Was läßt die Wale stranden?

Aktenzeichen XY ungelöst….Pottwalstrandungen an der Nordseeküste

Nachtrag am 18.2.2016: Jetzt vertreten auch deutsche und britische Walexperten die Hypothese, die ich im Video schildere s. diesen shz-artikel und stern video vom 14.3.2016

Die enorme Zahl von 30 Pottwalstrandungen (Stand: 9.2.2016) innerhalb der vergangenen vier Wochen läßt viele über die Ursachen spekulieren. Hier eine kurze Zusammenfassung der möglichen Gründe, weshalb Pottwalschulen in die Nordsee ziehen und dann bei uns an der Wattenmeerküste verenden. Im Video berichtet der Biologe Lothar Koch über die wahrscheinlichste  Theorie.

TATORT : NORDMEER-NORWEGEN

Im Nordmeer bei Norwegen halten sich Pottwalbullen zur Jagd gern auf. Zur Paarungszeit reisen sie von dort einige Tausend Kilometer zu den Weibchen, die sich im Atlantik zwischen  Azoren und Karibik aufhalten. Immer wieder kommt es jedoch dazu, dass junge Pottwale” falsch abbiegen” und statt nördlich von Schottland vorbei zu schwimmen, in die Nordsee navigieren.

TATZEIT: 2016  passierten die letzten Pottwalstrandungen in unserer Region. Insgesamt  gab es seit 1990 fast 100 Pottwalstrandungen an den Nordseeküsten.

TÄTER GESUCHT: Die Frage, ob die Pottwalstrandungen natürliche Ursachen haben, oder auf menschliche Aktivitäten zurückzuführen sind, ist nach wie vor ungelöst.

Mögliche natürliche Ursachen:

-Navigationsfehler  unerfahrener, junger Pottwalbullen, eventuell verursacht weil es eine Informationslücke zwischen Pottwalgenerationen gibt, die bis ins 20.Jahrhundert abgeschlachtet wurden. Die tradierten Wanderrouten konnten daher möglicherweise nicht ausreichend an folgende Generationen weitergegeben werden. Mehr Hintergrund dazu hier.

- Pottwale jagen Beutetieren nach, die Aufgrund von zeitweiliger Wassererwärmung in Richtung Nordsee driften, zum Beispiel der Tintenfischart Gontatus fabricii. Über die tiefe norwegischen Rinne, die fast bis Dänemark reicht gelangen sie so in die flache Nordsee und geraten auf Abwege. Mehr Hintergrund zu dieser Theorie hier und hier.

- Sonnenflecken-Aktivitäten, die von Jahr zu Jahr schwanken, stören das Erdmagnetfeld, an dem sich Wale orientieren. Mehr Hintergrund zu dieser Theorie hier.

- Parasiten im Innenohr von Leitbullen stören deren Orientierungsfähigkeit

- es ist einfach Zufall

Mögliche unnatürliche Ursachen:

- Das Ölindustriegebiet (rund 400 Öl- und Gas-Plattformen) in der nördlichen Nordsee macht viel Unterwasserlärm und stört das Ortungssystem der Pottwale.

- Militärische Ursachen. Die NATO betreibt ein tieffrequentes Schallwellennetz unter Wasser, dass für die Navigation von U-Booten gebraucht wird. Pottwale kommunizieren ebenfalls mit tieffrequenten Schallwellen. Drastische Störungen der Walkommunikation sind wahrscheinlich.

- Zahllose Elektrokabel, die die Nordsee zunehmend durchziehen könnten das Magnetfeld stören

- Durch in die Weltmeere eingeleitete nicht abbaubare Schadstoffe leidet das Immunsystem der Wale. Krankheiten und Parasitenbefall sind die Folge. Das kann zu Fehlverhalten der Tiere führen.

SACHDIENLICHE HINWEISE die zur Ergreifung des Täters oder zur Aufklärung des Tatherganges führen nimmt der Autor, jede Schutzstation oder das Nationalparkamt entgegen

Sind Pottwalstrandungen eine Spätfolge der Waljagd?

Die Schutzstation Wattenmeer entdeckt wenig diskutierte Erklärungsversuche für Pottwalstrandungen in der wissenschaftlichen Literatur:

Walpopulation leidet möglicherweise an kollektivem Orientierungsverlust mangels Lernmöglichkeiten von der Elterngeneration:

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Pottwale sind sehr soziale Tiere, die oft in Gruppen zu beobachten sind.

