Seehundsterben klingt ab

©_MStock_13_04_1345TÖNNING. In Schleswig-Holstein werden kaum noch tote Seehunde an die Nordseeküste gespült. In der vergangenen Woche wurden durchschnittlich sechs Tiere am Tag gefunden, fast alle waren bereits vor längerer Zeit gestorben. Die Grippewelle unter den Seehunden scheint damit weitgehend abgeklungen zu sein. Seit Anfang Oktober wurden 1578 totkranke oder tote Tiere gefunden, davon 1053 auf Sylt, Helgoland, Amrum und Föhr.

„In Nationalparken heißt es Natur Natur sein lassen. Wir gehen davon aus, dass auch die Grippe der Seehunde ein natürlicher Vorgang ist. Aber wir sind froh, dass vermutlich knapp 90 Prozent unserer Seehunde die Erkrankungswelle gut überstanden haben. Ihr Bestand ist durch das Grippevirus nicht gefährdet“, erklärt Nationalparkleiter Dr. Detlef Hansen. Er dankt den speziell ausgebildeten Seehundjägern, die ehrenamtlich arbeiten: „Sie erfüllen schwierige Aufgaben. Sie bergen die toten Tiere, und mitunter müssen sie totkranke von ihren Leiden erlösen.“

Der Einsatz der Seehundjäger ist weiterhin wichtig. In der nächsten Zeit wird die Zahl toter Seehunde vermutlich leicht erhöht sein, weil sie nach dem Ende der gegenwärtigen Ostwindlage wieder vermehrt an die Küste getrieben werden. Zudem sterben auch ohne akute Erkrankungswellen jährlich mehr als tausend Seehunde an unseren Küsten. Wir müssen die Regeln der Natur akzeptieren, zu dem auch das Sterben von Wildtieren gehört.

Der in der Stufe Grün laufende Aktionsplan zum Seehundsterben wird aufgehoben. Damit ist die Einlieferung von Robben in die Seehundstation Friedrichskoog und ihre Auswilderung wieder möglich.

Seehunde können ebenso wie andere Wildtiere regelmäßig verschiedene Erreger beherbergen, die auf Menschen und ihre Haustiere übertragbar sind. Spaziergänger sollten daher immer Abstand zu kranken und toten Seehunden oder anderen Wildtieren halten. Man soll die Tiere nicht berühren und Hunde angeleint fernhalten. So kann einer möglichen Übertragung von Krankheitserregern vorgebeugt werden.

Als Ursache der erhöhten Seehundsterblichkeit hatten Wissenschaftler der Tierärztlichen Hochschule Hannover den Influenzavirus H10N7 identifiziert. Er wurde bereits im Frühjahr für das schwedische Kattegat, im Herbst für das dänische Kattegat und vor wenigen Tagen für das niedersächsische Wattenmeer nachgewiesen. Im niedersächsischen und hamburgischen Wattenmeer wurden in den vergangenen Wochen rund 100 tote Seehunde gefunden. Im Sommer lebten etwa 39.000 Seehunde im dänisch-deutsch-niederländischen Wattenmeer, davon rund 13.000 Tiere im schleswig-holsteinischen Wattenmeer.

Hendrik Brunckhorst,  Medieninformation der Nationalparkverwaltung SH Wattenmeer

seehundstat

Nationalparkverwaltung: Das Seehundsterben dauert an!

Seehund/Foto:M.Stock,LKN

 

TÖNNING. In Schleswig-Holstein werden nach wie vor tote und schwerstkranke Seehunde an die Nordseeküste gespült. Seit Anfang Oktober waren es insgesamt rund 1400 Tiere. Die Erkrankungswelle dauert an, scheint sich aber nicht zu verstärken. Auf Sylt, Helgoland, Amrum und Föhr haben die Seehundjäger 910 Tiere von den Stränden geborgen. Aus diesen Gebieten wurden die ersten Auffälligkeiten zu Beginn des Seehundsterbens gemeldet und seitdem täglich dokumentiert. Sie dienen als Referenzgebiete zur Abschätzung der weiteren Entwicklung des Seehundsterbens. In den übrigen  Bereichen der schleswig-holsteinischen Westküste wurden bisher 460 Seehunde gefunden.

