mikroplankton laben, welches sich Dank Licht und Nährstoffen im Überfluss explosionsartig vermehren konnte (“Algenblüte”). Aber die “Algenblüte” verbraucht halt auch viel der vom Winter angesammelten Nährstoffe, sodass ab Juni wieder mit klarerem Badewasser gerechnet werden kann.

Nicht selten verspeisen die eleganten Rippenquallen auch Microplankton, das über einen Enzymprozess Kaltlicht erzeugen kann. Das  mikroskopisch kleine Meeres-Leuchten-Tierchen (Noctiluca scintillans) ist dieses Jahr besonders frühzeitig in so ausreichenden Dichten vorhanden, dass nächtliche Spaziergänger schon das Glück hatten, von funkelnden “Wunderwellen” überrascht zu werden. Zu dem Abstrahlen des neonfarbenen Kaltlichtes kommt es, wenn die Panzergeisseltierchen durch Wellen- oder Schwimmbewegungen angeregt werden.

Wenn Rippenquallen genug von Noctiluca aufgefuttert haben funktioniert dieser Enzymprozess auch noch eine Weile nach dem Einverleiben. Die “Glasperlen” funkeln dann sogar auch Nachts.

Rote Wolken im Badewasser sind ungefährlich

rosa Wolcken von Noctiluca scintillans

dieser Tage am Sylter Strand spazierengeht, oder bereits zu den Mutigen gehört, die sich angesichts der für Juli recht niedrigen Temperaturen doch schon ins Wasser traut, kann auf rosafarbene “Wolken” im Wasser treffen, die sich bei ruhiger See (v.a. Ostwindlage) gern in Strandtümpeln und Prielen, oder direkt im Spülsaum bilden.

Dabei handelt es sich um sehr hohe Konzentrationen des einzelligen Dinoflagellates Noctilica scintillans. Die  Panzergeisseltierchen vermehren sich in nährstoffreichem Wasser unter bestimmten Wetterbedingungen besonders schnell und färben ihre Umgebung mit Stoffwechselprodukten rötlich. Durch Strömungen kann es dann geschehen, daß das Plankton an besonders ruhigen Stellen zusammengeschoben wird und das Wasser rosa-milchig eintrübt. Dieses als “Rote Tide” bekannte Phänomen ist an unserer Küste ungefährlich, da die Stoffwechselprodukte von Noctiluca für den Menschen harmlos sind. In anderen Regionen der Welt werden Rote Tiden von anderen Einzellern hervorgerufen, die durchaus gesundheitliche Schäden hervorrufen können, wenn sie geschluckt werden.

Noctiluca scintillants gehört jedoch zu den besonders beliebten Meeresorganismen an unseren Stränden: schließlich verursachen die faszinierenden Einzeller das berühmte Meeresleuchten, welches an wenigen Sommerabenden nach Sonnenuntergang besonders bei Liebespaaren romantische Gefühle auslöst. Dafür ist es jedoch jetzt noch zu früh: Erstens wird es erst weit nach Mittagnacht so richtig dunkel und Zweitens ist es noch in diesem Jahr noch  viel zu kalt für romantische Nachtbäder mit Meeresflimmern.

Lothar Koch