Bis heute ist unklar, warum es in unregelmäßiger Folge zu Strandungen von Pottwalgruppen an der Nordseeküste kommt. In den vergangenen Tagen waren erneut 10 Jungbullen vor der Küste Schleswig-Holsteins beim Kaiser-Wilhelm-Koog und vor Eiderstedt verendet und liessen die Statistik des Winters nordseeweit auf 27 Totfunde hochschnellen.

Der Biologe Rainer Borcherding von der Schutzstation Wattenmeer stieß in der wissenschaftlichen Literatur auf eine mögliche Erklärung: „Pottwale sind überaus gesellige und langlebige Tiere. Die Walfänger haben bis 1980 fast alle Leitbullen weggeschossen. Es ist gut möglich, dass die Tiere immer noch an einem kollektiven Orientierungsverlust leiden.“ Die Art müsse erst wieder neu lernen, dass es keine gute Idee sei, in flache Küstengewässer wie die Nordsee zu schwimmen. „Die heutigen Massenstrandungen sind möglicherweise eine Spätfolge der Waljagd“, vermutet der Husumer Biologe.

Pottwale können über 60 Jahre alt werden. In die Nordsee kommen nur männliche Pottwale, da nur sie zum Beutefang bis in polare Gewässer ziehen. Pottwalbullen schwimmen in Gruppen durch die Weltmeere, bis sie 25 oder 30 Jahre alt sind. „Bei Strandungen zeigt sich immer wieder, dass die Tiere sehr anhänglich sind und oft lieber gemeinsam sterben, als sich einzeln retten zu lassen“, sagt Borcherding. Daher sei es naheliegend, dass Pottwalbullen, wenn sie über 20 Jahre lang in Gruppen auf Wanderschaft seien, von ihren älteren Artgenossen nicht nur etwas über die Nahrungsbeschaffung lernen, sondern auch, auf welchem Weg man sicher von der Arktis zurück zu den Azoren findet, ohne zu stranden.
Britische Forscher haben die Meldungen von Pottwalstrandungen der vergangenen Jahrhunderte verglichen und herausgefunden, dass nach 1960 an den britischen Küsten eine drastische Veränderung eingetreten ist: Ab 1800 strandeten bis zum Jahr 1960 immer nur einzelne alte Bullen, im Mittel etwa einer pro Jahr. Nach 1960 stieg die Strandungsrate auf das Siebenfache an. Außerdem strandeten nun vor allem Gruppen von jüngeren Tieren, was zuvor niemals beobachtet worden war. „Diese Veränderung fällt mit der Periode des industriellen Walfangs zusammen“, erläutert Borcherding. Von 1950 bis 1980 seien weltweit etwa zwei Drittel aller Pottwale abgeschlachtet worden, gezielt vor allem die großen Bullen.
„Durch die Tötung praktisch aller älteren Leittiere haben die Pottwale möglicherweise ihr gesammeltes Wissen über traditionelle und ungefährliche Wanderrouten verloren“, vermutet Borcherding. Selbst die ältesten heute lebenden Pottwalbullen hätten vor 30 Jahren, als sie in der Lernphase gewesen seien, ihre Leittiere verloren. „Die überlebende Population muss nun ‘auf die harte Tour’ neu herausfinden, dass es lebensgefährlich ist, in flache Küstengewässer wie die Nordsee hineinzuschwimmen“, folgert der Biologe. Unterwasserlärm, Umweltgifte und Fischnetze machen den Walen diesen schmerzhaften Prozess sicher nicht leichter.

 

Quellen: 

EVANS, P.G.H. (1997): Ecology of sperm whales (Physeter macrocephalus) in the Eastern North Atlantic, with special reference to sightings & stranding records from the British Isles. Bull.Inst.Sci.Nat.Belg., Biologie, Suppl. 67: 37-46. Brussels.
WHITEHEAD, H. et al. (1997): Past and Distant Whaling and the Rapid Decline of Sperm Whales off the Galápagos Islands. Conservation Biology 11:1387-1396.

Mitteilung der Schutzstation Wattenmeer e.V.

Die Irrfahrt der Pottwale

In den vergangenen Tagen, seit dem 8. Januar, sind mindestens 12 Pottwale an der internationalen Wattenmeerküste verendet, oder tot angetrieben. 5 auf Texel, 2 auf Wangerooge, 1 in der Wesermündung, 2 vor Helgoland, 1 vor Büsum, 1 vor Trischen.