Die Abbildung zeigt den zahlenmäßigen Verlauf des Seehundsterbens (tägliche Gesamtzahl toter Seehunde) in den vier Referenzgebieten (Quelle: LKN-SH). Sie kann ebenso wie das anliegende Foto des Seehundes (Quelle: Martin Stock/LKN-SH) in Zusammenhang mit der Berichterstattung hierzu verwendet werden.    Weitere Informationen zum aktuellen Seehundsterben sind auf der Website der Nationalparkverwaltung zu finden: www.nationalpark-wattenmeer.de/sh

Als Ursache der erhöhten Seehundsterblichkeit hatten Wissenschaftler des Institutes für Terrestrische und Aquatische Wildtierforschung (ITAW) der Stiftung Tierärztliche Hochschule Hannover den Influenzavirus H10N7 identifiziert. Nach Angaben dänischer und schwedischer Wissenschaftler wurde der Influenzavirus bereits im Frühjahr vor der schwedischen Küste nachgewiesen. Auf welchem Weg und mit welchen Überträgern der Erreger ins Wattenmeer gelangte, ist noch unklar.

Seehundjäger, Behörden und Wissenschaftler arbeiten nach einem von der Nationalparkverwaltung in Tönning entwickelten Aktionsplan mit dem Ampelsystem „Grün – Gelb – Rot“. Unverändert steht hier das Signal auf Grün, erläutert der Leiter der Nationalparkverwaltung Dr. Detlef Hansen am Donnerstag. „Das heißt, dass alles mit der üblichen Logistik zu bewältigen ist. Die Hauptarbeit leisten dabei die speziell ausgebildeten, ehrenamtlich tätigen Seehundjäger.“

Der Bestand der Seehunde in 2014 ist nach Erkenntnissen der Seehundexpertengruppe des Internationalen Wattenmeersekretariats in Wilhelmshaven gegenüber dem Vorjahr stabil geblieben. Sie geben  39.100 Tiere für das  dänisch-deutsch-niederländischen Wattenmeer und 13.000 Tiere für das schleswig-holsteinische Wattenmeer an. Die Zählungen werden alljährlich im August durchgeführt. Das in Schleswig-Holstein seit Anfang Oktober beobachtete Seehundsterben ist darum nicht in die Auswertung eingeflossen. Die Seehundexperten gehen davon aus, dass die Erkrankung für den Bestand des Seehunds im Wattenmeer keine Gefahr darstellt.

Seehunde können ebenso wie andere Wildtiere regelmäßig verschiedene Erreger beherbergen, die auch auf den Menschen übertragbar sind. Spaziergänger sollten daher immer Abstand zu kranken und toten Seehunden oder anderen Wildtieren halten. Man soll die Tiere nicht berühren und Hunde angeleint fernhalten. So kann einer möglichen Übertragung von Krankheitserregern vorgebeugt werden.

Pressemitteilung der Nationalparkverwaltung Schleswig-Holsteinisches Wattenmeer (Foto und Graphik: LKN)

 

Anmerkung der Redaktion: Inzwischen ist das Seehundsterben auch im Nationalpark Niedersächsisches Wattenmeer angekommen.

RSH-Beitrag zum “Rätsel der Sandbank”

Gestern sendete Radio Schleswig Holstein einen Beitrag zum aktuellen Seehundsterben. Hendrik Brunckhorst vom Landesamt für Küstenschutz und Nationalpark (LKN) berichtet den aktuellen Stand der Dinge (Teil 1) und Lothar Koch äussert sich zum “Rätsel der Sandbank” (Teil 2).

Teil 1:

 

Teil 2:

Der Tod kommt aus dem Kattegat-Rückblick zu vergangenen Seehundsterben

Bei der Suche nach Antworten auf die Frage, weshalb die Seuchenzüge unter Seehunden der Wattenmeernationalparke fast immer bei der kleinen Insel Anholt in der Ostsee begannen, ist eine wissenschaftliche Publikation* aus dem Jahre 2006 hilfreich (s.u.).