Das ist kein neues Phänomen. Grundsätzlich werden Pottwalstrandungen in diesem Seegebiet seit 1572 amtlich registriert. Allein seit 1990 sind es 81 gewesen. Die aktuellen Strandungen erinnern an zwei Massenstrandungen in den Wintern 1996/97 und 1997/98. Das besondere daran war, das die Meeresriesen vor ihrer Strandung der Insel Sylt einen kurzen Besuch abstatteten. Das dürfte seit Menschengedenken ein einmaliges Bild vor Rantum gewesen sein. Dazu habe ich meinen Augenzeugenbericht in meinem Buch

“Natürlich Sylt-der Naturerlebnisführer” niedergeschrieben. Hier eine Leseprobe:syltbuchTitel

RÜCKBLICK

In den Wintern 1996/97 und 1997/98 strandeten insgesamt 26 Pottwale an den Stränden der Wattenmeerküsten Hollands, Deutschlands und Dänemarks. Drei der Meeresgiganten konnten in einer dramatischen Rettungsaktion bei St. Peter-Ording mit Booten in tieferes Wasser abgedrängt werden- alle anderen verendeten kläglich.

Tod und Rettung der Riesen

Es war ein Bild, wie man es von Kupferstichen aus alten Walfängerzeiten kennt: Zwei Pottwale liegen unbeweglich in den Brandungswellen am Sylter Strand “Samoa”. Im Hintergrund, über eine weite Seefläche verteilt, stoßen dreizehn der Meeresriesen unregelmäßig ihren typischen Blas schräg nach vorne aus.

Die noch schwimmenden Pottwale warten auf ihre festsitzenden “Brüder” und geben offensichtlich Lautsignale, nach denen sich die Gestrandeten immer wieder ausrichten. Endlich, nach Stunden des Wartens, kommt die Flut und beide Vierzig- Tonner können aus eigener Kraft wieder Fahrt aufnehmen. Die Walschule von fünfzehn Tieren entschwindet am Horizont. Ein historischer Tag für die Inselchronik: es war wohl seit Menschengedenken der erste Besuch einer ganze Pottwalschule am Sylter Strand. Leider stranden alle fünfzehn Pottwale am folgenden Tag erneut. Zwei an der Niedersächsischen Wattenmeerküste und dreizehn am Strand der Dänischen Nachbarinsel Römö.

Sieben Wochen später: Das Patrouillenboot der Küstenwache, die „Sylt”, meldet der Schutzstation Wattenmeer die Sichtung einer “desorientiert umherschwimmenden” sechsköpfigen Pottwalschule, etwa sieben Seemeilen westlich von Büsum. Dort hat die Nordsee noch rund 15 Meter Wassertiefe zwar nur eine Pfütze für die sonst in Tausenden von Metern tiefen Gewässern vorkommenden Pottwale, aber im Vergleich zur nahegelegenen, flachen Wattenmeerküste noch halbwegs sicheres Terrain für die Kolosse. Die Schutzstation Wattenmeer drängt darauf, dass die Patrouille der Wasserschutzpolizei ihre geplante Route zunächst nicht fortsetzt, sondern die Walschule im Auge behält und das Schiff zwischen Wale und Wattenmeerküste manövriert, um eine Strandung zu verhindern. Außerdem mobilisiert die Naturschutzgesellschaft  Kollegen von Greenpeace, die über das notwendige Equipment verfügen, um die Wasserschutzpolizei zu unterstützen. Am nächsten Morgen kommt dann doch die Hiobsbotschaft: Mindestens ein Pottwal ist auf dem Rochelsand vor St. Peter-Ording gestrandet, die anderen Wale befinden sich noch schwimmend in unmittelbarer Nähe ihres sterbenden Gefährtens.

Nach dieser Nachricht bewegen sich alle verfügbaren Schiffe sofort Richtung Strandungsort. Zuerst ist die „Sylt” vor Ort. Mittlerweile sind zwei weitere Wale auf den flachen Sand aufgelaufen. Nun muss alles sehr schnell gehen, um Schlimmeres zu verhindern. Inzwischen sind auch die Greenpeace – Zodiaks angekommen und zu Wasser gelassen, um die „Sylt” bei den Versuchen zu unterstützen, die Pottwale in tieferes Wasser abzudrängen. Langsam aber sicher gelingt das Unterfangen: Bei Sonnenuntergang sind drei der sechs Wale mit viel Fingerspitzengefühl und mehreren Booten auf acht Seemeilen in  fast  20 Meter tiefes Wasser hinausgetrieben worden. Die anderen drei verenden leider auf der Sandbank am Leuchtturm Westerhever.