Möwen picken Kadaver auf. Tragen sie die Viren dann weiter? Können Mensch und Hund bei Spaziergängen an solchen Kadavern anstecken?

In einer gemeinschaftlichen Veröffentlichung blicken Wissenschaftler aus Schweden, Dänemark,Niederlande, England, Schottland und Deutschland auf die beiden wichtigsten Hundestaupe (PDV)-Seuchen der Jahre 1988 und 2002 zurück.
1988 starben insgesamt mindestens 23 000 und in 2002 über 30 000 Seehunde in Nord -und Ostsee.
In beiden Fällen wurden erste tote Seehunde bei der Robbenkolonie auf der Kattegat-Insel Anholt (Ostsee) gemeldet. (Ein weiterer, kleineres Seehundsterben mit 285 Totfunden geschah 2007 und ging ebenfalls auf Anholt los). Die Forscher entdeckten jedoch, dass die Ausbreitung der Seuche nicht nur kontinuierlich entlang der Küste weiterging, sondern sprunghaft plötzlich tote Tiere in weit entfernten  irischen (1988) und niederländischen (2002) Gewässern gesichtet wurden. Da Seehunde seitens der Robbenforscher als relativ standorttreu eingeschätzt werden, vermuten die Wissenschaftler, dass andere Arten als „Vektoren“ dienten , die gegenüber dem Virus selbst relativ unempfindlich sind und rasch größere Strecken überwinden können.
Dem gesuchten „Steckbrief“ entsprechen am ehesten die den Seehunden (Phoca vitulina) verwandten Kegelrobben (Halichoerus grypus).
Sie liegen öfter vereinzelt zwischen den Seehundkolonien auf Anholt, sind aber auch an allen anderen Küsten, wo das Seehundsterben auftrat präsent, gelten als schnelle Langstreckenschwimmer und sind selbst kaum vom Virus tödlich betroffen gewesen.
Normalerweise bilden Kegelrobben grosse Kolonien abseits von Seehunden, zum Beispiel an der britischen Ostküste. Kommen sie jedoch in nur geringen Zahlen vor, wie bei Anholt, Amrum, Helgoland, Juist und Texel, mischen sie sich auch zwischen die Seehunde auf die Liegebänke.
Im Winter 1987/88 kam es wegen der Überfischung von Lodden (Fischart) in der arktischen Barents See, zu einer Massenwanderung von Sattelrobben aus jenen Gewässern hinunter in die südliche Nordsee. Auch Sattelrobben sind PDV-Träger und könnten den Virus an Kegelrobben, die dann als Vektoren dienten, weitergegeben haben. Allerdings gab es 2002 keine vermehrt auftretenden Sattelrobben in der Nordsee, es ist aber nicht auszuschliessen, dass sich einzelne arktische Robben dennoch hier herumtrieben.
Einige Wissenschaftler gehen davon aus, dass der Virus 1988 auf eine sehr unfitte Population stiess, die schwer von Industrieschadstoffen belastet war. Nach dem über 60% des Bestandes in kürzester Zeit gestorben war, erholte sich der Wattenmeerbestand in einer erstaunlich schnellen Zeit. Dies führen die Wissenschaftler darauf zurück, dass mit der Seuche alle unfitten Tiere starben und die besser konstituierten Individuen übrig blieben. So konnten bei Totfunden aus dem Seuchenjahr 2002 nur noch wesentlich geringere Belastungen des Speckmantels mit PCBs und DDE (schwer abbaubaren, organischen Kohlenwasserstoffen) nachgewiesen werden (50-65% weniger). Die Seuche in 2002 konnte demzufolge nicht mit diesen Schadstoffen erklärt werden, jedoch werden neuere Schadstoffgruppen (Flammschutzmittel) als immunsystemschädigend diskutiert, für die es bis 2006 keine guten Vergleichszahlen gab. Die Theorie, dass Schadstoffe Hintergrund für den umfassenden Viren-, Parasiten- und Bakterienbefall der autopsierten Kadaver sind, ist also nicht vom Tisch.
Bei der aktuellen Epidemie handelt es sich ja bekanntlich nicht um die Hundestaupe, sondern um einen Vogelgrippevirus (H10N7). Ob der tatsächlich die Haupt-Todesursache ist, ist aber dennoch für Experten nicht eindeutig geklärt. Jedenfalls kommen also auch Vögel als Vektoren in Frage. Bei einem Fall von Influenza bei Seehunden (ca, 400 tote Tiere) an der Küste Neuenglands (1980) stellten die Virologen fest, dass gesunde Seehunde, die im Laborversuch mit dem Virus beimpft wurden, nur leichte Symptome im Atemtrakt zeigten, während die Wildtiere an dem Virus verendeten. Sie schlossen daraus, dass die Umweltbedingungen, in denen die Tiere leben, einen großen Einfluss auf den Krankheitsverlauf haben.