Warum wählten die Tiere den falschen Weg?test0007

Die Pottwale verheddern sich am Wattenmeer im Labyrinth der Untiefen. Ihr sonst so präzises Sonarsystem versagt im sandigen Flachwasser. Das Echo auf die vom Pottwal ausgestoßen Schallsignale wird zu schwach und verwaschen vom feinen Nordseesand reflektiert, sodass kein klares Bild der Umgebung entsteht. Die Pottwale, sonst in Wassertiefen von über 3000 Metern zu Hause, tappen am flachen Wattenmeer also quasi im Dunkeln- und das mit leerem Magen, denn ihre Hauptnahrung, den Tiefseetintenfisch, finden die Wale in der durchschnittlich 80 Meter flachen Nordsee nicht.

Warum halten sich die Leviathane also überhaupt  in unserem Flachmeer auf?

Ein Herz vom Pottwal

Ein Herz vom Pottwal

Eine Frage, über die auch Wissenschaftler mangels klärender Forschungsprojekte nur spekulieren können.

So viel ist sicher: die nördlich von Norwegen lebenden, männlichen Meeresriesen waren auf dem Weg zu ihren Weibchen, die sich ganzjährig bei Madeira und den Azoren aufhalten. Offenbar kamen sie jedoch von ihrem direkten Kurs zwischen Nordmeer und Atlantik ab und gerieten bei Schottland in die “Sackgasse Nordsee”.

Fest steht auch, dass solche Fehlentscheidungen in den vergangenen Jahrhunderten immer schon vorkamen, allerdings liegt das 20. Jahrhundert mit knapp 100 in der Nordsee gesichteten Pottwalen an der Spitze der Statistik. Spekulationen, die einer zunehmenden Industrialisierung durch Öl- und Gasplattformen und damit der Unterwasser- Verlärmung der nördlichen Nordseegewässer die Schuld für das zunehmende Ablenken der Wale geben, sind daher nicht von der Hand zu weisen. Vor allem, vor dem Hintergrund, daß rund 80 der fast 100 registrierten Pottwalstrandungen an der internationalen Nordseeküste in den letzten sechs Jahren des vorigen Jahrhunderts passierten. Neben der Unterwasserverlärmung von Öl- und Gasplattformen werden neuerdings auch militärische  Eingriffe diskutiert. So betreibt die NATO ein tieffrequentes Schallwellennetz unter Wasser, das für die Navigation von U-Booten gebraucht wird. Es ist ja allgemein bekannt, dass Wale über Schallwellen miteinander kommunizieren und zahlreiche Beobachtungen bezeugen, dass Pottwale durch ungewohnte Geräusche abgeschreckt werden können. So wird auch vermutet, dass der Lärm des dichten Schiffsverkehrs im Englischen Kanal den Pottwalen den südwestlichen “Notausgang” der Nordsee versperrt.

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Abtransport der Unterkiefer

Diskutiert werden allerdings auch natürliche Ursachen:  So wird immer wieder die Theorie britischer Forscher bemüht, die festgestellt haben, dass es weltweit eine Häufung von Walstrandungen an Küsten gibt, an denen die Erdmagnetfeldlinien eine besonders geringe Feldstärke aufweisen. Da Wale sich an Magnetfeldlinien orientieren können, wäre ein Zusammenhang möglich. In dem Zusammenhang wird sogar der Einfluß von Sonnenflecken diskutiert.

Nicht auszuschließen ist auch schlichtweg Missgeschick und Unerfahrenheit in der Navigation jüngerer Bullen. Es wäre beispielsweise möglich, dass die Pottwale, abgelenkt durch die Jagd auf nach Süden ziehenden Tintenfischen, in die falsche Richtung schwammen. Dagegen spricht jedoch, dass die Tintenfischarten, die von Pottwalen bevorzugt werden, noch nie in nennenswerten Mengen in der Nordsee nachgewiesen wurden.

Auch das Argument, es gäbe seit Aufgabe der Großwaljagd bereits wieder so viele Pottwale in den Weltmeeren, dass daher eine erhöhte Strandungsrate an Nordseeküsten natürlich wäre, steht auf tönernen Füßen: erstens gibt es überhaupt keine verlässlichen Bestandszahlen und zweitens weisen die recht genauen Statistiken aus Jahrhunderten vor der intensiven Bejagung der Pottwale keine ähnlich hohen Strandungsraten auf, wie Ende des 20. Jahrhunderts.

LOTHAR KOCH

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