Der Influenza Virus H10N7 wurde bereits im Juli 2014 bei Seehunden auf Anholt identifiziert. Da muss die Frage erlaubt sein, wieso es dennoch trotz der multilateralen Zusammenarbeit nicht früher Alarmmeldungen und Überlegungen zum Schutz der Seehundspopulationen in Richtung Wattenmeerstaaten gegeben hat, wo  Totfunde erst Anfang Oktober auftauchten.

Weshalb nun immer die kleine Insel Anholt als Startpunkt für die Seuche herhalten muss und nicht Amrum, Sylt, Juist, Helgoland oder Texel, ist weiterhin unklar. Möglicherweise liegt es einfach an der geographischen Position der Insel mitten im Kattegat, die vielleicht erste Anlaufstation für an der norwegischen Küste nach Süden wandernde Robben ist, möglicherweise spielen aber auch Umwelt-Faktoren eine Rolle, die erst auffallen, wenn das gesamte Einzugsgebiet Anholts in einem interdisziplinären Ökosystem-Forschungsprojekt mal genauer unter die Lupe genommen würde. Das wäre eine lohnende Aufgabe zum Schutz von Mensch und Robbe, für die Universitäten und dem Steuerzahler sicher einige Euros, Pfund und Kronen wert. Der politische Wille ein solches Projekt zu finanzieren, scheint bislang jedoch nicht stark genug zu sein.

Lothar Koch
www.natuerlichsylt.net

Zitiert wurde u.a. aus:
*A review of the 1988 and 2002 phocine distemper virus epidemics in European harbour seals, Tero Härkönen,Rune Dietz, Peter Reijnders, Jonas Teilmann, Karin Harding, Ailsa Hall, Sophie Brasseur, Ursula Siebert, Simon J. Goodman, Paul D. Jepson, Thomas Dau Rasmussen, Paul Thompson. 2006

Seehunde leiden jetzt offiziell unter Vogelgrippe-Virus H10N7

Vögel picken Seehundkadaver auf und transportieren Viren so ggf. weiter

Das, was in Dänemark bereits seit Juli 2014 bei Seehunden von der Ostseeinsel Anholt herausgefunden wurde, ist nun heute nachmittag auch für Robben im schleswig-holsteinischen Nationalpark Wattenmeer bekannt gegeben worden. Die hier zuständigen Veterinäre und Virologen haben ebenso wie ihre dänischen Kollegen das Vogelgrippe-Virus H10N7 aus Kadavern isoliert, die in den vergangenen drei Wochen an Stränden Nordfrieslands eingesammelt wurden. Nähere Angaben dazu wurden nicht gemacht.

Deshalb hier mehr Details:
Für Experten ist das insofern interessant, als dass bislang noch nie europäische Seehunde mit Influenza Viren infiziert wurden. An der Küste Neuengland/USA wurde das jedoch erstmalig bereits Anfang der 1980iger Jahre festgestellt (1984, Hinshaw,V S, Geraci,JR et.al). Dort gab es dann einen weiteren Influenza-Ausbruch unter Seehunden im Jahre 2011.

Die Wissenschaftler gehen davon aus, dass Vögel den Virus direkt oder über ihre Ausscheidungen übertragen. Bei dem ersten Fall in Neuengland stellten die Virologen fest, dass gesunde Seehunde, die im Laborversuch mit dem Virus beimpft wurden, nur leichte Symptome im Atemtrakt zeigten, während die Wildtiere an dem Virus verendeten. Sie schlossen daraus, dass die Umweltbedingungen, in denen die Tiere leben einen großen Einfluss auf den Krankheitsverlauf haben.

Die Viren schädigen wiederum zusätzlich das Immunsystem der Seehunde und machen sie so anfälliger für weitere Krankheiten.

Obwohl  in Ägypten vor einigen Jahren zwei Kinder an H10N7 erkrankten, die auf einer Geflügelfarm lebten, schätzen Wissenschaftler die Gefahr für den Menschen als relativ gering ein. Allerdings ist für Vogelgrippenviren bekannt, dass sie in neuen Wirten schnell Mutationen bilden können, die gefährlicher werden können. Deshalb sollten Seehundkadaver auf keinen Fall ungeschützt berührt werden. Melden Sie bitte jedes tote Tier den Behörden, den Seehundjägern oder Schutzstationen!

 

Lothar Koch

Wozu eine Soko-Seehundsterben? Was soll das sein?

Da ich in dem Artikel der Sylter Rundschau vom 23.10.2014 etwas vereinfacht zitiert

BILD 24.10.2014

BILD 24.10.2014

werde hier meine Klarstellung dazu:

In dem Artikel heisst es:
der Sylter Biologe Lothar Koch fordert eine bessere Aufklärungsarbeit vom Land: „Eine wissenschaftliche Sonderkommission Seehundsterben sollte klären, wie es zu den Todesfällen kam und die Ergebnisse der Öffentlichkeit transparent zugänglich machen“, sagte Koch gegenüber unserer Zeitung.

Gemeint habe ich, dass in der Berichterstattung der Medien beim aktuellen und auch bei den vergangenen Seehundsterben überwiegend die Statistik der Totfunde thematisiert wird. Dies wird durch die Verlautbarungen der amtlichen Stellen, die im Wesentlichen darüber handeln, wo, wann, wieviele tote Seehunde geborgen werden, verstärkt. Diese Zahlen sind sicherlich notwendig und wichtig. Zuwenig wird jedoch darüber gesprochen, weshalb es überhaupt zu den mehrfachen Seuchenzügen unter Seehunden kam und weshalb der Beginn jedesmal bei der Insel Anholt im Kattegat gemeldet wurde und wie das Sterben im ökologischen Kontext der Hausmeere Nord- und Ostsee gesehen werden muss.

Es gibt m.E. also folgende offene Fragen:

Seehundbank vor Kohlestaubkraftwerk in Esbjerg, Foto: L.Koch

Seehundbank vor Kohlestaubkraftwerk in Esbjerg, Foto: L.Koch

- Warum beginnen die Seuchenzüge unter Seehunden so oft im Kattegat?
- Wie kommen die Viren in die Population und wie verbreiten sie sich?
- Was sind die wesentlichen Faktoren, die zu einer Anfälligkeit des Seehundsbestandes gegenüber Viren führen? Welche Gründe kommen potentiell in Frage:
Überpopulation (=Nahrungsmangel,Platzmangel), Immunsystemschwäche, Schadstoffbelastung, Stress durch Störungen im Habitat, Naivität gegenüber neu eingeführten Virenarten?
- Welche Rolle spielen andere Arten bei der Verbreitung der Viren?-Sattelrobben, Kegelrobben, Nerze, (Zug-)Vögel.
- Wie gefährlich sind die Viren für andere Arten, besonders für Haustiere und Menschen?
- Gibt es Möglichkeiten den Seehundsbestand in Zukunft vor Seuchenzügen zu bewahren? Soll das geschehen?
Aktiv, durch gezielte Maßnahmen?
Passiv durch Vermeidung von Schadstoffeinleitungen und Stress für die Populationen?

Um diese Fragen zu klären hatten Ämter und Wissenschaftler bereits 26 Jahre Zeit (seit dem ersten Seehundsterben 1988). Bislang ist an Antworten jedoch wenig in die Öffentlichkeit gedrungen. Man muss schon Spezialist sein, um gekonnt wissenschaftliche Veröffentlichungen auszuwerten, die einige dieser Fragen klären können, oder es zumindest versuchen.

Hier sehe ich also das Informationsdefizit. Eine SOKO Seehundsterben, also eine eigens zusammengestellte und finanzierte Gruppe von Fachleuten aus betroffenen Staaten und unterschiedlichen Disziplinen (z.B.: Veterinäre, Wildbiologen, Meeresbiologen, Virologen, Ornithologen, Meeressäugerspezialisten) könnte sicher offene Fragen optimal klären und dann auch für eine interessierte Öffentlichkeit aufarbeiten.
Vieles ist in zahlreichen Studien, Diplom-und Doktorarbeiten in den vergangenen

Möwen picken Kadaver auf. Tragen sie die Viren dann weiter? Können Mensch und Hund bei Spaziergängen an solchen Kadavern anstecken?

Möwen picken Kadaver auf. Tragen sie die Viren dann weiter? Können Mensch und Hund bei Spaziergängen an solchen Kadavern anstecken?
Foto: L.Koch

Jahrzehnten diesbezüglich schon anhand der mühsam eingesammelten toten Seehunde an Auswertung entstanden. Das sollte schnellstens einmal zusammengetragen und öffentlich kommuniziert werden.

Das würde nicht nur den Seehunden, sondern den ganzen Ökosystemen Nord-und Ostsee dienen, da Seehunde als Endglieder der marinen Nahrungsketten Bioindikatoren sind, also stellvertretend für das ganze Meer Aussagen zu dessen Stabilität liefern können.

Auch müsste eine vorsorglich orientierte Forschung im Sinne des Steuerzahlers und der Tourismuswirtschaft sein, da jeder Seuchenzug immense Kosten verursacht.

Werbung des Nordseebäderverbandes SH

Werbung des Nordseebäderverbandes SH

Lothar Koch

Wer löst das Rätsel des Seehundssterbens?

toter seehundWieder sterben an der Küste hunderte von Seehunden und keiner weiss genau warum. Mindestens 350 Tiere wurden in Schleswig-Holstein bislang geborgen, davon die meisten an der Wattenmeerküste, hauptsächlich auf Sylt und Amrum.

Krankheitsauslösend waren 1988 und 2002 die Viren des Seehundstaupe-Erregers, die letztendlich jeweils rund 20 000 Tieren das Leben kosteten. Jetzt, im Herbst 2014, kann der Krankheitsverlauf von den zuständigen deutschen Veterinären offenbar immer noch nicht eindeutig zugeordnet werden. Die Dänischen Ämter teilen mit, dass es sich diesmal nicht um die Seehundstaupe, sondern wohl eher um Influenza, also Grippeviren handeln würde. In diesem Fall wahrscheinlich Vogelgrippe-Viren, die nicht ganz ungefährlich für Hunde und Menschen sind (deshalb kranke Tiere nicht anfassen!).

Allen drei Seuchenzügen ist jedoch eines gemeinsam: jedes Mal wurde der Beginn des auffälligen Robbensterbens bei der kleinen Insel Anholt, mitten im Kattegat der dänischen Ostsee registriert.
Das kann doch kein Zufall sein! Zu erwarten wäre doch vielmehr, dass sich eine Seuche von einem Gebiet mit hoher Tierdichte in die Hauptrichtung der Meeresströmung ausbreitet. Bei den Seehund-Seuchenzügen ist es aber offenbar genau umgekehrt: Das Sterben beginnt in der von Seehunden relativ dünn besiedelten Ostsee und kriecht dann gegen den Haupt-Nordseestrom die Küste von Nord-Fünen ins dicht besiedelte deutsche Wattenmeer herunter.

Wieso das Seehundsterben nun schon das dritte Mal in Folge wieder bei Anholt losging und weshalb es überhaupt zu den Ausbrüchen der Hundestaupe kam, ist nie genau geklärt worden. Die Veterinär- und Nationalparkämter scheinen sich mit der Dokumentation der Sterbezahlen und des Seuchenverlaufes zufrieden zu geben, anstatt wirkliche Ursachenforschung zu betreiben. Etliche Hypothesen dazu kursieren schon seit 1988: Immunsystemschwächung durch zu hohe Schadstoffbelastung der Seehunde, Viren-Einschleppung durch arktische Sattelrobben oder Nerzfarmen, u.a.m.
Die Schutzstation Wattenmeer hatte deshalb schon 2002 die Einrichtung einer internationalen, wissenschaftlichen “Sonderkommission Seehundsterben” gefordert, um Virusseuchen unter den Robben von Nord-und Ostsee in Zukunft gar nicht erst aufkommen zu lassen. Diese Forderung ist nun aktueller denn je!
Eine “SOKO-Seehundsterben” sollte den Anrainerstaaten – schon aus ethischen Gründen – ausreichende Forschungsmittel wert sein. Zudem bedeutet jede Seehundseuche den Tod vieler heimischer Publikumslieblinge, verursacht eine Menge Entsorgungskosten und dämpft möglicherweise die Urlaubsfreude an betroffenen Küstenorten.

 

Lothar Koch

Robbensterben: Die große Angst vorm toten Meer

Historischer Rückblick vom Hamburger Abendblatt 20.7.2013

Die täglichen Bilder vom Robbensterben führten vor 25 Jahren zur längsten Menschenkette des Nordens. Abendblatt-Redakteurin Irene Jung erinnert daran, was die Aktion bewirkte.

Trotz des bewölkten Himmels ist es ein warmer Sonntag – angenehmes Sylter Strandwetter. Aber nach Baden ist am 24. Juli 1988 nur wenigen zumute. In Westerland stehen Plakate: “Unsere Nordsee – lasst sie leben!” Gegen 12 Uhr haben sich von List bis Hörnum mehr als 30.000 Menschen – Einheimische und Badegäste – aneinandergereiht. Eine Hubschrauberbesatzung registriert über 38 Kilometer die erste und längste Menschenkette, die Norddeutschland bis dahin gesehen hat.

Pastor Christoph Bornemann hat seinen Gottesdienst an die Westerländer Konzertmuschel verlegt. “Unsere Umwelt ist krank”, predigt er, “immer mehr Menschen leiden an Allergien, Pseudokrupp oder Krebs, und jetzt sterbe nach dem Wald auch das Meer.” Bornemann mahnt: “Einschnitte und Abstriche an Gewohnheiten sind unumgänglich, wenn wir wollen, dass auch unsere Kinder noch am Strand toben und im Wald spazieren gehen können.” Auch auf dem Festland sowie auf Föhr gibt es an diesem Sonntag Protestaktionen, auf Amrum bilden Hunderte am Strand den Schriftzug “Rettet unsere Nordsee”. Insgesamt sind mehr als 100.000 Demonstranten unterwegs.

Naturschützer, die Grünen und die engagierte Wenningstedter Bürgermeisterin Klara Enss

Frühgeburt eines Seehundes Vorbote des Seehundsterbens 1988 (Foto S.Menzel)

hatten Flyer verteilt und auch die Sommertouristen zum Mitmachen mobilisiert. “Das war wirklich eine unglaubliche Aktion”, erinnert sich der Biologe Lothar Koch, damals Sprecher der Schutzstation Wattenmeer auf Sylt. “Sogar Bürgermeister, Kurdirektoren und Geschäftsleute nahmen teil. Das war eine neue Qualität. Vorher hatten sie uns Naturschützer immer gedeckelt, wenn wir auf Ölreste oder Plastikmüll am Strand aufmerksam machten. Dann hatte es geheißen, das ist geschäftsschädigend.”

In der Badesaison 1988 aber konnte niemand mehr wegsehen. Schon im April hatte man bei Seehunden in der westlichen  Ostsee und dann auch in der Nordsee vermehrt Fehlgeburten und lebensschwache Jungtiere beobachtet. Anfang Mai waren alle Jungtiere des Jahrgangs gestorben. Mitten in der Saison wurden überall an der Nordseeküste auch ältere verendete Seehunde angespült – im August allein in Schleswig-Holstein 500 pro Woche.”Eine so dramatische Entwicklung hatten weder die Experten noch die Öffentlichkeit bis dahin je erlebt”, sagt Koch. “Die Behörden waren völlig überfordert, zumal es schwierig war, die verseuchten Kadaver zu entsorgen. Das Seehundsterben war über Monate ein Top-Thema bis in die Fernsehnachrichten.” Später, im Dezember 1988, zeigte eine vorläufige Bilanz: Mehr als 18.000 verendete Seehunde wurden in den Anrainerstaaten registriert, davon 5820 an Schleswig-Holsteins und 1100 an Niedersachsens Nordseeküste. Die rätselhafte Seuche reduzierte den Wattenmeerbestand von Holland, Deutschland und Dänemark um 60 Prozent.

An der Tierärztlichen Hochschule Hannover forschten Wissenschaftler im Sommer fieberhaft nach der Ursache. Ergebnis: Es war das Seehundstaupevirus (“phocine distemper virus”, PDV), das die Atmung der Tiere angreift, ihr Immunsystem schwächt und sie innerhalb von zwei Wochen tötet. Mysteriös bleibt bis heute, warum diese Epidemie – wie auch eine weitere im Jahr 2002 mit sogar 21.700 verendeten Seehunden – ausgerechnet auf der dänischen Ostseeinsel Anholt ihren Anfang nahm. Umweltschützer vermuten, das habe mit den dortigen Nerzfarmen zu tun. Virologen halten dagegen, dass in den Nerzbeständen schon seit Langem keine Staupe mehr aufgetreten sei. Weil Seehunde weite Strecken zurücklegen, breitete sich die Epidemie durch Kattegat und Skagerrak schnell in die Nordsee aus.

“Für uns war damals klar, dass die Staupeepidemie mit der Meeresverschmutzung zusammenhängt”, sagt die Goldschmiedin Edda Raspé, 1981 Mitbegründerin der Sylter Grünen. “1980 hatte ein Gutachten für die Bundesregierung schon alles genau beschrieben: die Schadstoffbelastung mit FCKW, Schwermetallen, Quecksilber, PCB, die Folgen für Meeressäuger, Fische, Krabben. Das hat uns die Augen geöffnet.” In der Nordsee wurden Giftmüll und Dünnsäure verklappt, ölverschmutzte Bilgenwässer und Schlacken abgelassen. 1980 hatte Greenpeace mit spektakulären Aktionen dagegen protestiert und zentnerweise missgebildete Fische vor das Bayer-Werk in Brunsbüttel gekippt. Die 80er wurden zum Jahrzehnt der erbitterten Kämpfe um Umweltschutz, im Meer wie an Land.

Berndt Heydemann, Biologe und Umweltminister im Kabinett von Björn Engholm (SPD), ließ die Kläranlagen des Landes umrüsten. 1990 wurde die Dünnsäure-Verklappung in der Nordsee verboten. Eine Weile lang hielt die Umweltbegeisterung auch auf Sylt an, Geschäftsleute musterten Lösemittel, PCB- und FCKW-haltige Produkte aus und diskutierten über die Abschaffung von Plastiktüten. Zu einer “Umwelt-Vorzeige-Insel”, wie der örtliche Unternehmerverein damals beteuerte, ist Sylt leider nicht geworden. Immerhin: “Das Seehundsterben war die sichtbare Bestätigung für die rücksichtslose Meeresverschmutzung”, sagt Lothar Koch. “Es hat die ganze Region aktiviert. Ich glaube sogar, ohne die damalige Betroffenheit wären wir mit einigen Umweltstandards nicht da, wo wir heute stehen.”

von Irene Jung, Hamburger Abendblatt